Er Sie Ich

25 Jahre nach ihrer Geburt konfrontiert Carlotta Kittel ihre Eltern mit ungeklärten Fragen. Wie haben sich ihr Vater und ihre Mutter kennengelernt? War sie ein Wunschkind? Und wieso trennten sich die Wege ihrer Eltern? Ein riskantes filmisches Experiment, denn: Kittels Eltern waren nie richtig zusammen und haben seit ihrer Geburt kaum miteinander gesprochen.  In ihrem dynamisch geschnittenen und geschickt montierten Interviewfilm „Er Sie Ich“ konfrontiert Kittel ihre Eltern mit der eigenen Vergangenheit. Entstanden ist ein schonungslos offener Film über enttäuschte Hoffnungen, schwierige Lebensentscheidungen und die Komplexität menschlicher Emotionen.

Webseite: www.facebook.com/ER.SIE.ICH.Film/

Deutschland 2017
Regie: Carlotta Kittel
Länge: 88 Minuten
Verleih: Partisan
Kinostart: 08.03.2018

FILMKRITIK:

Carlotta Kittel befragte für „Er Sie Ich“ abwechselnd ihre Mutter Angela und ihren Vater Christian zu persönlichen Fragen. Angela und Christian waren nie ein Paar, sie verbrachten Mitte der 80er-Jahre lediglich einige Liebesnächte miteinander. Kurz nachdem klar war, dass Angela mit Carlotta schwanger war, trennten sich ihre Wege. Nach dem Interview  konfrontierte Kittel ihre Eltern erneut mit dem Thema. Diesmal spielte sie dem jeweils anderen das damals im Interview Gesagte vor. Es treffen zwei unterschiedliche Formen von Wahrheit aufeinander. Doch wer hat Recht?

Carlotta Kittel ist hauptberuflich eigentlich Filmeditorin. „Er Sie Ich“ entstand 2017 im Rahmen ihres Meisterschülerstudiums an der Filmuniversität Babelsberg. Der Film erlebte seine Uraufführung auf dem Filmfestival Max-Ophüls-Preis 2017. Weitere Einladungen zu Festivals folgten, u.a. zur Hamburger Dokumentarfilmwoche.

„Er Sie ich“ ist ein ambitioniertes, äußerst mutiges filmisches Experiment, das so facettenreich und emotional vielschichtig ist wie das Leben selbst: mal traurig und schwermütig, mal heiter und unterhaltsam. Zwischendurch haben die (ungemein offenen) Bekenntnisse der Eltern vor der Kamera sogar beruhigenden, tröstenden Charakter, nur um kurz darauf zu verwirren. Eine wichtige Aussage des sehr lebendig geschnittenen Films ist in diesem Zusammenhang, dass es eine allgemeingültige, objektive Wahrheit über Ereignisse nicht gibt. Schon gar nicht, wenn diese mehrere Jahrzehnte zurückliegen und damit die Erinnerung stark verblasst ist.

Zu oben erwähnter Aussage gehört auch, dass verschiedene, individuelle Varianten von Wahrheit entstehen, sobald mehr als eine Person in bestimmte Geschehnisse verwickelt ist. Besonders gut wird das im Film bei der Frage deutlich, warum Angela überhaupt schwanger wurde. Hatten Angela und Christian keine Lust auf Verhütung? War es ein Versehen? Ein „Rechenfehler“ oder gar ein Unfall? Zwar betonen Kittels Eltern beide, dass sie es nie bereut haben und die Existenz ihrer Tochter ein großes Glück ist. Dennoch bekommen Kittel und der Zuschauer zwei unterschiedliche Antworten auf die Frage, wieso Angela schwanger wurde.

Aber der Regisseurin geht es gar nicht um eine endgültige  Wahrheitsfindung und Aufklärung. Eine gute Entscheidung. Denn abgesehen davon, dass in solchen Fällen ohnehin Aussage gegen Aussage steht und sich die Frage damit niemals abschließend klären lässt, ist ein anderer Aspekt viel spannender und entscheidender: die Erkenntnis nämlich, dass alle Erinnerungen stets den gleichen Wert besitzen und es wichtig ist, allen „Wahrheiten“  Gehör zu verschaffen. Die Tatsache, dass Kittel ihren Vater und ihre Mutter vor der Kamera gleich und damit fair behandelt, zeigt sich zudem noch durch etwas anderes. Beiden gesteht sie die exakte Redezeit zu und Beiden lässt sie ihre eigene Version der Vergangenheit – indem sie sich bei den Interviews zurückhält und die Gesprächspartner gewähren lässt.   

„Er Sie Ich“ dreht sich um ein formal scheinbar simples Experiment, das jedoch gehörig Sprengstoff bietet. Vor allem auf der Gefühlsebene. Denn Kittel fängt mit ihrer Kamera ebenso die unmittelbaren, ungefilterten Reaktionen auf das Gesagte des anderen ein. Besonders emotional wird es z.B. bei der Frage danach, was die Eltern überhaupt für eine Art von Beziehung hatten. Die Antworten darauf könnten unterschiedlicher nicht sein. Für Angela war es Liebe, für Christian nicht viel mehr als eine „Vögelbeziehung“. Dieser Moment bringt in gewisser Weise auch die ganze Komplexität und Schwierigkeit menschlicher (Liebes-) Beziehungen auf den Punkt: wohl nur sehr selten empfinden beide Seiten völlig gleich.

Björn Schneider