Fuck Fame

Das ungeschminkte Porträt einer jungen Musikerin, die mit Ruhm, Geld, Drogen und Exzess zu kämpfen hat ist „Fuck Fame“, ein Film von Lilian Franck und Robert Cibis. Im Mittelpunkt steht eine Künstlerin namens Uffie, die schon in jungen Jahren in der Welt der elektronischen Musik Fuß fasste – mit allem was das impliziert.

Webseite: www.wfilm.de

Dokumentation
Deutschland/ Frankreich/ Australien 2018
Regie: Lilian Franck & Robert Cibis
Länge: 80 Minuten
Verleih: W-Film
Kinostart: 13. Juni 2019

FILMKRITIK:

Schwer zu sagen, ob es besser oder schlechter ist, wenn man die amerikanische Musikerin Anna-Catherine Hartley, in ihrer sehr speziellen Welt Uffie genannt, kennt. Schaut man sich die Dokumentation „Fuck Fame“ ohne Vorwissen an, sieht man als erstes Bilder von verschwitzten, enthemmten Menschen, die einer nicht mehr ganz jungen, schmächtigen, aber ebenso enthemmten Frau zusehen, wie sie zu pumpenden Beats auf der Bühne steht und singt, oft eher schreit. Nach dem Konzert geht es Backstage ebenso enthemmt weiter, bis die Frau zusammenbricht, ein Krankenwagen sie abtransportiert.
 
„Wer ist diese Frau?“, mag man denken, eine Frage, die in den folgenden 80 Minuten nicht wirklich beantwortet, sondern eher umkreist wird. Ein paar lose biographische Daten deuten einen Kontext mehr an, als sie ihn wirklich erzählen, präzise Jahreszahlen finden sich gar nicht, über welchen Zeitraum der Film entstand, bleibt wie vieles andere offen und doch: Dank der enormen Nähe, die Lilian Franck und Robert Cibis im Laufe der Jahre zu ihrem Subjekt entwickelt haben müssen, gelingt ihnen ein faszinierendes Porträt einer extremen, exzessiven Künstlerin, die mit sich und der Welt kämpft.
 
1987 in Florida geboren, als Kind einer japanischen Mutter und eines englischen Vaters, wuchs das Mädchen, das sich später Uffie nennen sollte, unter anderem in Hong Kong und Paris auf und begann mit 17 Jahren Musik zu machen. Und das im Bereich der EDM, der elektronischen Tanzmusik, ein Bereich der Musik, der kaum von der Partydroge Ecstasy zu trennen ist. Dementsprechend bald kam Uffie mit zunehmend hartem und intensivem Drogenkonsum in Kontakt, der sich auch wie ein roter Faden durch diese Dokumentation zieht. Offenbar über Jahre trafen Franck und Cibis Uffie immer wieder, mal für kürzere, mal für längere Zeit, filmten sie bei Auftritten und Aufnahmen, in Australien, Amerika und Europa, zeigen sie mit Freunden und anderen Musikern, bald auch mit ihrem ersten Kind, dass nur selten bei der Mutter aufwächst. Zum Glück, wie Uffie einmal selbst sagt, in einem ihrer vielen selbstreflexiven Momente, in denen sie gleichzeitig bedauert, von ihrem Kind getrennt zu sein, aber auch realisiert, das ihr exzessiver, von Drogenkonsum geprägter Lebensstil alles andere als passend für ein kleines Kind wäre.
 
Später, wenn sie ausgerechnet in der Partyhochburg Berlin nach einem neuen Anfang sucht, wird sie von einem Psychologen behandelt, erzählt von ihren Selbstmordversuchen, der Diagnose Bipolarität, den durch Cuts selbst beigefügten Narben auf den Armen. Eine Anklage des Molochs Musikindustrie könnte das sein, einer Welt, die ständig neue Künstler braucht, sie aufbaut, mit scheinbar unbegrenzten Mengen an Geld, Drogen und Exzess in Berührung bringt, gleichzeitig aber auch erwartet, dass neues Material, neue Musik produziert wird. Doch „Fuck Fame“ ist in keinem Moment moralisch oder wertend, sondern zeigt einfach nur einen Menschen und seine Welt, ungeschminkt, ungeschönt. Im besten Sinne dokumentarisch ist das, so sehr waren Franck und Cibis offenbar Teil des Umfelds der Musikerin, das nichts verheimlicht wird, so dass auch ungeniert vor der Kamera gekokst wird. Das Ergebnis dieser jahrelangen Arbeit ist ein dichtes, bemerkenswertes Dokument, an dessen Ende Uffie dann dem Ruhm und all dem, was mit ihm einhergeht, mit den Worten „Fuck Fame“ zumindest für einige Zeit den Rücken kehrt.
 
Michael Meyns