Frau Stern

Eine jüdische Frau in Berlin, die ihrem Leben ein Ende setzen will. Was sich auf den ersten Blick wie eine heikle Versuchsanordnung anhört, wird in Anatol Schusters Debütfilm „Frau Stern“ zu einem berührenden, komischen, weisen Film über Leben, älter werden und Sterben. Ein traurig schönes Kleinod.

Webseite: www.neuevisionen.de

Deutschland 2019
Regie & Buch: Anatol Schuster
Darsteller: Ahuva Sommerfeld, Kara Schröder, Pit Bukowski, Nirit Sommerfeld, Max Roenneberg, Gina Haller
Länge: 79 Minuten
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 29. August 2019

FILMKRITIK:

90 Jahre ist Frau Stern (Ahuva Sommerfeld) alt geworden, hat viel gesehen und erlebt, hat geliebt und gelitten und vor vielen Jahrzehnten das Konzentrationslager überlebt. Nun ist sie des Lebens müde, nicht weil sie krank wäre, sondern weil sie glaubt, genug gelebt zu haben. Doch ihr Arzt bescheinigt ihr beste Gesundheit, sich auf die Gleise legen klappt nicht, denn sofort wird ihr von einem freundlichen Unbekannten wieder aufgeholfen und so macht sich die alte, überaus wache Dame auf die Suche nach einer Waffe, doch das erweist sich als schwierig.
 
So lebt Frau Stern weiter ihr Leben, verbringt viel Zeit mit ihrer Enkelin Elli (Kara Schröder) zu deren jungen Freunden sie immer intensiveren Kontakt pflegt. Gemeinsam wird getrunken, ein Joint geraucht und gesungen, doch trotz allem lässt Frau Stern der Gedanke nicht los, aus dem Leben zu scheiden.
 
Auf den ersten Blick mag es sich wie eine geschmacklose Idee anhören: Ein Film über eine 90jährige Holocaustüberlebende, die sich umbringen will, und das auch noch in Berlin. Doch was Anatol Schuster aus diesem Ansatz macht, zählt zu den schönsten Überraschungen, die der deutsche Film in diesem Jahr zu bieten hat. Angesichts der Thematik und der bemerkenswerten Hauptdarstellerin Ahuva Sommerfeld ist man versucht, hier an den „typischen“ jüdischen Humor zu denken, einen pragmatischen Umgang mit den Hochs und Tiefs des Leben, zu dem unweigerlich auch der Tod gehört.
 
Doch auch wenn der Schatten des Holocausts immer mitschwingt, lose angedeutet wird, dass Frau Stern die einzige Überlebende ihrer jüdischen Familie ist, sich eine grundsätzlich melancholische Stimmung durch den Film zieht, ist „Frau Stern“ alles andere als ein deprimierender, düsterer Film. Es ist nicht zuletzt der erstaunlichen Präsenz von Ahuva Sommerfeld zu verdanken, dass die Geschichte über das Sterben, zu einer Ode an das Leben wird.
 
Sommerfeld ist die Mutter der Musikerin und Schauspielerin Nirit Sommerfeld, die hier – wie im echten Leben – als ihre Tochter zu sehen ist. Auch andere Aspekte ihrer Rolle scheinen autobiographisch zu sein, die Neugier auf Menschen, der pragmatische Umgang mit ihrer Vergangenheit, mit dem Leben, die erklären mögen, warum Ahuva Sommerfeld in ihrem ersten Film so überzeugend und natürlich agiert.
 
Auch dank der zurückhaltenden Bilder, die Adrian Campean in klassischen 4:3 Format gedreht hat, mutet „Frau Stern“ oft wie eine Dokumentation an, wie eine oft nur leicht überhöhte Version der Realität. Die jedoch immer wieder von surrealen, traumhaften Momenten durchbrochen wird, Momenten, in denen Frau Stern singt und tanzt und – wenn man so viel – dem Tod ein Lied entgegenstellt.
 
Im echten Leben ist Ahuva Sommerfeld inzwischen gestorben, was nun dem Film, in dem sie zwar nicht sich selbst spielt, aber doch eine Figur, die ihrem Wesen augenscheinlich nah war, eine besondere Note verleiht. So oder so ist Anatol Schuster mit „Frau Stern“ ein ganz besonderer Film gelungen, der seine schweren Themen leichtfüßig verhandelt, zwar vom Tod handelt, aber über das Leben erzählt.
 
Michael Meyns