Europe, She Loves

Nicht erst seit dem Brexit werden die Zweifel an der Idee eines vereinten Europas laut, ein Thema, dass die Europäische Gemeinschaft wohl noch lange begleiten wird und das auch im Mittelpunkt von Jan Gassmanns Film "Europe, She Loves" steht. Vier Paare aus Ländern am Rand Europas sind darin zu sehen, in einer interessanten Mischung aus Dokumentation und Fiktion, die viel, wenngleich nicht unbedingt Überraschendes über Europa erzählt.

Webseite: www.dejavu-film.de

Schweiz/ Deutschland 2016 – Dokumentation
Regie, Buch: Jan Gassmann
Länge: 100 Minuten
Verleih: de-ja vu-Film
Kinostart: 29. September 2016

FILMKRITIK:

Ein merkwürdiger, ein ungewöhnlicher Film ist Jan Gassmanns "Europe, She Loves", der im Panorama der diesjährigen Berlinale seine Weltpremiere erlebte, in der Dokumentarfilm-Schiene, wo er fraglos hingehört – aber irgendwie auch nicht. Vier Paare beobachtet Gassmann, wobei – wie schon der Titel andeutet – dezidiert der weibliche Part im Mittelpunkt steht. In Dublin lebt Siobhan zusammen mit ihrem Freund Terry, beide machen Musik, beide kiffen und manchmal nehmen sie auch härtere Drogen. Auch Caro und Juan im spanischen Sevilla nehmen viele Drogen, leben in den Tag hinein, wissen nicht so recht wohin mit und in ihren Leben, wobei es auch hier eher die Frau ist, die an der Situation etwas ändern will. Ähnlich wie bei Penny und Niko in der griechischen Hafenstadt Thessaloniki, wo die Wirtschaftskrise deutlich zu spüren ist und die ohnehin schon allgegenwärtige Melancholie der meist diesigen Stadt noch verstärkt. Und schließlich Veronika und Harri, die am Rand der estnischen Hauptstadt Tallin leben. Mit tanzen in einem Club, in dem sie von wohlhabenden Geschäftsleuten begafft wird, verdient Veronika das Geld für die Familie, während Harri sich vor allem um Veronikas Sohn kümmert.

Seltsam träge wirken die vier Männer, allesamt etwa zwischen Mitte 20 und 30, mehr oder weniger zufrieden in ihrem unbestimmten Dasein. Ziele haben sie nicht, vielleicht auch nicht die Möglichkeiten in Ländern, die mehr oder weniger stark von wirtschaftlichen Problemen geplagt sind, etwas aus ihrem Leben zu machen, sich zu entwickeln. Sie leben im Jetzt, das geprägt ist von Partys, Alkohol, Drogen und Sex. Letzterer wird erstaunlich explizit in Szene gesetzt, zu allen vier Paaren hat Gassmann augenscheinlich so viel Nähe entwickelt, dass er und sein Filmteam so sehr zum Teil des Lebens wurde, dass er alles filmen konnte, ohne das die Anwesenheit der Kamera die Paare zu stören scheint.

Vor allem gilt dies aber nicht nur für den Sex, sondern auch für intime Gespräche, in denen es um alles und nichts geht, jedoch nie um Europa, zumindest nicht offensichtlich. Mit der Entscheidung, einen Film über heterosexuelle Paare in vergleichbaren Lebensumständen zu drehen, hat Gassmann einen sehr heterogenen Ausschnitt Europas gewählt, der dadurch von Anfang an keinen Anspruch erhebt, ein allumfassender Blick zu sein. Den Bezug zu Europa, den politischen und wirtschaftlichen Problemen eines eher intellektuellen als emotionalen Projekts, stellen dann auch nicht die Paare selbst her, sondern Gassmann. Immer wieder blendet er Fernseher oder Radios ein, mal im Bild, mal nur auf der Tonspur, zeigt Politiker, die schöne Phrasen vom Gemeinschaftsgefühl der wohlhabendsten Region der Welt, dem Friedensversprechen Europas zum Besten geben, von der Hoffnung also, die mit Europa verbunden ist.

In den vier sehr speziellen Leben der vier Paare, in vier Ländern Europas ist davon nur bedingt etwas zu spüren, hier geht es eher um Zweisamkeit als um das große Ganze, aber wie könnte es auch anders sein? Europa ist allgegenwärtig, aber die hehren Ideen und Ideale, die mit der Europäischen Union verbunden sind, spielen im Alltag der allermeisten Bewohner Europas keine Rolle, was sicherlich zum Teil erklärt, warum Europa oft eher egal wirkt und nicht als etwas, um das es sich zu kämpfen lohnt. Ob man das will, muss jeder für sich selbst entscheiden, Jan Gasmann gibt mit seinem Film "Europe, She Loves" keine Antwort auf diese Frage, er selbst stammt ja auch aus der neutralen Schweiz.

Michael Meyns