Friedliche Zeiten

Nach ihrem erfolgreichen Debütfilm „Urlaub vom Leben“ versucht sich Regisseurin Neele Leana Vollmar nun an einem Stück deutscher Geschichte. Schauplatz ist ein Provinzstädtchen irgendwo in Deutschland, in dem die aus der DDR stammende Familie Striesow mit den Problemen des Alltags zu kämpfen hat. Von den politischen und gesellschaftlichen Ereignissen der Zeit ist rein gar nichts zu spüren, stattdessen entsteht ein gefälliges Stück Nostalgie ohne Ecken und Kanten.

Webseite: www.friedlichezeiten.de

Deutschland 2008
Regie: Neele Leana Vollmar
Buch: Ruth Toma
Darsteller: Katharina Schubert, Oliver Stokowski, Nina Monka, Axel Prahl, Leonie Brill, Tamino Wecker
98 Minuten, Format: 1:1,85
Verleih: Kinowelt
Kinostart: 18. September 2008

PRESSESTIMMEN:

Mit ihrer Adaption des Romans von Birgit Vanderbeke hat Regisseurin Neele Leana Vollmar die Familiengeschichte fürs Kino zwar nicht gerade neu erfunden. Aber sie lässt die aus der DDR geflohenen Striesows mit viel Witz und Wärme im Westdeutschland der 60er Jahre Fuß fassen… Eine zärtliche Familiengeschichte, die, immer auf dem schmalen Grat zwischen Lachen und Weinen, sicher ihren Weg ins Herz findet.
Brigitte

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FILMKRITIK:

Deutschland im Jahre 1968. In einer kleinen Stadt lebt Familie Striesow, Mutter Irene (Katharina Schubert), Vater Dieter (Oliver Stokowski), der kleine Sohn Flori und die beiden altklugen Töchter Ute und Wasa. Vor sieben Jahren ist die Familie aus der DDR geflohen, in den goldenen Westen, doch so richtig angekommen sind sie noch nicht. Zumindest Mutter Irene schreckt bei jeder Gelegenheit auf und fürchtet, dass die Russen kommen werden. In der spießigen, kleinbürgerlichen Vorstadtwelt, in der die Familie lebt, fühlt sie sich immer noch wie ein Fremdkörper und nun scheint ihr Mann sie auch noch zu betrügen. 

Nach einem neuerlichen Auffahrunfall – die Autos im Westen sind einfach so groß, dass man gar nicht anders kann, als in sie hineinzufahren – beschließen die Kinder, sich ihrer Mutter anzunehmen. Die hat schon oft gesagt, dass sie wohl jung sterben wird, was den Kindern verständlicherweise gar nicht recht wäre. Angesichts der zunehmenden Eheprobleme, dem berechtigten Verdacht, dass sich ihr Mann mit diversen Arbeitskollegen vergnügt, ist Irene kurz davor sich zu trennen, und so beschließen die Kinder der möglichen Scheidung nachzuhelfen, denn sie glauben, so wäre die Mutter besser dran. Doch auch ohne Mann ist Irene nicht glücklich und so geht es bis zum zuckersüßen Happy End hin und her.

Fast müsste man Neele Leana Vollmars Film als Science Fiction bezeichnen, so fremd wirkt die Welt, die er zeigt. Dass das 1968, das hier gezeigt wird, mit dem 1968, an das im aktuellen Jubiläumsjahr allerorten erinnert wird, rein gar nichts zu tun hat, ist eine Sache. Wenn man sich „Freidliche Zeiten“ anschaut, würde man nie auf die Idee kommen, dass in solch einer Welt gewalttätige Studentenproteste und gesellschaftliche Umwälzungen stattfinden und Terrorismus entsteht. Die Außenwelt kommt hier nur als einsames Bild im Fernsehen vor, russische Panzer sieht man da, die in Prag einrollen. Ansonsten befindet man sich in einer bizarr anmutenden Fantasiewelt voller Ringelsöckchen, Synthetikkleidung, Reihenhäusern und Kaffeekränzchen. Diese penible Ausstattung, die den Spätgeborenen einen erschreckenden Eindruck von der deutschen Piefigkeit gibt, ist die größte Qualität des Films. Bis ins kleinste Detail lebt hier eine Welt auf, die selbst angesichts all der Modesünden und Geschmacksverirrungen der folgenden Jahrzehnte einen besonderen Platz behalten hat. 

Darüber hinaus, nun ja; die Geschichte ist mehr als dünn und die Schauspieler bemühen sich, den wenig überzeugenden Dialogen etwas entgegenzuhalten. Was bleibt ist ein Film für Nostalgiker oder all jene, die – wie im Naturkundemuseum – einen Blick in eine längst vergangene Zeit werfen wollen.

Michael Meyns

60er Jahre. Bei den Striesows zuhause. Sie sind zu fünft: die Eltern Dieter und Irene, die Kinder Ute, Wasa und Flori. Die Familie ist aus der „Zone“ in die Bundesrepublik geflohen. Doch ganz so gut war das anscheinend nicht. Vor allem die Mutter leidet unter Heimweh. 

Doch damit nicht genug. Sie hat auch Angst vor den Russen, weil diese in die Tschechoslowakei eingefallen sind und den Prager Frühling zunichte machten. Sie befürchtet, dass es demnächst zu einem dritten Weltkrieg kommt. Und sie verdächtigt ihren Mann, eine „Zweitfrau“ zu haben. Gründe genug, die dafür sorgen, dass der Haussegen beträchtlich schief hängt.

Doch gottlob sind da noch Ute und Wasa. Sie bereden immer wieder den Kasus ihrer Eltern, sind zwischen Vater und Mutter hin- und her gerissen, kommen zu der Überzeugung, dass eine Scheidung das beste wäre, leiten, so unwahrscheinlich dies klingen mag, das Nötige ein – und könnten damit das Gegenteil erreichen.

Ruth Toma, die Versierte, schrieb das Drehbuch. Das ist schon einmal der erste Pluspunkt. Das Wasa und Ute belastende Dilemma, das gemeinsame Familienleben, die Paranoia der Irene, die Eselsgeduld Dieters, der Tick der Mutter mit der Türkette, die gleichermaßen von Kindsein, Sorge und Erwachsenwerden gekennzeichneten klugen Gespräche der beiden Mädchen – das alles ist sorgfältig verfasst und dem Leben abgeschaut. Regisseurin Neele Leana Vollmar hat es eins zu eins, ruhig, emotional, aber sensationslos inszeniert. Ein weitgehend angenehmer Film ist daraus geworden.

Die schöne Katharina Schubert verkörpert mit Verve und Nerven die lange von den Lasten fast erdrückte Mutter, die dann aber erlöst wird, Oliver Stokowski den ständig einen Ausgleich suchenden Vater. Ein guter Fang gelang mit den Mädchen Leonie Brill und Nina Monka. Sie, die Wasa und die Ute, sind ebenso überzeugend wie hübsch. 

Thomas Engel