Fata Morgana

Für seinen Hochschulabschlussfilm begab sich Simon Groß nicht – wie so viele andere Regisseure – in die deutsche Provinz, sondern nach Marokko. Dort lässt er ein junges Pärchen eine unfreiwillige Odyssee durch die Wüste erleben, während der sie ihr Leben und ihre Beziehung in neuem Licht erleben. Der am Rande zwischen Realität und Illusion angelegte Film überzeugt vor allem durch seine atmosphärischen Bilder, während er inhaltlich bisweilen Nahe an der Beliebigkeit entlangschrammt. Dennoch ein vielversprechendes Debüt, das gespannt auf mehr macht.

Webseite: stardust-filmverleih.de

Deutschland 2007
Regie, Buch: Simon Groß
Kamera: Peter Steuger
Schnitt: Stefan Stabenow
Musik: Mariana Bernoski
Darsteller: Matthias Schweighöfer, Marie Zielcke, Jean- Hugues Anglade
88 Minuten, Format 1:1,85
Verleih: Stardust Filmverleih
Kinostart: 16. August 2007

PRESSESTIMMEN:

Presseschau unter film-zeit.de hier…

FILMKRITIK:

Es beginnt als entspannter Ausflug mit dem Jeep. Das junge Pärchen Daniel (Matthias Schweighöfer) und Laura (Marie Zielcke) will dem touristischen Agadir entkommen, einmal das wirkliche Marokko fernab der Hotelburgen erleben und fährt in die Wüste. Gerade als der immer vorsichtige Daniel den Tagesausflug beenden will, lässt er sich durch eine spitze Bemerkung seiner Freundin dazu verleiten, die Schotterpiste zu verlassen und dem Ausflug mit etwas Querfeldeinfahren doch noch einen Hauch von Abenteuer zu verleihen. Für einen Moment scheint das auch zu gelingen, der Moment verleitet das Paar zu Sex im Sand (nicht das letzte Klischee des Films), doch danach ist alles anders. Sie findet den Weg zurück zur Piste nicht mehr und müssen angesichts der hereinbrechenden Nacht im Wagen übernachten. 

Am Morgen streikt der Motor und so machen sie sich zu Fuß auf den Weg. Immer hoffnungsloser scheint die Lage doch plötzlich steht ein geheimnisvoller Fremder ohne Namen (Jean-Hugues Anglade) vor ihnen. Schon einmal waren sie ihm begegnet, auf dem Weg in die Wüste. Auch da war er wie aus dem Nichts aufgetaucht und hatte ihnen seine Dienste als Reiseführer angeboten. Damals hatte Daniel das Angebot noch ausgeschlagen, nun nimmt er die Hilfe dankend an, doch der Fremde scheint andere Pläne zu haben. Statt sie nach der Reparatur des Jeeps zurück zur Piste zu bringen, führt er sie auf seinem Motorrad immer weiter in die Wüste. 

Während Laura fasziniert von dem mysteriösen, langhaarigen Fremden ist (und zwangsläufigerweise Sex mit ihm haben wird) steigert sich Daniel in immer größere Aversion. Je mehr ihm die Kontrolle über die Situation entgleitet, je weniger er Herr über sein Schicksal zu sein scheint, desto aggressiver und ungehaltener agiert er. Ein finaler Gewaltausbruch scheint die Situation aufzulösen, doch was nach dem überstandenen Abenteuer mit dem Pärchen passieren wird bleibt offen.

Den hohen Ambition, die Simon Groß in seinem Debütfilm aufbaut, wird er nicht immer gerecht. Zusätzlich zu der Extremsituation durch die er seine Protagonisten mit der Essenz ihres Seins und ihrer Beziehung konfrontiert scheint es ihm offenbar auch an einer leicht unwirklichen Atmosphäre gelegen zu sein. Schon das erste Auftreten des Fremden hat in seiner Unvermitteltheit den Anschein des Irrealen, so als wäre er – ganz dem Titel folgend – nur eine Vision, eine Luftspiegelung. Einerseits wird nun diese Lesart immer wieder bestätigt, die Absurdität der Situation, des Verhaltens des Fremden betont und damit ihre Echtheit in Frage gestellt. Andererseits unterläuft der Film mit allzu realen Momenten diese Möglichkeit auch fortwährend. 

