Freiland

Politikverdrossenheit, Krisengerede, Hoffnungslosigkeit. Davon hat der Lehrer Niels Deboss, Hauptfigur in Moritz Laubes interessantem Regiedebüt „Freiland“ genug – und gründet kurzerhand einen eigenen Staat. Voller Enthusiasmus beginnt das Experiment, doch bald offenbaren sich die vielfältigen Fallstricke, die die Utopie schließlich scheitern lassen.

Webseite: www.freiland-derfilm.de

Deutschland 2013
Regie: Moritz Laube
Idee: Moritz Laube
Darsteller: Aljoscha Stadelmann, Matthias Bundschuh, Stephan Grossmann, Henrike von Kuick, Bruno Cathomas
Länge: 93 Minuten
Verleih: farbfilm verleih
Kinostart: 7. August 2014

FILMKRITIK:

Längst ist Kapitalismuskritik en vogue. Zahlreiche Dokumentarfilm beschäftigen sich mit den Folgen des ungezügelten Kapitalismus und den tatsächlichen oder nur imaginierten Möglichkeiten, sich zur Wehr zu setzen, und selbst in Hollywood-Filmen findet sich zunehmend Systemkritik. Etliche Filme nehmen dabei den Wunsch mancher Menschen auf, sich komplett aus den bestehenden Verhältnissen zu lösen und eine neue, utopische Gesellschaft zu gründen. Wie das Aussehen kann, beschrieb zum Beispiel Paul Poet in seiner Dokumentation „Empire Me“, in der sechs unterschiedliche Staatsgründungen vorgestellt wurden.
 
So spannend diese neuen, oft anarchischen Staatsmodelle auch scheinen, waren sie doch stets unausgereift und nicht wirklich durchdacht. Geradeso wie Freiland, der Staat den der Lehrer Niels Deboos (Aljoscha Stadelmann) im gleichnamigen Film gründet. Nachdem er seinen Schülern einmal das wirkliche Leben zeigen wollte und sie zu einer Antikapitalismus Demonstration mitgenommen hat, wird Deboos entlassen. Dass er zudem nach einer bei der Demo davongetragen Augenverletzung (Stuttgart 21 lässt grüßen) mit einer Augenklappe rum läuft, lässt ihn nicht nur wie ein Pirat erscheinen, sondern auch als der Einäugige im Land der Blinden.
 
Zusammen mit dem Untergangs-Propheten Christian Darré (Matthias Bundschuh) gründet Deboss in einem verfallenen Herrenhaus in der brandenburgischen Provinz seinen eigenen Staat, in dem er alles anders, sprich: besser machen will. Und am Anfang läuft es auch gut: Zahlreiche neue „Bürger“ bevölkern bald das Haus, manche haben ebenfalls genug vom System, andere sind nur auf der Flucht vor der Polizei und wollen untertauchen.
 
Doch so euphorisch der Anfang war, so schnell setzt die Desillusionierung ein: Das Essen wird knapp, die Lebensumstände sind karg, bald kommt es zu ersten Formen der Rebellion, die schnell eskalieren. Nicht zuletzt deswegen weil Deboss sich zunehmend als autoritärer Herrscher geriert, der sich von seiner Macht verführen lässt.
 
Viele Ideen, Anspielungen und Verweise hat Moritz Laube in sein Spielfilmdebüt „Freiland“ gepackt, das ein großes Problem hat: Ein fehlendes Drehbuch. Nur ein zehnseitiges Konzept hatte Laube zu Beginn der Dreharbeiten, für die er Team und Schauspieler versammelte. Nicht als pointierte, präzise Satire entwickelt sich daher die im Ansatz so interessante Geschichte, sondern in improvisierten, aus dem Stegreif entstandenen Szenen, die das Konzept zunehmend verwässern. Figuren bleiben unterentwickelt, politische Diskussionen über Sinn und Unsinn einer utopischen Staatsform bleiben im Keim stecken und die vielfältigen Anspielungen lassen Freiland mal wie ein sozialistisches, mal wie ein faschistisches Gebilde wirken.
 
Dieser fehlende Fokus ist ein bisschen schade, zumal einzelne Ansätze überaus pointiert sind: Der morgendliche Fahnenappell etwa, zu dem stramm gestanden einer blechernen Hymne gelauscht wird oder besonders ein so genannter „Reproduktionsabend“, bei dem per Los Paarungen ausgewählt werden, die für Fortpflanzung sorgen sollen. Doch welche emotionalen Folgen solch ein erzwungener Partnertausch hat? Moritz Laubes „Freiland“ lässt diese Frage ebenso offen wie vieles andere, so dass sein Film weniger als geschlossene, runde Satire überzeugt, als in erster Linie interessante Denkansätze zu geben.
 
Michael Meyns