Free the Mind

Können Gedanken das Gehirn physisch verändern? Kann man Glück lernen? Die dänische Regisseurin Phie Ambo widmet sich nach „Mechanical Love“ über einen japanischen Robotik-Forscher erneut großen Menschheitsfragen. Sie begleitet den amerikanischen Hirnforscher Richard Davidson bei seiner Arbeit mit zwei Kriegsveteranen und einem unter ADHS leidenden Jungen, denen er mit Meditation statt Medikamenten helfen will, ihre Probleme zu überwinden.

Webseite: www.mindjazz-pictures.de

Dänemark 2012
Regie, Buch und Kamera: Phie Ambo
Prodzentin: Sigrid Dyekjaer
Schnitt: Marion Tuor
Verleih: Mindjazz Pictures
Kinostart: 28. März 2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Steve und Rich waren gut in ihren Jobs. Steve arbeitete während des Afghanistan-Krieges als Vernehmungs-Offizier, Steve führte sein Battallion durch Afghanistan und den Irak. Beide taten und sahen schreckliche Dinge, die sie mit niemand teilen können. Wieder zuhause, verfolgen sie die alptraumhaften Bilder ihrer Vergangenheit. Beide leiden wie tausende Kriegsveteranen unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Der kleine Will wurde von seiner Mutter zur Adoption freigegeben und findet erst nach Jahren ein festes Zuhause. Heute setzen ihm Panikattacken zu, er kann seine Emotionen nur schwer kontrollieren und sich in der Schule nicht konzentrieren. Den dreien will der Hirnforscher Richard Davidson helfen. Er interessiert sich für die Auswirkungen, die Meditation und Yoga auf das Hirn haben. Davidson will erreichen, dass Menschen sich in einer geschützten Umgebung mit ihrem seelischen Schmerz auseinandersetzen und zu einem glücklichen Leben finden können.

„Wir unternehmen gerade erst die ersten, winzig kleinen Schritte in ein uns unbekanntes Territorium. Das Gehirn ist das wohl komplexeste Gebilde auf dieser Welt“, sagt Richard Davidson über sein Forschungsgebiet. Das Magazin Time zählte ihn 2006 zu den weltweit 100 einflussreichsten Menschen, Davidson arbeitet unter anderem mit dem Dalai Lama zusammen. Davidson meditiert selbst seit über 30 Jahren – obwohl er das, wie er im Film sagt, am Beginn seiner Karriere auf den Rat von Kollegen verheimlichte. Aber Phie Ambo stellt nicht den berühmten Forscher in den Mittelpunkt ihres Films. Ihre Helden sind Steve, Rich und Will.

Sehr eindrucksvoll und hautnah zeigt sie die Herausforderungen, mit denen die Drei konfrontiert sind. Will bricht schon bei dem Gedanken in Tränen aus, einen Fahrstuhl betreten zu müssen. Rich und seine Frau lassen sich scheiden. Und Steve hat Angst, dass er seine Aggressionen an seinen zweihjährigen Zwillingen auslässt. Vor allem in den USA würde als völlig normal angesehen, all diese Probleme medikamentös zu behandeln. Millionen von Kindern werden dort mit Psychopharmaka ruhig gestellt. Unter den Kriegsveteranen grassieren Suizide. Erst vor diesem Hintergrund wird deutlich, wie groß die Aufgabe ist, die Davidson sich gestellt hat. Es geht hier um mehr als ein paar Entspannungsübungen. Sondern um die Frage, ob sich seelische Erkrankungen allein mit der Kraft der Gedanken heilen lassen.

Genau genommen geht Abo noch einen Schritt weiter. Sie zeigt, dass wir die Erkrankung der Seele als solche uns erst einmal bewusst machen und sie ernst nehmen müssen. Medikamente lösen das exakte Gegenteil aus, sie befördern eine immer weiter fortdauernde Verdrängung. Davidson beschreitet also einen grundlegend anderen Weg. Insofern zeigt Ambo seine Arbeit als Teil einer wissenschaftlichen Bewegung, die neue Erkenntnisse in praktische Arbeit umsetzt. So bezeichnet sie „Mechanical Love“ und „Free The Mind“ denn auch als Teil Eins und Zwei einer Trilogie über Wissenschaftler, die sich grundlegenden Fragen der Menschheit auf neue Weise nähern. Ihr Film stellt auch mittels witziger Grafiken komplexe Sachverhalte einfach dar und ist emotional mitreißend erzählt. Ihre Wissenschafts-Doku wird so zu einem spannenden Drama.

Oliver Kaever