Fräulein Stinnes fährt um die Welt

Eine Umrundung der Welt mit dem Auto wäre auch heute noch eine waghalsige Angelegenheit. Doch als im Jahr 1927 die ambitionierte Rennfahrerin Clärenore Stinnes beschließt, als erste Frau die Erde mit einem Automobil zu umrunden, grenzt das Vorhaben an Tollkühnheit. Neben dem kleinen Kraftpaket aus dem Ruhrgebiet sind noch zwei Mechaniker und der schwedische Kameramann Carl-Axel Söderström gewillt, die 48.000 Kilometer in Angriff zu nehmen. Regisseurin Erica Moeller konnte bei ihrem Dokudrama auf umfangreiches Originalmaterial zurückgreifen und ergänzt die beeindruckenden Bilder mit inszenierten Szenen, die auf der Grundlage von Söderströms Tagebüchern das nicht unproblematische Zusammenleben im Team und die Persönlichkeit der wagemutigen Expeditionsleiterin zum Thema haben. Das Resultat ist ein spannender Abenteuerfilm, bei dem man bis zuletzt mitfiebert, ob die Reise zum Erfolg wird.

Webseite: www.realfictionfilme.de

Deutschland 2008, 90 Minuten
Regie: Erica von Moeller
Drehbuch: Sönke Lars Neuwöhner
Kamera: Sophie Maintigneux
Schnitt: Gesa Marten
Musik: Andreas Schilling
Darsteller: Sandra Hüller, Bjarne Henriksen, Martin Brambach, Andreas Schlager, Robert Beyer, Stefan Rudolf
Verleih: Realfiction Filmverleih
Kinostart: 20. August 2009
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Als am 25. Mai 1927 in Frankfurt am Main die passionierte Renn- und Rallyefahrerin Clärenore Stinnes mit kleiner Mannschaft aufbricht, um im Auto, einem umgerüsteten Adler Standard 6, die Welt zu umrunden, ahnt noch keiner der Beteiligten, auf was man sich da eingelassen hat. Mit an Bord der kleinen Expedition sind noch der Kameramann Carl-Axel Söderström und, im begleitenden Lastwagen, zwei Mechaniker. Der Schwede Söderström, der als Kameramann schon mit der Garbo zusammengearbeitet hatte, hat dem Projekt aus einer Bierlaune heraus zugesagt. Und die resolute junge Frau aus der Industriellenfamilie Stinnes hat ihn als Kameramann vor allem deswegen verpflichte, weil Söderström verheiratet ist und sie so bei dem ständigen Beisammensein private Komplikationen vermeiden möchte. Noch vor der Hälfte der Strecke zwingen die gigantischen Strapazen der Reise die beiden Mechaniker in die Knie. Bis dahin hat die Expeditionsleiterin die Männer mit ihrem unermüdlichen Eifer vorangetrieben. Es gilt Sibirien im Sommer zu durchqueren, bevor der strenge Winter eine Weiterfahrt unmöglich macht. Der Plan scheitert an den vielen Schwierigkeiten, die schon auf den ersten Etappen der Reise auftreten. Die auf zwei Mitglieder zusammengeschmolzene Expedition muss in Russland überwintern. Jetzt wäre es auch an Söderström, dem wahnwitzigen Unternehmen den Rücken zu kehren. Doch die Sturheit und Entschlossenheit seiner Begleiterin, die ihn immer wieder zum Streit herausfordert, scheinen den Schweden angesteckt zu haben. Die beiden setzen die Fahrt fort. Über den zugefrorenen Baikalsee geht es weiter Richtung Osten, dabei trotzen sie den Unruhen in Russland, geraten in Bürgerkriege und Überfälle in China. Es gilt unpassierbare Wegstrecken, Hunger und Durst sowie lebensbedrohliche Krankheiten zu meistern, auch wenn man sich dabei, wie in den Anden, den Weg frei sprengen muss. Am Ende der über zweijährigen Reise erreichen Söderström und die Stinnes wieder europäischen Boden. Ihre Reise quer durch die Kontinente hat die beiden auch privat eng zusammengeschmiedet.

