Frau Mutter Tier

Seit ihrer Glanzleistung in „Sophie Scholl – die letzten Tage“ gilt Charakterdarstellerin Julia Jentsch als Expertin sensibler Rollen. Die gebürtige Berlinerin in einer Zeitgeist-Komödie über moderne, gestresste Mütter zu erleben, ist deshalb ein besonderes Highlight. Die Wahlzüricherin überzeugt in dem unterhaltsamen Ensemblefilm mit Tiefgang nach dem Theaterstück von Alexandra Helmig. In ihrem Spielfilmdebüt gelingt es Regisseurin Felicitas Darschin, den Drahtseilakt moderner Mütter zwischen Selbstaufopferung und Selbstverwirklichung ironisch und warmherzig zu inszenieren. Denn Kinder, Kochtopf und Karriere unter einen Hut zu bringen, ist selbst im 21. Jahrhundert für Frauen ein ungelöstes Problem. Und nachdem sogar das Hollywoodkino mit seinem unterhaltsamen Befreiungsschlag „Bad Moms“ das Klischee der perfekten Mutter auseinandernimmt und genussvoll zerschreddert, sollte das auch hierzulande möglich sein.

Webseite: www.fraumuttertier-film.de

Deutschland 2018
Regie: Felicitas Darschin
Darsteller: Julia Jentsch, Kristin Suckow, Alexandra Helmig, Annette Frier, Gundi Ellert, Brigitte Hobmeier, Ulrike Arnold, Benedikt Blaskovic, Stefan Wilkening, Mathias Weidenhöfer, Max von Thun, Tina Prüfert, Monika Goll.
Länge: 92 Minuten
Verleih: Alpenrepublik
Kinostart: 21. März 2019

FILMKRITIK:

Drei Mütter im Großstadtchaos: Das alltägliche Mutterdasein von Marie (Julia Jentsch) Nela (Alexandra Helmig) und Tine (Kristin Suckow) gestaltet sich nervenaufreibend und im besten Fall komisch. Werbefachfrau Nela möchte weiter Karriere machen. Die 40jährige muss jedoch Söhnchen Leo und ihre Arbeit unter einen Hut bringen. Marie dagegen kämpft als Vollzeit-Mama mit ihren eigenen Ansprüchen. Haushalt, zwei Kinder, alles muss perfekt sein. Doch der Spagat droht die 36jährige zu zerreißen.

Für die alleinerziehende Tine geht es um die Existenz. Die 22jährige arbeitet in einem Supermarkt, um sich über Wasser zu halten. „Die besten Chancen auf einen Platz haben bei uns Embryos zwischen zwei und vier Monaten das ist hier eine postnatale Anmeldung“, macht ihr die Kindergärtnerin klar. Und da ihr Töchterchen bereits über ein Jahr alt ist, hat sie keine Chance auf einen Kitaplatz. Notgedrungen muss ihre Mutter Heidi (Ulrike Arnold) einspringen.

Das Trio hat kaum Zeit zum Durchatmen. Etwas kommt immer zu kurz, die Liebe, die Karriere, das Kind oder auch das Gefühl, das eigene Leben selbst zu bestimmen. Marie verbringt die meiste Zeit auf dem Spielplatz. Im Gespräch mit anderen Müttern bekommt sie, mehr oder weniger, gern gehörte Tipps über Ernährung oder mehrsprachige Erziehung. „Ist vegane Ernährung für Kinder nicht ein bisschen zu einseitig“, fragt sie verschüchtert. Und: „Sollten Kinder nicht mal auch ein Ei essen dürfen?“ Doch da kennt die esoterische Spielplatzmutter Ariane (Brigitte Hobmeier) kein Pardon.

„Sollten Kinder mit einem Gewehr auch mal auf eine Katze schießen dürfen?“, antwortet sie sarkastisch. Als Maries Mann Udo (Matthias Weidenhöfer) beruflich nach Hongkong verreist, fühlt sie sich noch mehr alleingelassen. Mit Argusaugen überwachen sich die scheinbar so vertrauten Spielplatzmütter gegenseitig. Und schon fällt auf, dass Nela ihren kleinen Sohn immer von Babysittern aus der Kita abholen lässt. Grund: Sie muss in der Agentur eine wichtige Präsentation vorbereiten.

Doch ihr Mann Lutz (Florian Karlheim) entlastet sie in keinster Weise. Lieber holt er seine anstrengende Mutter Gisela (Gundi Ellert) vorübergehend ins Haus. Die freilich kümmert sich herzlich wenig um Nelas Erziehungsregeln und Vorstellungen. Schon am Morgen gibt es für den Kleinen Nutellabrote. Schließlich ist „Omaausnahmetag“. Temporeich und ein wenig surreal, angereichert mit Humor, Selbstironie und Herzenswärme punktet der Spielfilmdebüt von Felicitas Darschin über das Schicksal von Müttern in verschiedenen Rollen.

Mit unterschiedlichen Stilmitteln beleuchtet die Regisseurin in ihrer Ensemble-Komödie die tragikomischen Alltagsgeschichten von Marie, Nela und Tine. Klassische Spielszenen werden von surrealen Traumsequenzen, die Freiheit, Lust und Abenteuer versprechen, unterbrochen. Mit liebevoll-ironischem Blick betrachtet ihre moderne, scharfsinnige Milieustudie die Mütter und auch Väter in ihrem Elternsein, ihrer Überforderung und ihren Spagat zwischen traditionellen Rollen und Emanzipation auf dem ideologischen Minenfeld der Mutterschaft.

Luitgard Koch