Frau Müller muss weg

Frau Müller ist Lehrerin, und sie muss weg, weil sie nicht genügend gute Noten vergibt – finden zumindest die versammelten Elternverteter. Schließlich entscheidet das nächste Zeugnis darüber, ob die Kinder den Sprung aufs Gymnasium schaffen… Basierend auf dem erfolgreichen Theaterstück von Lutz Hübner verwandelt Sönke Wortmann eine Grundschulklasse in die Kampfarena elterlicher Eitelkeit. Mit einem herrlich aufgelegten Ensemble (allen voran Anke Engelke als Business-Mom) inszenierte er eine "Komödie über einen Elternabend", die sich als erhellende,  beißende Satire entpuppt über den Druck an den Schulen, der heutzutage auf allen Beteiligten – Schülern, Eltern, Lehrer – lastet. Und läßt dabei erfreulicherweise die (engagierte) Lehrerseite mal gut aussehen. Sehr gelungen!

Webseite: www.frau-mueller-muss-weg.de

Deutschland 2014
Regie: Sönke Wortmann.
Darsteller: Anke Engelke, Gabriele Maria Schmeide, Jstus von Dohnanyi, Ken Duken, Alwara Höfels, Mina Tander u.a.
Länge: 87 Min.
Verleih: Constantin
Kinostart: 15.1.2015

Pressestimmen:

"Ein herrlich neurotisches Ensemble macht die Theatervorlage von Lutz Hübner zum komödiantischen Fest."
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

Eine Elterngruppe hat mit Frau Müller einen Termin am Wochenende in der Schule gemacht, um mit ihr "Klartext" zu reden. Zwar war man all die Jahre mit der warmherzigen Erzieherin zufrieden und auch die Bastelarbeiten und der Chor waren immer eine Zierde der Schule, aber jetzt geht es ums Eingemachte: die Versetzungsnoten, und die sollen in Gefahr sein. „Frau Müller hat die Klasse und den Lehrstoff nicht im Griff“, so heißt es, und außerdem gibt es da das Gerücht, dass sie in therapeutischer Behandlung seit. Fünf Eltern sind auserwählt als Exekutionskommando, im Namen aller Eltern der Klasse, Frau Müller die Kunde zu überbringen. Allen voran Jessica (Anke Engelke), die typische Karrierefrau, die hier gar nicht lange diskutieren, sondern kurzen Prozess machen will. Deswegen will sie das Wort führen und möchte es am liebsten Wolf (Justus von Dohnanyi) verbieten, denn der neigt in seiner passiv-aggressiven Art dazu, jede Diskussion an sich zu reißen. Doch da ist auch noch das aus dem Westen zugezogene Ehepaar Patrick und Marina, deren so begabter Sohn früher auf der Waldorfschule immer so glücklich war und nun ausgegrenzt wird. Nur die alleinerziehende Katja hält sich zurück. Sie ist nur aus Solidarität mitgekommen, denn einen wirklichen Grund zur Klage hat sie nicht, ist ihr Sohn doch der Klassenprimus.
 
Doch die befürchtet langatmige Diskussion bleibt aus. Frau Müller (Gabriela Maria Schmeidel) nimmt die gestellte Vertrauensfrage überrascht, aber gefasst zur Kenntnis, lässt sich nicht in die Enge treiben und holt zum Gegenschlag aus. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, schildert sie die Probleme, die die einzelnen Schüler haben – und die meisten davon sind wohl im jeweiligen Elternhaus zu suchen. Als sie fürchtet, in ihrer Wut zu weit zu gehen, verlässt sie das Klassenzimmer und ist für Stunden nicht auffindbar. Die konsternierten Eltern beschließen nach einer Weile, sie zu suchen und fangen an, sich gegenseitig zu zerfleischen.
 
Ein wahres Gemetzel inszeniert Sönke Wortmann da, der den ach so besorgten Eltern die Maske vom Gesicht zieht und ihren wahren Charakter aufdeckt. Da geht es längst nicht mehr um das Wohl der Kinder, sondern eher um private Eitelkeiten, Vorteilsannahmen und Vorurteile, die im ungünstigen Fall auf die Kinder abfärben und ihr Verhalten im Unterricht mitbestimmen. Wortmann inszeniert dieses Kammerspiel als eloquente Komödie und zeichnet ein punktgenaues und ausgesprochen zeitgemäßes Gesellschaftsporträt, in dem sich jeder wieder finden kann. Besonders erfrischend ist, dass er die Diskussion ums deutsche Schulsystem einmal umdreht und nicht nur den Lehrern die Schuld gibt. Meisterhaft seziert er das zwiespältige Verhalten der Eltern, die hier das Beste für ihre Kinder forden, ihnen das zuhause aber schon lange nicht mehr gewähren.
 
Wortmann nimmt in der filmischen Umsetzung des Theaterstücks deutliche Anleihen bei Polanskis „Der Gott des Gemetzels“, steht ihm in Sachen Dialog und Timing in nichts nach und hat noch dazu ein aktuelles Thema, das zur Zeit aus der deutschen Öffentlichkeit nicht wegzudiskutieren ist.
 
Kalle Somnitz