Regisseurin Erica Moeller („Hannah“) konnte bei ihrem Dokudrama auf umfangreiches Film- und Fotomaterial zurückgreifen, das Clärenore Stinnes und Carl-Axel Söderström selbst aufgenommen haben. Die faszinierenden Originalszenen aus dem daraus entstandenen Dokumentarfilm aus dem Jahre 1931 „Im Auto durch zwei Welten“ bilden das Herzstück des Filmes. Moeller ergänzt die beeindruckenden Bilder mit inszenierten Szenen, die auf der Grundlage von Söderströms Tagebüchern das nicht unproblematische Zusammenleben im Team und die Persönlichkeit der wagemutigen Expeditionsleiterin zum Thema haben. So erlebt der Zuschauer viele kritische Punkte der Weltreise, die im Dokumentarfilm ausgespart wurden. Sandra Hüller („Requiem“) verkörpert die Clärenore Stinnes als selbstbewusste Frau mit sprödem Eigensinn, die sich ihrer Umgebung nicht anbiedert. Eine moderne, feministische Biographie, die durch den Film wieder ins Bewusstsein gerufen wird. Die Beziehung, die sich zwischen ihr und dem von dem Dänen Bjarne Henriksen („Das Fest“) gespielten Kameramann auftut, ergibt sich denn auch nicht durch romantische Momente, sondern entsteht als Prozess einer gemeinsam durchlebten Bewährungsprobe. So mag der am Ende des Filmes stehende Satz, dass die beiden später, nach Söderstroms Scheidung, ein Paar wurden, auf den ersten Blick überraschend anmuten. Doch die Bilder ihrer erlebten Reise machen die hier entstandene Verbundenheit mehr als deutlich.

Norbert Raffelsiefen

Ende der 20er Jahre fährt die Industriellentochter Clärenore Stinnes mit einem Auto um die Welt, begleitet von einem Kameramann und zwei Mechanikern. Das Ergebnis waren faszinierende Dokumentaraufnahmen, die nun den interessantesten Teil des biographischen Films „Fräulein Stinnes fährt um die Welt“ ausmachen. Daneben inszeniert Erica von Moeller Spielszenen, die mehr Fragen über Charakter und Absichten Clärenore Stinnes offen lassen als beantworten.

1901 geboren, wächst Clärenore Stinnes als Tochter des Industriellen Hugo Stinnes auf. Nach dem Tod des Vaters drängen die Brüder sie aus der Firma, wo ansonsten wohl ihre Zukunft gelegen hätte. Sie zieht nach Berlin und arbeitet bei der deutschen Dependance der Fox. Vor allem aber macht sie sich einen Namen als Rennfahrerin, die erfolgreich in der von Männern dominierten Sportart agiert. Am 25.Mai 1927 beginnt ihr größtes Abenteuer: Mit einem nach heutigen Maßstäben kaum vorstellbar klapprigen Auto will sie die Welt umrunden. Durch Europa, über den Balkan, rauf nach Russland, durch die Wüste Gobi. Per Schiff weiter nach Südamerika, dort eine Runde drehen, wieder per Schiff nach Nordamerika, schließlich zurück nach Europa. Begleitet wird sie vom verheirateten, schwedischen Kameramann Carl-Axel Söderström, der das Dokumentarfilmmaterial dreht aus dem schließlich der Film „Im Auto durch zwei Welten“ entsteht. Über zwei Jahre dauert die Reise, zahllose Pannen und Komplikation haben die Reisenden zu überwinden, doch schließlich kommen sie erfolgreich nach Berlin zurück.

Fraglos eine interessante Geschichte, voller Symbolik und Bezüge zur Gegenwart. Clärenore Stinnes wirkt auf Fotos und in Filmausschnitten wie eine sperrige, oft unwirsche Frau, die sich den Respekt ihrer Umwelt hart erkämpfen musste. Den gesellschaftlichen Konventionen ihrer Zeit entsprach sie offensichtlich in keiner Weise, hatte keinerlei Interesse an Männern und heiratete nach Ende der Reise doch ihren Kameramann. Davon erfährt man allerdings nur durch eine kurze Schreifteinblendung, wie überhaupt vieles, das interessant erscheint, nur kurz erwähnt, aber nicht weiter verfolgt wird. Warum sich Regisseurin Erica von Moeller dennoch die Mühe machte mit Sandra Hüller in der Rolle Clärenore Stinnes Szenen nachzustellen, wird dadurch umso rätselhafter. Angesichts des vollständig erhaltenen Dokumentarfilms der Reise, weit über tausend Fotos, die Söderström zusätzlich schoss, dazu dem offenbar unbeschränkten Zugriff auf die Tagebücher Stinnes und Söderström, die deren Nachkommen der Regisseurin gewährten, wäre es sicherlich möglich gewesen einen klassischen Dokumentarfilm zu drehen.