Doch entsteht daraus nicht ein Gefühl der Unbestimmtheit, sondern einfach nur der Unklarheit. Die Kunst, Dinge offen zu lassen, eben nicht alles genau zu erklären, sondern der Phantasie des Betrachters zu überlassen ohne sich in Beliebigkeit zu verlieren, ohne ins abstruse abzudriften, gehört zu den schwierigsten Stilmitteln des Kinos. Nicht immer vermag Simon Groß diesen schmalen Weg zu meistern, doch allein der Versuch, über konventionelle Erzählweisen hinauszugehen, ist beachtenswert. In Verbindung mit dem offensichtlich vorhandenen Gespür für atmosphärisch dichte Bilder lässt für die Zukunft dieses jungen Regisseurs einiges erwarten.

Michael Meyns 

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Daniel hat ein juristisches Examen bestanden und belohnt sich mit einem Urlaub. Gemeinsam mit seiner Freundin Laura geht es nach Marokko. Doch suchen sie nicht nur das Hotel- und Strandleben, sondern ein Wüstenerlebnis. Mit einem Jeep preschen sie los. Eigentlich sind auch von der Piste aus die vielförmigen und endlosen Sanddünen zu bestaunen, doch die beiden werden übermütig, weichen von der Piste ab.

Natürlich dauert es nicht lange, bis der Jeep streikt. Sie stecken fest. Nichts geht mehr. Und keine Hilfe weit und breit. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als zu Fuß einen Rückweg in die Stadt zu suchen. Sie gehen los. Es wird Nacht. Sie müssen im Sand schlafen. Am nächsten Tag dasselbe. Das Wasser ist längst knapp geworden.

Dann taucht ein geheimnisvoller Fremder auf dem Motorrad auf. Er bietet Hilfe an. Doch es ist eine Täuschung, denn er fährt mit Laura und Daniel auch immer nur durch die Wüste. Einige Tage lang. 

Was hat er vor? Ist sein Verhalten krankhaft? Will er das Liebespaar im Zustand der Erschöpfung auseinander bringen? Will er sich der Frau bemächtigen? Will er nur sein Vergnügen an der Not anderer? 

Das Katz- und Maus-Spiel geht weiter: an einem Wasserlauf, in einer verlassenen Stadt, in der endlosen Weite. Dann eine überraschende Wende, die jedoch letztlich sowohl Daniel und Laura als auch den Kinozuschauer im Ungewissen lässt.

Kein leichter und einfacher, wenn auch mehrfach geförderter Film (u.a.FFA und FFF). Fast keine Handlung. In der ersten halben Stunde nur Autofahrt durch die Wüste. Thematisch ist der Bogen schneller zu finden. Vonstatten geht nicht nur eine äußere, sondern auch eine innere Reise. Es geht um Angst, Eifersucht und Unsicherheit. Es geht um die Nagelprobe für die Beziehung zwischen Daniel und Laura, um die Frage, ob ihre Liebe schon beständig genug ist. Es geht darum, dass die beiden auf den Fremden ziemlich unterschiedlich reagieren und dass er aus dieser Divergenz und dem Fehlverhalten des Liebespaares, das die Piste nie hätte verlassen dürfen, Nutzen für sein Spielchen ziehen kann. 

Matthias Schweighöfer ist Daniel, Maria Zielcke ist Laura, der Franzose Jean-Hugues Anglade agiert als der Fremde. Gespielt wird ganz gut. Die Inszenierung ist eigenwillig, experimentell, äußerst sparsam, stärker auf das Innere als auf das Äußere gerichtet, etwas Besonderes auf jeden Fall. Jedoch eher eine Übung für allgemein Gedankliches und für Stil als ein fertiges Meisterstück.

Thomas Engel