Fritz Lang

Hochgradig spannend und ein echter Leckerbissen für Cineasten und alle, die es noch werden wollen: Aus der Entstehungsgeschichte um den Filmklassiker „M – eine Stadt sucht einen Mörder“ macht Gordian Maugg einen Thriller, in dem er Zeitdokumente, Filmausschnitte und Spielszenen zu einer dichten Story verknüpft. Zwei Männer kämpfen mit ihrem Schicksal. Der eine ist Filmkünstler, der andere ein Triebtäter. Beide sind verstrickt in Angst und Schuld. In expressionistischen Schwarz-Weiß-Bildern zeichnet Gordian Maugg das dramatisch düstere Bild zweier tragischer Persönlichkeiten in einem Deutschland an der Schwelle zwischen Freiheit und Unterdrückung: atmosphärisch stark und sehr packend!

Webseite: www.wfilm.de

Deutschland 2015
Regie: Gordian Maugg
Drehbuch: Gordian Maugg, Alexander Häusser
Darsteller: Heino Ferch, Thomas Thieme, Samuel Finzi, Johanna Gastdorf, Lisa Charlotte Friederich, Max von Pufendorf, Michael Mendl, Philip Baltus
Kamera: Lutz Reitemeier, Moritz Anton
Musik: Tobias Wagner
Verleih: W-film
Kinostart: 14.04.2016
 

FILMKRITIK:

Berlin, am Ende der Wilden Zwanziger Jahre: Fritz Lang ist berühmt, aber nicht besonders glücklich, sowohl privat als auch beruflich. Seine Ehe mit der Drehbuchautorin Thea von Harbou ist zur reinen Arbeitsbeziehung mutiert, und der berufliche Druck steigt, denn man erwartet ungeduldig seinen neuen Film, der nun endlich ein Tonfilm werden soll. Lang zieht sich auf Rituale zurück, um sich einigermaßen bei Laune zu halten: Er trinkt viel, kokst und sucht sich Huren vom Straßenstrich für kurze, brutale Lustmomente. Neben vielem anderen fehlt ihm auch eine Idee für seinen neuen Film. Die bekommt er über die Zeitung: In Düsseldorf treibt ein Sexualmörder sein Unwesen, und der bekannte Berliner Kriminalkommissar Gennat hat die Ermittlungen übernommen. Lang kennt den Kommissar offensichtlich – später erfährt man, woher. Er reist ihm nach und begleitet ihn bei der Arbeit. Gennat fasst bald den geständigen Mörder, und der Filmregisseur erhält die Genehmigung, bei den Vernehmungen dabei zu sein und selbst mit ihm zu sprechen. Hier in Düsseldorf, wo Fritz Lang mangels Kontakten keine Möglichkeiten zur Ablenkung hat, wird er in den Gesprächen mit Peter Kürten, dem Täter, immer stärker mit seiner eigenen Vergangenheit, mit Angst und Schuld, konfrontiert. Aus den Begegnungen mit sich selbst und mit Peter Kürten entsteht schließlich der Film „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“.
 
Der Film ist in seiner Wirkung von beinahe gewalttätiger, magischer Expressivität, die sich auch dem Nicht-Cineasten erschließen sollte. Zu großen Teilen beruht sie auf der Kombination von Spielszenen, Original-Filmbildern aus „M“ und zahlreichen, sorgfältig gesammelten und ausgewählten Zeitdokumenten. Sie werden geschickt in die Handlung eingefügt und geben dem Schwarz-Weiß-Film bei aller Künstlichkeit, die unter anderem durch die enorm wirkungsvolle Arbeit mit Licht und Schatten entsteht, einen ebenso düstere wie authentische Atmosphäre. Gordian Maugg ist bekannt für diese Technik, die er hier weiter perfektioniert. Mit manchmal spielerischer Ausdrucksfreude kopiert er nicht nur Fritz Lang, Orson Welles, Alfred Hitchcock und andere Größen der früheren Tonfilmgeschichte, sondern er entwickelt über Kamera und Montage auch eine ganz eigene moderne Bildsprache. Scheinbar willkürlich mixt er lange und kurze Einstellungen und schafft so ein Tempo, das gleichzeitig bedrohlich ruhig und rastlos schnell ist.
 
