Faust

In Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet, ist Alexander Sokurows „Faust“ weniger eine Verfilmung von Goethes Drama, als eine Meditation über Macht, die Seele, den Menschen an sich. Sokurows „Faust“ ist bildmächtig, eigenwillig und fraglos ein faszinierendes Kunstwerk, aber auch enigmatisch bis an die Grenze zur Unverständlichkeit.

Webseite: www.mfa-film.de

Russland 2011
Regie: Alexander Sokurow
Buch: Alexander Sokurow, Marina Korenewa, Juri Arabow
Darsteller: Johannes Zeiler, Anton Adassinsky, Isolda Dychauk, Georg Freidrich, Hanna Schygulla, Florian Brückner, Lars Rudolph
Länge: 134 Minuten
Verleih: MFA
Kinostart: 19. Januar 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Etwas überraschend war es doch, als Alexander Sokurows „Faust“ bei den diesjährigen Filmfestspielen von Venedig mit dem Hauptpreis ausgezeichnet wurde. Selbst in Cineastenkreisen wird der 60jährige Regisseur, der im Laufe seiner langen Karriere über 50 Spielfilme, Dokumentationen und Essayfilme gedreht hat, kaum wahrgenommen. Zwar gilt Sokurow als Nachfolger Andrej Tarkowskys, doch gegen die im höchsten Maße enigmatischen Filme Sokurows wirkt selbst Tarkowsky wie leicht verständlicher Mainstream. Kein Wunder also, dass nur ganz selten ein Sokurow-Film in die deutschen Kinos kommt, zuletzt wagte ein Verleih dies 2004.

Nun also „Faust“, der deutsche Text schlechthin und dementsprechend ist die Originalversion dieses russischen Films auch Deutsch. Was bedeutet, dass der Film komplett nachvertont ist, die russischen Schauspieler synchronisiert sind, was dem Ganzen einen zusätzlich künstlichen Effekt verleiht. Denn künstlich, außerweltlich, mysteriös wirkt die ganze Welt, die Sokurow hier entwirft, in der er nicht wirklich Goethe inszeniert, sondern Versatzstücke des Dramas als Anlass für meditative Reflexionen benutzt.

Sein Faust (der österreichische Schauspieler Johannes Zeiler) ist Arzt, der in der ersten Szene mit ganzem Körpereinsatz eine Leiche ausweidet, die einzelnen Organe betastet, doch vergeblich nach dem Sitz der Seele sucht. Ihm zur Seite steht sein Famulus Wagner (Georg Freidrich), der ebenso sporadisch auftritt wie das Gretchen, die hier nur Margarete genannt wird (Isolda Dychauk). Aus Geldnot will Faust einen Ring versetzen und gerät dabei an den Wucherer, wie die Mephisto-Figur hier heißt. Gespielt wird er vom russischen Tänzer und Schauspieler Anton Adassinsky, der mit seinen markanten Gesichtszügen, eher wie ein hinterhältiger Habicht wirkt, als wie die verführerische Figur Goethes.

Kaum wahrnehmbar wird der Teufelspakt geschlossen, viel wichtiger als narrative Stringenz ist Sokurow die Atmosphäre, und die ist außerordentlich. Zusammen mit seinem Kameramann Bruno Delbonnel taucht Sokurow die Geschehnisse in ausgeblichene Farben, mal milchig weiß, mal grünlich, gelblich, wie Körperausdünstungen wirkend. Die engen Sets, die mobile Handkamera und vor allem das heutzutage nur noch selten gebrauchte Vollbildformat 1:1,33 tragen zur bedrohlichen, einengenden Atmosphäre des Films bei. Mit seinen bekannten Stilmitteln wie verzerrten Bildern, einer oft kaum verständlichen Tonspur auf der zudem über weite Strecken fast an Fahrstuhlmusik erinnernde klassische Musik für einen gleichförmigen, hypnotischen Klangteppich sorgt, lässt Sokurow eine kleinbürgerliche Welt entstehen, geprägt von Unmoral, primitiven Gelüsten, dem Abbild eines sinnlosen Leben schlechthin.

Ab und an vernimmt man eine Goethesche Zeile („Habe nun Ach..“), erinnert eine Szene an das Drama („Auerbachs Keller“), in erster Linie aber ist dies der finale Teil von Sokurows Tetralogie über die Macht. In „Moloch“, „Taurus“ und „Die Sonne“ hatte sich Sokurow mit Hitler, Lenin bzw. dem japanischen Kaiser Hirohito beschäftigt und untersucht, wie totale Macht und ihr Verlust diese Personen geprägt und verändert hat. Und so geht es auch in „Faust“ weniger um Fausts Begierde nach Margarete, sondern um seine durch den Teufelspakt erlangte Macht. In langen Dialogpassagen wird über Fragen der Macht reflektiert, über ihre Verführungskraft und vor allem die die Gefahr, die von ihr ausgeht. Umso ironischer, dass dieser Film vor allem dank der Einflussnahme Wladimir Putins entstand, einem Sinnbild für modernen Machtmissbrauch schlechthin. Viele Fragen wirft dieser „Faust“ auf, viel mehr als er auf den ersten Blick beantwortet, aber genau das macht Alexander Sokurows Film so eindrucksvoll und in der heutigen Kinolandschaft fast einzigartig.

Michael Meyns

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