Flitzer

Fußball-Filme gibt es etliche, fast alle bekamen von Presse und Publikum die rote Karte. Das könnte sich mit dieser Schweizer Komödie etwas ändern. Ein biederer Lehrer hat in höchster Finanznot die rettende Idee: Mit dem Einsatz von angeheuerten Flitzern will er Sportwetten gewinnen. Der groteske Coup mit der nackten Chaos-Truppe gelingt, das Business boomt. Als ihm eine Polizistin auf die Schliche kommt, können Amors Pfeile zwar kurzfristig helfen. Für ein Happy End muss der Pädagoge allerdings selbst aufs Spielfeld und die Hosen fallen lassen. Das hübsch schrullige Figurenkabinett, reichlich Situationskomik sowie das (zumal für Schweizer Verhältnisse!) flotte Timing sorgen für vergnügliche Unterhaltung. Die britischen Stripper aus „Ganz oder gar nicht“ lassen grüßen: Hopp, Schwiiz!

Webseite: www.x-verleih.de

Schweiz 2017
Regie: Peter Luisi
Darsteller: Beat Schlatter, Doro Müggler, Bendrit Bajra, Una Rusca
Filmlänge: 94 Minuten
Verleih: X-Verleih
Kinostart: 16.11.2017

FILMKRITIK:

„Ein bisschen weniger Haut!“ fordert Deutschlehrer Balz Näf nach dem Unterricht von seiner knapp bekleideten Schülerin. Die ist zugleich seine Tochter, der ihr alleinerziehender Papa als Lehrer denkbar peinlich ist. Insbesondere seine große Leidenschaft für Gottfried Keller geht ihr auf den Keks. Beim Kollegium findet er damit gleichfalls wenig Widerhall. Sein Plan für ein Museum des Schweizer Dichters, finanziert aus dem Überschuss des Schuletats, wird schnöde abgeschmettert. Stattdessen soll der überraschende Geldsegen für einen neuen, FIFA-zertifizierten Kunstrasen ausgegeben werden. Für Näf bricht eine Welt zusammen. Die letzte Chance, seinen Lebenstraum doch noch zu verwirklichen, bestünde in den manipulierten Sportwetten, die der Friseur seines Vertrauens anbieten. Beherzt setzt der Pädagoge die gesamten 741.000 Franken seiner Schule aufs illegale Spiel. Der bestochene Torwart bietet, wie besprochen, eine miserable Leistung. Kurz vor Abpfiff jedoch durchkreuzt ein Flitzer das abgekartete Spiel. Lehrer Näf erlebt ein finanzielles Fiasko. Immerhin bringt ihn dieser Exhibitionist auf eine ganz neue Geschäftsidee: Warum nicht Wetten abschließen auf die Auftritte der nackten Störenfriede?
 
Bei den Zocker-Kunden des Friseurs finden die neuen „Wie lange bleibt der Flitzer auf dem Feld?“-Wetten schnell Anklang. Näf freut sich über erste Gewinne, um den Schuldenberg von einer Dreiviertel Million abzubauen, bedarf es freilich dringend mehr Flitzer-Personal. Anwerbungsversuche unter FKK-Wanderern und Aktmodellen scheitern, umso erfolgreicher funktioniert die Rekrutierung bei den Teilnehmern eines Selbstbewusstsein-Seminars. Mit nackten Mutproben auf dem Fußballplatz das Ego stärken, lautet das innovative Lernziel des findigen Pädagogen. Wie einst bei den britischen Hobby-Strippern in „Ganz oder gar nicht“, sorgt die neue Textilfreiheit auch bei den schweizerischen Underdogs schnell für gesteigertes Ichbewusstsein. In der Scheune seines Schwagers errichtet der Deutschlehrer ein verstecktes Trainingszentrum und bringt seine Flitzer mit ausgeklügelten Methoden zu wahren Höchstleistungen. Die Wetteinnahmen sprudeln, aber eine Polizistin droht dem Schwindel auf die Spur zu kommen. Mit einer Flirtoffensiven bekommt der Flitzer-König die Fahnderin zwar in den Griff. Unerwartete Glücksgefühle sowie ein ziemlich dummer Fehler bringen Näf in höchste Not. Jetzt hilft nur noch ein beherzter Plan B.   
 
Bereits der flotte Auftakt gibt vielversprechend die originelle Richtung vor. Nach einer skandalträchtigen Szene im vollen Stadion zieht der bärtige Flitzer als Ich-Erzähler des Publikum ins Vertrauen und schildert, wie alles so weit kommen konnte. Der Schweizer Kabarettist Beat Schlatter übernimmt den Part mit sichtlichem Vergnügen, schließlich gehört er zu den Koautoren.

Mit feinen Strichen statt großem Getue zeichnet er diesen braven Lehrer Näf, der zum ersten Mal in seinem Leben ein Risiko eingeht, komplett scheitert und schließlich über sich hinauswächst. „Manchmal muss man mutig sein!“, schmachtet ihn seine neue Verehrerin beim ersten Date hoffnungsvoll an. Welche Lawine sie mit diesem Spruch auslöst, kann die verknallte Polizistin natürlich noch nicht ahnen. 
 
Die Episoden mit dem rabiaten Bauunternehmer oder einem eingeschleusten V-Mann in die Flitzer-Truppe mögen etwas arg klamottig ausfallen, aber sie haben durchaus dramaturgischen Mehrwert, schließlich setzen sie den Helden wider Willen chronisch unter Zugzwang und zwingen ihn zu immer neuen Schachzügen.
 
Mit einem (zumal für Schweizer Verhältnisse!) recht flotten Tempo stolpert der verzweifelte Pädagoge von einem situationskomischen Schlamassel in das nächste, wobei im letzten Drittel vergnüglich die Spannungsschraube angezogen wird. Mit der schrägen Stripper-Truppe ist das Figurenkarussell gut besetzt. Ihre variantenreichen Flitzer-Auftritte fallen mit zunehmender Raffinesse immer amüsanter aus. Beim ganz großen Finale vor vollbesetztem Stadion gelingt nicht nur die tricktechnische Illusion perfekt, auch der Feel-Good-Faktor gerät zum Volltreffer.  
 
Mit „Kleider machen Leute“ wurde Gottfried Keller einst berühmt. Die ihn verehrende Komödie zeigt originell, dass es auch ohne Kleider funktioniert.
 
Dieter Oßwald