Frauen

Frauen! Ein wichtiges Thema, im Leben, aber auch im Kino. Und auch wenn vor und hinter der Kamera von Nikolai Müllerschöns "Frauen" praktisch keine Frauen beteiligt waren, dreht sich doch fast alles um sie. Was dann auch einiges über die Haltung des Films und seiner drei männlichen Protagonisten verrät.

Webseite: www.camino-film.com/filme/frauen

Deutschland 2015
Regie & Buch: Nikolai Müllerschön
Darsteller: Heiner Lauterbach, Martin Brambach, Blerim Destani, André Hennicke, Harry Baer, Orhan Müstak
Länge: 90 Minuten
Verleih: Camino
Kinostart: 5. Mai 2016
 

FILMKRITIK:

Über dem Abgrund hängen die drei Männer zu Beginn: Karl Otto "K.O." Schott (Heiner Lauterbach, ein Industrieller, der eigentlich zu einer Konferenz wollte, sein Chauffeur Rüdiger Kneppke (Martin Brambach), und der aus Mazedonien stammende Liz Tucha (Blerim Destani), der auf der Flucht vor der Verwandtschaft seiner intendierten Braut Zuflucht in der Limousine fand und das ungewöhnliche Trio vervollständigt. Dass die Fahrt an einer Klippe ihr vorläufiges Ende fand, war zwar nicht geplant, passt aber zum emotionalen Zustand der Figuren.

Schott steckt mitten in der Scheidung zu einer weiteren Frau, Kneppke ergeht sich in schlüpfrigen Sprüchen, Tucha lehnt die ihm aufgezwungene Zwangsehe ab. Die Flucht führt die Zweckgemeinschaft in die Provinz, wo sie sich nach einem Konflikt mit einer Rocker-Gruppe weitere Verfolger aufhalsen, sich in einem Wald verkriechen und sich wechselseitig ihr Leid klagen.

"Sie haben recht: Ich habe Angst vor Frauen" gesteht der sonst so großmäulige Kneppke irgendwann, als die Flucht langsam innere und äußere Spuren hinterlassen hat. Ebenso lange wie Kneppke zu diesem Moment der Selbsterkenntnis gebraucht hat, dauert es auch bis Nikolai Müllerschöns Film zur Ruhe kommt, sich von der Hektik und dem Klamauk seines Beginns befreit. Neben flachen Sprüchen waren es lange Zeit die betonte Aushöhlung von Klischees und Stereotypen von der die Geschichte lebte: Der "Türke" oder "Araber" vor allem "Fremde" Tuche, den Kneppke schnell in die Kiste "frauenfeindlicher Ausländer" gesteckt hatte, erweist sich so bald als sensibler, eloquenter Mann, der dem tumb wirkenden Kneppke intellektuell weit überlegen ist. Und auch der Rocker Lilly (André Hennicke), dessen Motorrad das Trio beschädigt, reagiert betont ungewöhnlich: Statt wie zu erwarten das Recht in die eigene Hand – bzw. die Faust – zu nehmen, ruft er brav die Polizei und vertraut auf die staatliche Ordnung.

Das eigentliche Thema von "Frauen" sind aber natürlich die Frauen, über die zwar in erster Linie geredet wird, das aber in aller Ausführlichkeit. Vor allem Schott legt bald die Fassade des peniblen Geschäftsmann ab und erzählt von einer tiefen emotionalen Wunde, die ihn allzu lange belastet hat. Dass diese Figur von Heiner Lauterbach gespielt wird, der seine Autobiographie einst passenderweise "Nichts ausgelassen" nannte und vor nunmehr auch schon 30 Jahren in Doris Dörries "Männer…" bekannt wurde, deutet an, was Frauen hier sind: Idealisierte Wesen, die einem Mann das Leben zwar oft schwer machen, ohne die es sich aber nicht zu leben lohnt.

Sexistisch ist dieses arg reduzierte Frauenbild zwar nicht unbedingt – großzügigerweise könnte man es als liebevoll bezeichnen – substanziell oder gar komplex ist es aber auch nicht. So bleibt "Frauen", der zweite Film nach "Harms", den Lauterbach und Müllerschön mit ihrer eigenen Produktionsfirma, fast komplett unabhängig von staatlicher Filmförderung, mit dementsprechend geringem Budget gedreht haben, ein kleiner, sich selbst und seiner gradlinigen Geschichte genügender Film.
 
Michael Meyns