Und genau so stellt sich auch Fritz Lang dar: Nach außen ist er ein gefestigter Mensch, der kaum bohémienhaft wirkt, eher wie ein Steuerinspektor als wie ein Filmregisseur. Heino Ferch spielt ihn großartig als meist stoischen, einsamen Dandy mit Geheimnissen, die er hinter einer wohlgehüteten Maske verbirgt. Diese Maske lässt er nur selten fallen. Seine Ausbrüche kommen dann wie Gewitterstürme über ihn, die für einige Zeit die Luft etwas abkühlen, letztlich aber doch nur wieder Spannungen aufbauen, die sich lösen müssen. Einige Geheimnisse werden sich im Laufe der Geschichte klären, andere bleiben im Dunkel und sorgen dafür, dass die Person Fritz Lang spannend und interessant bleibt. Beinahe noch stärker ist Samuel Finzi als Peter Kürten. Er wirkt wie eine Fortsetzung des Lang’schen Charakters mit pathologischen Mitteln. Finzis Serienmörder ist – und war wohl auch in der Realität – ein unter der Maske der Wohlanständigkeit verborgenes Monster. Hier wird er Fritz Lang erschütternd ähnlich, was beiden klar wird, ohne dass dies ausgesprochen werden muss. Beide Männer sind krank, sie leiden an sich selbst und an ihrer Geschichte. Fritz Lang hat das Glück, seine Obsessionen mit filmischen Visionen kompensieren zu können. Peter Kürten bleibt mit sich alleine. Samuel Finzi spielt diesen zerrissenen, leidenden Menschen, der scheinbar unbewegt von seinen Mordtaten berichtet, nicht etwa als Peter-Lorre-Kopie, obwohl das nahegelegen hätte. Dieser Mörder wirkt extrem unauffällig. Samuel Finzi gibt ihm einen ganz untheatralischen und deshalb besonders diabolischen Touch, der noch angsterregender wirkt als Lorres Interpretation. Hier ist ein Mensch, der zu allem fähig ist. Einer, der an sich selbst zugrunde geht. Nur einer der Männer dieses Films ist halbwegs normal: Thomas Thieme ist als Kriminalkommissar Gennat ein scheinbar unerschütterlich jovialer Mensch, dabei aber von extrem schneller Auffassungs- und Beobachtungsgabe. Auf seine Art ist auch er ein Besessener mit einer Maske, allerdings wird er durch seine Arbeit moralisch bestätigt. Bei ihm heiligt der Zweck die Mittel. Thieme spielt den Gennat als gewitzten Schnelldenker hinter der Fassade des trägen Dickerchens. Die Frauen sind in diesem Film weniger interessant, was allein der Geschichte geschuldet ist: Dies ist eine Story über Männer, die ihre Besessenheit mit sich herumtragen. Dennoch gelingt es Johanna Gastdorf als Thea von Harbou, ihre Rolle mit Leben zu füllen. Sie ist ein Arbeitstier, eher berechnend als leidenschaftlich, ein Wunder an Disziplin, womit sie fehlende Zuwendung und Anerkennung einigermaßen kompensieren kann. Sie opfert sich für die Arbeit auf, nicht für ihren Mann. In Rückblenden enthüllt sich die Geschichte ihrer Beziehung zu Fritz Lang, die durch den Tod von Langs erster Frau geprägt wurde.
 
Gordian Maugg zeigt nicht nur Menschen am Abgrund, sondern ein ganzes Land: Überall sind die Nazis gegenwärtig, ihre Gesänge wie ihre Taten. Ihre Stimmen werden lauter, parallel dazu steigert sich der Rhythmus des Films zu dem aufwühlenden musikalischen Thema aus der Peer-Gynt-Suite, das neben vielem anderen den Film „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ und Fritz Lang unsterblich gemacht hat.
 
Gaby Sikorski