Fernes Land

Auf der Suche nach dem Glück, das sind sie beide. Haroon, der illegal nach Deutschland gekommene Pakistani, und Mark, ein von einer Karriere als Koch in Japan träumender Versicherungsangestellter. Ein Unfall bringt beide unfreiwillig zusammen – und erlaubt es vor allem dem Kopfmenschen Mark, plötzlich einzutauchen in eine Parallelwelt vor den Toren Leipzigs. In Haroons Fall sorgt die Gefahr einer Abschiebung für dauerhaften Zündstoff. Der aus Indien stammende Kanwal Sethi beschreibt die sich langsam entwickelnde Freundschaft in seinem Spielfilmdebüt mit einem wohltuend unsentimentalen Blick. Das Ende lässt er offen.

Webseite: www.fernesland.de

Deutschland 2010
Regie: Kanwal Sethi
Darsteller: Christoph Franken, Atta Yaqub, Karina Plachetka, Kulbhushan Kharbanda
88 Minuten
Verleih: Missing Film
Kinostart: 2.2.2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Nichts fürchtet man mehr und strebt man gleichzeitig an als die Veränderung des eigenen Lebens. Dieser Satz fällt als einleitende Reflexion zu Beginn von Kanwal Sethis „Fernes Land“. Gemünzt ist er konkret auf den Versicherungsangestellten Mark (Christoph Franken). Ihm steht nicht nur ein Sprung auf der Karriereleiter bevor, auch seine Freundin (Karina Plachetka) will er bald heiraten. Als die Lebensgefährtin auf seinen Antrag zurückhaltend reagiert, flüchtet sich Mark in sein Auto und hinein in die winterlich verschneite Nacht. Noch während ihm Gedanken wie jener, nun vielleicht doch endlich seinen Traum von einer Karriere als Koch in Japan anzugehen, durch den Kopf schießen, springt aus dem Nichts plötzlich der Pakistani Haroon (Atta Yacub) vor sein Auto.

Mark bringt den leicht verletzten Papierlosen an dessen Arbeitsstelle in einem muslimischen Schlachthaus, und gerät mitten hinein in einen Streit zwischen Haroon und seinem die Situation seines Angestellten ausnutzenden Arbeitgeber, in dem es um Geld, das Haroon für die Beschaffung illegaler Ausweispapiere benötigt, kommt. Haroon erweist sich hier bereits als ausgesprochener Hitzkopf, als kampfbereiter Bauchmensch. Mitgegangen, mitgehangen: auch für Mark beginnt nun eine abenteuerliche Odyssee. Sie führt unter anderem in eine asiatische Markthalle. Hier gehen dem Hobbykoch beim Anblick all der kulinarischen Köstlichkeiten fast die Augen über. Er, der in dieser ihm fremden Welt immer nur als „der Weiße“ angesprochen wird, staunt dennoch über die Herzlichkeit und Gastfreundschaft der hier lebenden Asylanten.

Mark erfährt in dieser Nacht durch die Nähe zu den Immigranten, wie es sich anfühlt, wenn unvermittelt harsch und überkorrekt auftretende Beamten zur Passkontrolle bitten. Er erlebt die Verzweiflung von Haroon, der seinen Lebenstraum – die Eröffnung eines kleinen pakistanischen Frisörsalons – kurz vor dem Ziel zerrinnen sieht, auch weil ein Verwandter das für die Ausweisbeschaffung notwendige Geld offenbar veruntreut hat.

Gewiss schneidet der 1971 im indischen Amritsar geborene Regisseur, der im Alter von 21 Jahren nach Dresden, später nach Leipzig (wo dieser Film auch spielt) zog, Klischees in der Darstellung von Immigrantenschicksalen an. So auch die Telefonate in die Heimat, in denen Haroon stets beteuert, wie prima alles bereits mit der Existenzgründung laufe. Sethi schildert diese Situationen jedoch absolut realistisch und dem Temperament des Moments entsprechend, und folgt vielmehr dem Weg des Lebenstraumes sowie jenem schwer zu gehenden Schritt, von dem man weiß, dass es der richtige sein wird.

Im Unterschied zu vielen anderen Migrantendramen bleibt „Fernes Land“ insofern unspektakulär, als sich der Traum von neuen Leben eben auch in einer hier in Deutschland fest verwurzelten Figur äußert. Dass die Motive dieses Traums für beide Seiten – Ein- wie Auswanderer – identisch sind, dies kommt durch diese metaphorisch in eine ereignisreiche Nacht gepackte Geschichte klar zum Ausdruck. Christoph Franken bringt die leicht ängstliche und unsichere, bisweilen devote Haltung von Mark gut auf den Punkt. Atta Yacub, ein britischer Schauspieler, der auch schon in Ken Loachs „Just a kiss“ einen Einwanderer spielte, sorgt für das explosive, unberechenbare Moment dieser offenen Freundschaftsgeschichte. Eine Veränderung aber wird am Ende stattgefunden haben.

Thomas Volkmann

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