Finn und die Magie der Musik

Filmkunst für die ganze Familie – eine gute Idee und besonders in der Vorweihnachtszeit durchaus Erfolg versprechend. Die anspruchsvolle, bereits mehrfach ausgezeichnte Geschichte um den neunjährigen Finn und seinen Weg zur Musik lebt von der handwerklich guten Umsetzung und starken Darstellern in einem Melodram, das, ebenso wie der Held, seine hellsten Momente der Musik verdankt. Wie Finn gegen alle Widerstände zum Violinespielen findet, ist trotz einiger Holperer im Drehbuch ein spannender und anrührender Film mit märchenhaftem Charme, der vor allem ältere Kinder und ihre Eltern ansprechen könnte.

Webseite: www.arsenalfilm.de

Niederlande, Belgien 2013
Regie: Frans Weisz
Buch: Jannek van der Pal
Darsteller: Mels van der Hoeven, Daan Schuurmans, Jan Decleir, Justin Emanuels, Jenny Arcan
Kamera: Goert Giltay NSC
90 Minuten
Verleih: Arsenal
Kinostart: 4. Dezember 2014
 

Auszeichnungen:

Final Cut, Marburger Kinder- und Jugendfilmfestival: Bester Film
Kinderfilmfest Bielefeld, Jury Preis: Bester Film
Tel Aviv Film Festival, Jury Preis: Bester Film
Giffoni Film Festival: Bester Film
Kino SAGA Festival Litauen: Bester Film
CAT-Festival Russland, Spezialpreis der Jury: Bestes Drehbuch

FILMKRITIK:

Finn spielt Fußball – nicht weil er es mag, sondern weil sein Vater Frank es so will und weil alle Jungs in dem kleinen holländischen Dorf Fußball spielen. Doch leider zeigt Finn ebenso wenig Begabung wie Begeisterung für den Sport. Als Finn eines Tages einen alten Mann Geige spielen hört, fühlt er sich von der Musik so angezogen, dass er seinen Vater darum bittet, Violine zu lernen. Bei den Klängen der Geige kommt es Finn so vor, als wäre seine Mutter wieder zum Leben erwacht, die bei seiner Geburt gestorben ist. Aber Frank, der den Tod seiner Frau noch immer nicht verkraftet hat, reagiert unerwartet ablehnend auf Finns Wunsch. So kommt es, dass Finn seinen Vater anlügt, er wäre beim Fußballtraining, und heimlich zum Geige üben geht. Irgendwann wird das Lügengebäude einstürzen, und irgendwann wird Finn von dem großen Geheimnis erfahren, das sein Vater seit seiner Geburt vor ihm bewahrt hat.
 
Sehr ernsthaft ist dieser Film, und ebenso ernsthaft sind die Themen, um die es geht: Tod und Trauer. Frans Weisz verbindet Märchen, Mystery und Realität zu einer ungewöhnlichen Melange, in der Finn als blondschöpfiger Träumer zu einem Jungen wird, der mehr oder weniger freiwillig lernt, sich durchzusetzen. Ein wenig mehr Leichtigkeit hätte dem Drehbuch gut getan, das eine merkwürdig ambivalente Haltung zum Übersinnlichen mit angemessener Familienfreundlichkeit und politischer Korrektheit verbindet. Nicht alles ist immer stimmig. Doch die fantasievolle Geschichte von der Mutter, die für Finn nur auf Fotos existiert und ihn indirekt zur Musik bringt, ist stark genug und bietet eine solide Grundlage für die dramatische Familiengeschichte. Das Drumherum mit kindgerechten Beigaben wirkt manchmal aufgesetzt, von der verständnisvollen Lehrerin bis zu den fiesen Fußballkumpels. Gelegentlich wird der Film ein bisschen sentimental, was aber – ebenso wie die melancholische Atmosphäre – zum Sujet passt.

Doch die große Stärke des Films ist sein Umgang mit der Welt der Fantasie und ihrer Macht über die Menschen: Finn verfügt über eine offenbar sehr lebhafte Einbildungskraft, und Frans Weisz macht aus Finn einen Helden, der mit Fantasie erreicht, was in der Realität nicht möglich wäre. Er lässt seinen kleinen Hauptdarsteller Mels van der Hoeven die glaubwürdige und anrührende Geschichte eines Außenseiters erzählen, der ganz alleine seinen Weg finden muss. Mels van der Hoeven spielt so leise und zurückhaltend, dass man ihm den Träumer sofort abnimmt. Als in Trauer erstarrter und daher überstrenger Vater Frank ist Daan Schuurmans zu sehen, der eine leichte Ähnlichkeit mit André Rieu hat, was vermutlich Absicht ist. Ein wenig Abwechslung in den Männerhaushalt bringt Jenny Arcan als liebenswert pragmatische Nachbarin. Sie hat für jede Gelegenheit das passende Essen und bringt auf diese Weise eine erfrischend realistische Lebenseinstellung in die Welt eines Jungen und seines Vaters, die ihre Gemeinsamkeiten erst noch entdecken müssen.

Gaby Sikorski