Es ist nie zu spät

Aktiv ins Alter – Die enthusiastische, lebensbejahende Doku „Es ist nie zu spät“ widmet sich Menschen zwischen 69 und 102 Jahren, die mit Tatendrang ihren Lebensabend gestalten und sich trotz ihres Alters voll ins Leben stürzen. Der Film profitiert von seinen liebenswürdigen Protagonisten und einer ganzen Reihe emotionaler Momente, die unmittelbar eingefangen werden. Er rückt Menschen in den Fokus, die von Werbung und Medien oft sträflich vernachlässigt werden.

Webseite: www.esistniezuspaet-film.de

Schweiz 2017
Regie & Drehbuch: Manuel Schweizer
Darsteller: Charles Eugster, Peter Roseney, Fredi Lehmann, Verena Harzenmoser, Sigi Amrein
Länge: 88 Minuten
Verleih: Artvid Productions
Kinostart: 22. März 2018

FILMKRITIK:

Man ist so alt, wie  man sich fühlt – so lautet eine bekannte Redewendung. Ginge es nach ihr, wären die Porträtierten in „Es ist nie zu spät“ alle sehr jung. Denn so fühlen sie sich: kräftig, fit und voller Energie. Getreu dem Motto „Wer rastet, der rostet“. Regisseur Manuel Schweizer begleitet die junggebliebenen „Alten“ in ihrem Alltag und zeigt, was sie antreibt. Wie kann man sich auch im Rentenalter und weit darüber hinaus noch die Lust an neuen Aktivitäten bewahren? Und wie bringt man diese mit seiner Weisheit und Erfahrung am besten zusammen? Der Film gibt passende Antworten.

Manuel Schweizer, der auch das Drehbuch verfasste, begleitete seine Protagonisten über einen Zeitraum von drei Jahren. Neben seiner Tätigkeit als Filmemacher arbeitet er zudem als professioneller Stuntman. Die fünf Porträtierten im Film stehen – wie auch Schweizer selbst – für sportliche Fitness. Darüber hinaus kommt am Rande noch eine weitere Person vor, die für geistige Leistungsfähigkeit und mentale Fitness im Alter steht: eine 102-jährige klassische Pianistin, die beweist, dass man einer geliebten Tätigkeit auch mit über 100 Jahren durchaus noch nachgehen kann.

„Es ist nie zu spät“ ist ein treffender Titel für diesen euphorischen, positiv stimmenden Film. Die älteren Damen und Herren haben vor allem eines gemeinsam: sie sind derart umtriebig und körperlich fit, wie es viele junge Menschen bei weitem nicht sind. Gepaart mit ihrer Gelassenheit und Erfahrung, die sie über ihre vielen Lebensjahrzehnte gewinnen konnten, ergibt sich eine außergewöhnliche Mischung aus Ausgeglichenheit und Lebenslust. Dieser Mix scheint das Geheimnis der Porträtierten zu sein. 

Da ist z.B. der 97-jährige Charles, der erst mit 95 Jahren mit dem Sprinten begann. Bei ihm wird der Filmtitel Programm. Denn Charles zeigt beispielhaft, dass es im Leben nie zu spät für etwas ist. Ebenso wie Verena. Die 86-jährige betreibt Orientierungslauf so enthusiastisch und leidenschaftlich, wie sich Peter (70) von hohen Klippen in Gewässer stürzt. Mit 66 Jahren lernte er das Gleitschirmfliegen.

Regisseur Schweizer ist bei vielen emotionalen Momenten mit seiner Kamera hautnah dabei und fängt Siege ebenso wie Niederlagen ein. Charles, Verena und Co. sind allesamt beachtenswerte, sympathische Charaktere, die sich ihm gegenüber öffnen. Sieht man ihnen dabei zu, wie sie das Leben in vollen Zügen genießen, muss einem beim Gedanken ans Altern nicht angst und bange werden. Vorausgesetzt natürlich, man bleibt von schwerwiegenden Erkrankungen weitestgehend verschont.

„Es ist nie zu spät“ macht darüber hinaus klar, dass das Bild von Senioren, das uns Medien und Werbung oft vermitteln, längst überholt ist. Denn mit Nichten verbringen Menschen – nur weil sie z.B. das achte oder neunte Lebensjahrzehnt erreicht haben – automatisch den Tag mit Nichtstun. Geschweige denn, dass sie stundenlang lethargisch im Schaukelstuhl auf und ab wippen und in der „Superillu“ schmökern. Vorurteile und Klischees, geschürt von den Medien, die ältere Menschen oft in ein schlechtes Licht rücken. Durch sie entsteht erst das Bild vom wertlosen, am Rande der Gesellschaft stehenden Rentner. Das bestätigt im Film auch die Fitnesstrainerin von Charles, die ausgiebig zu Wort kommt. Sie beklagt die negative Darstellung von und Meinung über Senioren in den Medien, die von einigen Teilen der Gesellschaft kritiklos übernommen wird.

Björn Schneider