Europa – Ein Kontinent als Beute

Europa steckt in der Krise. Das ist eine Aussage, der inzwischen wohl kaum noch jemand widersprechen würde. Doch was ist im Projekt Europa schief gegangen und vor allem, was lässt sich ändern? Die letzte Frage ignorieren Christoph Schuch und Reiner Krausz in ihrem Film „Europa – Ein Kontinent als Beute“, auf erste schwanken die Antworten zwischen bedenkenswert und kruder Verschwörungstheorie.

Webseite: www-europa-als-beute.de

Dokumentation
Deutschland 2016
Regie, Buch: Christoph Schuch & Reiner Krausz
Länge: 78 Minuten
Verleih: Edition Salzgeber
Kinostart: 23. Februar 2017

FILMKRITIK:

Jahrzehntelang galt Europa als eine große Erfolgsgeschichte, als visionäres Modell, das den Kontinent nach Jahrhunderten der Kriege endlich zu dauerhaftem Frieden, Demokratie und wirtschaftlicher Prosperität geführt hat. Doch inzwischen hat dieses Erfolgsmodell tiefe Risse: Besonders die Wirtschaft an den südlichen Rändern kränkelt, die Unzufriedenheit wächst, der Brexit könnte der Anfang vom Ende des Projekts Europas bedeuten.
 
Doch warum ist das so? Was ist schief gegangen, warum schwächelt die europäische Wirtschaft, warum wächst das Misstrauen in die Demokratie? Politik- und Wirtschaftswissenschaftler suchen seit Jahren Antworten auf diese Fragen, doch längst ist die Welt viel zu komplex geworden, als das man einfache, klare Antworten geben könnte.
 
Wenn man nun wie die beiden Dokumentarfilmer Christoph Schuch und Reiner Krausz genau dies versucht, ist also Vorsicht angesagt: Vorsicht vor allzu leichten Antworten, Vorsicht vor einer Reduktion der komplexen Realität, Vorsicht vor Polemik und kruden Thesen. Erst recht, da hier letztendlich nur drei Einzelpersonen zu Wort kommen, die zwar interessante, aber alles andere als umfassende oder gar allgemeingültige Antworten liefern.
 
In zwei Teile zerfällt „Europa – Ein Kontinent als Beute: In einem sind zahlreiche Bauruinen zu sehen, die in Spanien, vor allem in Valencia die Landschaft verschandeln und als Mahnmale für die Verschwendungssucht und die bizarren Auswüchse von europäischen Subventionsprogrammen herhalten. Optisch sind diese Gebäude auch in ihrem ruinösen Zustand zwar eindrucksvoll, inwieweit sie als Symbol für den generellen Verfall Europas taugen bleibt jedoch offen.
 
Interessanter ist die zweite Ebene des Films, in der drei Männer zu Wort kommen und ihren ganz eigenen Blick auf die europäischen Probleme ausbreiten. Zum einen ist das der Historiker Daniele Ganser, der vor einigen Jahren mit einem Aufsehen erregenden Buch über NATO-Geheimarmeen das Selbstverständnis der Verteidigungsunion in Frage stellte. Zum anderen der linke EU-Abgeordnete Fabio De Masi, der den schleichenden Verfall der Demokratie und den zunehmenden Einfluss von Lobbyisten beklagt, und schließlich Dirk Müller, der als selbsternannter Börsenguru eine Zeitlang für Furore sorgte, inzwischen aber eher dafür bekannt ist, Anleger um Millionensummen gebracht zu haben und krude Verschwörungstheorien zu verbreiten. Hier fabuliert er zum Beispiel über ein Buch des ehemaligen amerikanischen Sicherheitsberaters Zbigniew Brzezinski, das von Politikwissenschaftlern im allgemeinen als kurzsichtig bezeichnet wird, von Müller jedoch als Blaupause für die Allmachtsphantasien der amerikanischen Regierung betrachtet wird. Solche und andere kruden Thesen darf Müller unwidersprochen ausbreiten, was die bedenkenswerten Überlegungen von Di Masi und Ganser bedauerlicherweise überschattet.
 
Doch auch ihre Überlegungen über die Missstände des europäischen Projekts, den schleichenden Verfall der Demokratie bleiben kaum mehr als einzelne Aspekte, die von den Regisseuren kontextlos nebeneinander gestellt werden. Ja, Europa kränkelt, die Gründe sind vielfältig und gewiss nicht in einem 78 Minuten kurzen Film anzudeuten, etwas konkretere Analysen, als sie Christoph Schuch und Reiner Krausz in ihrem Film liefern, wären aber durchaus möglich.
 
Michael Meyns