Erbarme Dich – Die Matthäus Passion

Ein Vergnügen ist es oft nicht, die dreieinhalb Stunden von Bachs Matthäus-Passion durchzustehen, gerade auf harten Kirchenbänken. Und doch ist es ein kaum zu beschreibendes Glück, dieser Musik zuzuhören, die auch ein Agnostiker als göttlich bezeichnen mag. Was die Faszination dieses Stücks ausmacht, versucht Ramon Gieling in seiner Dokumentation zu ergründen, die passend zum Osterfest in die Kinos kommt.

Webseite: www.salzgeber.de

Niederlande 2015 – Dokumentation
Regie: Ramon Gieling
Länge: 99 Minuten
Verleih: Salzgeber
Kinostart: 13. April 2017

FILMKRITIK:

Als Cineast kennt man die Matthäus Passion bzw. genauer gesagt ihren Schluss vor allem aus zwei Filmen: Pier Paolo Pasolinis Jesus-Film gleichen Namens und Martin Scorseses Mafia-Epos „Casino“, wo die pathos-getränkten Klänge den scheinbaren Tod des von Robert de Niro gespielten Mafia-Boss unterlegen. Pasolini kommt in Ramon Gielings loser Annährung an Bachs Stück dann auch vor, doch eine systematische Darstellung der vielfältigen Einflüsse Bachs auf andere Künstler darf man nicht erwarten.
 
Statt dessen kommen unterschiedliche Musiker, Komponisten und Künstler zu Wort, die sich auf die ein oder andere Weise mit Bachs Stück beschäftigt haben und erzählen von den Momenten, in denen sie Bach und seiner Musik zum ersten Mal begegneten und die sie oft ein Leben lang prägte.
 
Oft haben diese Momente mit dem Tod zu tun, dem Sterben eines Angehörigen, doch auch wenn Bachs Matthäus-Passion den Tod Jesus beschreibt transzendiert die Musik das Leid und  lässt emotional in höchste Höhen aufsteigen. Dass Ramon Gieling vor allem in den Niederlanden bekannte Künstler zeigt, den Opernregisseur Peter Sellars etwa, den Maler Rinke Nijburg oder die Schriftstellerin Anna Enquist, lässt seinen Film etwas spröde wirken, reduziert auf ein Land, dessen protestantische Gegenwart mit der katholischen Kraft der Musik Bachs kollidiert.
 
Lose Struktur von „Erbarme Mich – Die Matthäus-Passion“ ist eine Aufführung des Stücks, bei der Obdachlose die Rollen der Apostel übernehmen und zusammen mit professionellen Musikern und Sänger die einzelnen Szenen des Stücks nachzeichnen. Was sie darüber denken bleibt jedoch unklar, statt klarer Aussagen bemüht sich Gieling um Abstraktion, zeigt mal ein kopulierendes Paar, mal zwei Boxer im Kampf, in einem Bemühen um weitreichende Bezüge, die bisweilen ins Leere laufen.
 
Interessanter, weil konkreter, wird sein Film, wenn er seine Interviewpartner ausführlich zu Wort kommen und sie von ihren persönlichen Bezügen zur Matthäus Passion berichten lässt. Besonders dann aber, wenn tatsächlich die Musik von Bach im Mittelpunkt steht, Musiker und Sänger die Noten Bachs zum Leben erwecken. So mitreißend sind diese Klänge, dass man über ihnen auch manche bemühten Bilder Gielings vergessen mag der oft nicht wirklich zwingend Momente aneinanderreiht, die nur lose mit den Ideen Bachs verbunden scheinen.
 
Ein sperriger Film ist „Erbarme Dich – Die Matthäus-Passion“, nicht wirklich eine Dokumentation über eines der berühmtesten Stücke der Musikgeschichte, auch kein Konzertfilm, sondern eine mäandernde, bisweilen unfokussierte Annäherung an das, was Bach und seine Musik für unterschiedliche Menschen bedeutet.
 
Michael Meyns