Falling

Nach drei Oscar-Nominierungen will der „Herr der Ringe“-Star und Publikumsliebling Viggo Mortensen zeigen, dass er mehr im kreativen Köcher hat und wirft als Autor und Regisseur seinen Hut in den Ring. Er spielt den sensiblen, schwulen Sohn, dessen autoritärer Vater seine sexuelle Orientierung nie akzeptierte. Die zunehmende Demenz steigert die Schroffheit des sturen Alten und bringt die Geduld seiner Angehörigen bis an die Grenzen. Mit psychologischer Präzision entwickelt Mortensen ein enorm bewegendes, gänzlich kitschfreies Drama, das unter die Haut geht – da könnte glatt die nächste Oscar-Nominierung winken.

USA 2020
Regie und Buch: Viggo Mortensen
Darsteller: Viggo Mortensen, Lance Henriksen, Laura Linney, David Cronenberg
Filmlänge: 112 Minuten
Verleih: Prokino, Vertrieb: Studiocanal
Kinostart: 26.11.2020

FILMKRITIK:

„Erik und ich sind die Mutter!“ antwortet John (Viggo Mortensen) geduldig, als sein homophober Vater Willis (Lance Henriksen) wie üblich seine üblen Beleidigungen liefert und abschätzig nach dem Wohlergehen seiner adoptierten Enkeltochter fragt. Auch für Johns Ehemann Eric hat Willis nur Verachtung übrig: „Aus welchem Teil von Japan kommst du?“ raunzt er ihn an. „Er ist Chinese“, klärt die kleine Tochter auf. Der von Demenz bedrohte Witwer ist aus dem Mittleren Westen angereist, Sohn und Tochter wollen ihn näher um sich haben und nach einem passenden Haus suchen. „Kalifornien ist für Schwanzlutscher!“ kommentiert der mürrische Alte die gut gemeinten Umzugspläne seiner Kinder.

Von Dankbarkeit hatte Willis noch nie eine Ahnung. Das einzige Lob seines Lebens bekommt John als er im Kindesalter mit Papas Gewehr eine Ente abschießt. Mit regelmäßigen Rückblenden wird das verkorkste Vater-Sohn-Verhältnis aufgefächert. Das aggressive Verhalten des Gatten bringt die Ehefrau zunehmend zur Verzweiflung, die der sensible John ohnmächtig mit ansehen muss. „Du siehst aus wie ein Mädchen, Lass dir die Haare schneiden!“ wird er als Teenager später angeblafft. Die chronischen Beleidigungen lässt nicht nur John sich bis heute gefallen, auch seine Schwester erträgt die Bösartigkeiten mit erstaunlicher Geduld. Selbst vor deren Kindern macht Willis mit seinen Beschimpfungen nicht halt. Doch der Enkel wehrt sich: „Du behandelst jeden wie Dreck!“, wirft er dem Opa vor. Der gibt sich völlig unbeeindruckt. Und bleibt es auch, als John doch noch irgendwann der Kragen platzt: „Glaubst du, du kannst immer sagen was du willst und alle verzeihen dir? Du sagtest nie ‚es tut mir leid’. Oder ‚ich liebe dich’.“ lautet seine bittere Bilanz.

Schauspiel-Veteran Lance Henriksen, einst als „Terminator“-Darsteller vorgesehen, gibt den Kotzbrocken mit schier beängstigender Intensität. Was leicht zur Klischeenummer hätte geraten können, fängt der 80-jährige Mime immer wieder mit Brechungen auf: Ein kurzes Blitzen in den Augen macht deutlich, wie dieser extrem unsympathische Polterer im Elend seiner eigenen Unzufriedenheit gefangen sein muss. Kleine Momente mit der Enkelin deuten an, dass tief verschüttet ein bisschen Zärtlichkeit vorhanden sein muss. Umgekehrt gibt Mortensen als sensibler Sohn mit endloser Engelsgeduld das genaue Gegenteil des knallharten Mafiosi aus „Tödliche Versprechen“ von David Cronenberg (den Kultregisseur hat er hier zu einem Gastauftritt als Proktologen überredet!). Auf psychologische Erklärungen wird klug verzichtet, das bleibt dem Publikum überlassen.

In Zeiten von ansteigendem Hass und Homophobie lässt sich dieses berührende Familiendrama durchaus als Parabel für die Gesellschaft sehen. Die queere Familie mit Kind und Empathie-Potenzial als zukunftsträchtige Perspektive. Rücksichtslose Rechthaber mit chronischem Aggressions-Problem als klares Auslaufmodell. Seinen Regie-Einstand hat der „Herr der Ringe“-Recke und Publikumsliebling mit Bravour bestanden.

Dieter Oßwald