Fliegende Fische müssen ins Meer

Güzin Kar, Drehbuchautorin von Vivien Naefes „Die wilden Hühner“, hat auch in ihrem eigenen Spielfilm einen Haufen wilder Hühner losgelassen. Das wildeste und verrückteste unter ihnen spielt Meret Becker als alleinerziehende und heillos überforderte Mutter von drei Kindern in einem Schweizer Provinznest am Hochrhein, deren älteste Tochter sich das erste Mal verliebt. In der Umsetzung der von ihr verfassten Geschichte gibt sich die türkischstämmige Regisseurin bisweilen zwar ebenso chaotisch wie viele ihrer Figuren – der übertrieben märchenhafte Charakter hat aber gleichzeitig auch etwas sehr Sympathisches.

Webseite: www.movienetfilm.de

Schweiz/Deutschland 2011
Regie: Güzin Kar
Darsteller: Meret Becker, Elisa Schlott, Barnaby Metschurat, Hanspeter Müller-Drossaart, Mona Petri, Andreas Matti, Alia Duncan, Joseph Sunkler
84 Minuten
Verleih: Movienet Film
Kinostart: 25.8.2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Die 15-jährige Nana (Elisa Schlott) ist von ihrer Mutter Roberta (Meret Becker) alles andere als begeistert. Verantwortung für ihre drei von jeweils unterschiedlichen Vätern gezeugten Kinder kennt Roberta ebenso wenig wie sie einer festen Arbeit nachgeht. Entsprechend schwierig gestalten sich denn auch die regelmäßigen Termine auf dem Jugendamt, wiederholt fällt Roberta auf die großspurigen Versprechen und Avancen durchreisender Geschäftsleute herein, denen sie bei einer Bootsfahrt auf dem Rhein keck Madonnas „Like a virgin“ trällert. Im Dorf ist sie als bunter Vogel verschrien.

Verständlich, dass sich ihre Kinder nichts sehnlicher wünschen als Normalität, vor allem aber einen festen Partner für die Mama respektive einem fürsorglichen Vater für sich selbst. Als Nana eines Tages den jungen Arzt Eduardo (Barnaby Matschurat) beim Angeln am Rhein kennen lernt, ist ein erster Gedanke sogleich auch, ihn der Mama vorzustellen. Doch dann verliebt sich Nana in den gut aussehenden Eduardo, der sie dazu ermuntert, an ihrem Traumberuf als Schiffskapitänin festzuhalten.

Nanas Traumberuf ist nicht von ungefähr so gewählt, steht sie doch kurz davor, ein eigenes Leben zu führen, sich eventuell auch dafür zu entscheiden, die bürgerliche und spießige Enge ihres Heimatortes zu verlassen. Die erwachsenen Figuren wissen mit ihrer vermeintlichen Freiheit jedoch nicht wirklich etwas anzufangen, sind entweder zu schüchtern, flüchten vor festen Bindungen oder übertreiben es im anderen Fall bei der verzweifelten Suche nach einer festen Beziehung. Ganz normal, so viel steht fest, ist hier niemand. Hat man das einmal akzeptiert, ist „Fliegende Fische müssen ins Meer“ eine trotz seines tragisch-dramatischen Hintergrunds berührende und lustige Geschichte, die von verrückten Einfällen lebt und das Stilmittel der Übertreibung in keiner Sekunde leugnet.

Meret Becker und Elisa Schlott sind hier das ungleiche Mutter-Tochter-Gespann, in dem die jüngere der beiden meist vernünftiger und bodenständiger wirkt als die Erwachsene. Becker steht die Rolle des verrückten Huhns, Schlott darf zeigen, dass sie vom einsamen Mädchen bis hin zur entschlossenen Verführerin einiges drauf hat. Auch männlicherseits bietet die Komödie zwei gegensätzliche Charaktere auf: hier Barnaby Metschurat als emotional distanzierter, mehr einem Berater und guten Freund ähnelnder Mensch, dort Hanspeter Müller-Drossaart als in Gefühlsdingen eher über das Ziel hinausschießender Chorleiter.

Markante Figuren am Rande sind aber auch die Damen vom Chor sowie das Personal auf dem Jugendamt, allen voran jene Beamtin, deren Steifheit und Strenge zusätzlich noch durch ein abenteuerliches Kopfstützkorsett unterstrichen wird und dem antiautoritär laxen Geist von Roberta krass entgegensteht, außerdem ihr Assistent, der sich als Ausdruck seines depressiven Lebensgefühls gleich schon mal einen Strick um den Hals gelegt hat. Mit einer übersteigerten Farbgestaltung setzt der Film auch formal Akzente, Güzin Kar nennt ihr Konzept „eine Mischung zwischen Bonbontüte und Pillenschachtel“. Für alle Figuren gilt: „Träumen ist schön, aber man muss auch wieder aufwachen.“ Und das tun sie alle dann auch noch rechtzeitig.

Thomas Volkmann

Eine Patchwork-Familie irgendwo am Hochrhein an der deutsch-schweizerischen Grenze. Roberta hat drei Kinder von drei verschiedenen Männern, die 15jährige Nana und noch zwei kleinere.

Roberta nimmt das Leben leicht, zu leicht. Sie hatte unzählige Männerbekanntschaften, lässt die Kinder oft allein, lässt dafür lieber ihrer Phantasie freien Lauf. Immerhin versucht sie wenigstens Arbeit zu finden. Ihr Leid klagt sie einer Marienstatue.

Wenn Nana nicht wäre! Die arbeitet als Stauwerkswärterin, verdient das Brot der Familie, hält alles zusammen.

Das Jugendamt droht Roberta. Wenn sie sich nicht bessert und ihr Leben in gescheite Bahnen lenkt, werden ihr die Kinder weggenommen.

Danach macht es bei Roberta endlich klick. Sie lässt die Finger von den Männern, singt im Frauen- bzw. Kirchenchor, freundet sich mit dem schwerfälligen Chorleiter Karl an, versorgt ihre Kinder besser.

Nanas erste Liebe ist der neue junge Arzt des Ortes. Eduardo heißt er. Eine intime Beziehung zwischen den beiden ist nicht möglich, der Altersunterschied ist zu groß. Aber Eduardo kümmert sich um das Mädchen, lernt mit ihr. Denn Nana will Schiffskapitän werden (und sie wird auch angenommen). Wehmut kommt auf, als sich ihre Wege trennen müssen.

Die türkischstämmige Schweizer Autorin und Regisseurin hat einen ganz speziellen Stil verfolgt. Dieses Mal ist nicht die pubertäre Tochter die Schwierige, sondern die Mutter. Angesiedelt ist das zwischen Menschlich-Allzumenschlichem, Farbenfröhlichkeit, märchenhafter Art, Komik, Spielerei und gegen Schluss etwas traurigem Drama. Ein Film, wie Frau Kar sagt, „zwischen Bonbontüte und Pillenschachtel“.

Es wäre leicht gewesen, aus der Rolle der Roberta eine Comic-Figur zu machen, aber Meret Becker trifft den lange leichtlebigen Charakter so ausgewogen und sympathisch, dass man mit Vergnügen zuschaut.

Auch die Mitspieler z. B. die Nana (Elisa Schlott), der Eduardo (Barnaby Metschurat) oder der Karl (Hans-Peter Müller-Drossaart) sind hervorragend besetzt.

Thomas Engel