Stattdessen wählt von Moeller das leidliche Mittel der Nachstellung über deren Qualität angesichts des minimalen Budgets keine Worte gemacht werden müssen. Vor allem aber überrascht die Banalität und Austauschbarkeit der Spielszenen, die wenig über Stinnes, ihre Gedanken, ihre Ziele, ihr Verhältnis zu Söderström verraten, dass nicht durch die Dokumentaraufnahmen und den Zitaten aus den Tagebüchern ohnehin deutlich wäre. Von den faszinierenden Aufnahmen aus Syrien, China oder Südamerika hätte man gerne mehr gesehen, während die nachgestellten Szenen – wie so oft – verzichtbar sind.

Michael Meyns

Eine Frau umrundet in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit dem Auto die Welt. Was kann das für die heutige Zeit bedeuten? Die Regisseurin Erica von Moeller hilft bei der Beantwortung dieser Frage ein wenig nach: In einer Zeit, in der Frauen für die gleiche Arbeit immer noch weniger verdienen als Männer, in der in Management und Forschung Frauen gerade einmal fünf Prozent ausmachen, in der Gleichberechtigung an vielen Orten noch immer einen Wunschtraum darstellt, ist ein Film wie „Fräulein Stinnes fährt um die Welt“ mehr als modern. Argumente gegen diese Aussage gibt es nicht.

Das „Fräulein“ heißt Clärenore Stinnes: 25 Jahre alt, Industriellentochter, klein, Pagenkopf, Kettenraucherin, Führerscheinbesitzerin, angehende Rennfahrerin, Gewinnerin mehrerer Rallyes.

Der Vater stirbt früh. Von den Brüdern wird sie gemobbt, kein Platz für sie im riesigen Industriekonzern Stinnes. Sie setzt sich in den Kopf, die Welt zu umrunden. 48 000 Kilometer. Von der Familie wird sie nicht unterstützt, dafür von verschiedenen Firmen. Das Auto, das sie ur Verfügung hat: ein „Adler 6“.

Sie muss ein Team suchen. Der dänische Kameramann Carl-Axel Söderström macht mit, außerdem zwei Mechaniker. Die beiden sind jedoch nicht lange dabei. Einer scheidet wegen Krankheit aus, der andere gibt auf.

Im Mai 1927 geht es los. Europa, Kleinasien, Naher Osten, Russland, China, Japan Südamerika, Nordamerika, Atlantiküberquerung und Heimat, Ankunft nach zwei Jahren.

Die Reise: verbunden mit unendlichen Schwierigkeiten, Pannen, Wartezeit, keine Genehmigung, wieder Pannen, sibirischer Winter, Hunger, Durst, Krankheit, Hitze, keine Straßen bei der Überquerung der Anden in Bolivien und Peru, Depression, Verzweiflung.

Dann gefeierte Heimkehr. Unvermutetes Liebesverhältnis zwischen Clärenore und Axel. Später Heirat der beiden, Leben in Schweden.

Söderström drehte 60 Minuten Film, schoss 1400 Fotos. Um dieses Material schuf Erica von Moeller adäquate Spielszenen. Es ist wirklich erstaunlich, wie gut diese beiden Filmformen ineinander fließen. Eine saubere Arbeit. Es gibt sogar szenische Highlights, die nicht nur an den Dokumenten oder den wilden Landschaften liegen, sondern vor allem auch an der glaubwürdigen Art und Weise, wie Sandra Hüller dieses Fräulein Stinnes spielt. Hier bestätigt sie, was sich in früheren Filmen schon andeutete.

Bjarne Henriksen als Söderström ist zuerst diskret, dann freundschaftlich, dann liebevoll. Verständlich, dass er die Sympathie von Clärenore genießt.

Alles in allem ein Film, dem man aus mehreren Gründen Interesse entgegenbringen kann.

Thomas Engel