Full Metal Village

Einmal im Jahr wird das kleine Dorf Wacken zum Mekka der internationalen Metal-Gemeinde. Sung-Hyung Cho, gebürtige Koreanerin aus Hessen, hat mit dem unvoreingenommenen Blick eines Fremden das seltsame Zusammentreffen von Dorfbevölkerung und Heavy-Metal-Horden mit der Kamera eingefangen. Dabei ist der Fokus auf die Dorfbewohner gerichtet, denen sie mit ihrer ruhigen, respektvollen Annäherung wunderbare Momente entlockt. Entwaffnend komisch und verblüffend treffend in der Zustandsbeschreibung ländlichen Lebens, gelingen ihr unterhaltsame Einblicke auf deutsche Landen. Ihre charmante Dokumentation sorgte so schon auf zahlreichen Festivals von Berlin bis Saarbrücken für gutgelaunte Säle. Da macht nicht nur Landwirtschaft Spaß, sondern auch das Kinogucken!

Webseite: www.zorrofilm.de

Deutschland 2006
Regie: Sung-Hyung Cho
Länge: 90 Min.
Verleih: Flying Moon / Zorro Film
Kinostart: 19.4.2007

PRESSESTIMMEN:

 

So macht Kino Spaß!
ZDF Heute-Journal

Eine rundum gelungene, urkomische, toll beobachtete Studie über zwei Welten, die nicht im Geringsten zusammenpassen – und gerade deshalb füreinander gemacht zu sein scheinen. 
Cinema

…hat das Zeug zur Dokumentation des Jahres.
Blickpunkt:Film

Ausgezeichnet mit:

Max-Ophüls-Preis 2007 als Bester Film
Hessischer Filmpreis 2006
Schleswig-Holstein Filmpreis 2006

 

FILMKRITIK:

Manche Dinge werden erst dann richtig komisch, wenn man sie ernst nimmt. Sung-Hyung Cho, Filmemacherin aus der Nähe von Frankfurt, sieht ihren Heimatfilm über die kleine Gemeinde Wacken in Schleswig-Holstein in erster Linie als seriöse Studie. Ein Bild aus der Zeitung hatte sie auf das Dorf aufmerksam gemacht. Auf der Aufnahme waren vier junge Männer mit nackten, tätowierten Oberkörpern und voller Metal-Montur zu sehen, die im kleinen Dorfladen von einer braven Kassiererin bedient werden. Das Bild stammt vom jährlichen Open-Air-Festival in Wacken. Dann wird die 1800 Seelen-Gemeinde zum weltweiten Mekka aller Metal-Fans. Mehr als 40.000 Gäste pilgern jedes Jahr nach Wacken und verwandeln die beschauliche Bauernidylle in ein riesiges Heerlager des Heavy Metals.

Doch die Koreanerin richtet ihren Focus nicht auf die Musik-Touristen, sondern bleibt mit ihrer Kamera lieber bei den Bauersleuten. Statt sich vorgefertigte Meinungen bestätigen zu lassen, blickt die gebürtige Koreanerin dabei ohne Scheuklappen auf die Dorfbewohner und überlässt ihnen das Reden. Das Rezept klappt vorzüglich, denn die angeblich kühlen und verschlossenen Norddeutschen werden vor der Kamera richtig redselig.

Da plaudert der geschäftstüchtige Bauer Trede treuherzig seine Geschäfts- und Lebensphilosophie aus („Der Ehemann braucht ab 65 jüngere Freundinnen“), während sich Bauer Plähn vom Nachbarhof betont gelassen gibt und lieber der Katze beim Milchräubern zuschaut. Bauer Trede verdient gut an dem jährlichen Ansturm im August. Er hat seine abgeernteten Felder ans Festival vermietet und ist gleichzeitig für die Organisation des örtlichen Ordnungsdienstes verantwortlich. Andere, wie der arbeitslose Maurer Norbert Venohr, schauen das etwas melancholischer auf die Massen. Venohr hatte das Festival vor 17 Jahren mitgegründet und war ausgestiegen, bevor die Sache richtig lukrativ wurde. Die sechszehnjährige Kathrin wiederum fiebert mit ihrer Freundin schon Wochen vorher dem Festival entgegen. Dann können sich die Mädchen endlich mal gehen lassen, ohne von den wachsamen Dorfbewohnern gemaßregelt zu werden. Ihre streng religiöse Oma Irma sucht wie der Dorfpfarrer während der tollen Tage lieber das Weite.

Ansonsten zeigt sich die Bevölkerung aber in der Stunde der Wahrheit überraschend souverän und aufgeschlossen. Mit Klappstühlen sitzt man im Vorgarten und schaut dem illustren Treiben zu. Da zeigt schon mal der Opa den ankommenden Festivalbesucher geübt mit den Fingern den Metal-Gruß und statt der Dorffahne weht überall der Wimpel mit dm legendären Wacken-Schädel. „Wacken Rules!“, und ganz Wacken ist mächtig stolz auf sein berühmtes Festival.

Während aber das eigentliche Musikgeschehen und die Macher am Rande oder ganz außen vor bleiben, gewinnt der Film der Konfrontation zwischen landwirtschaftlichen Dorfleben und lärmenden Heavy- Metal-Fans reizvolle Momentaufnahmen ab. Nicht nur was, sondern wie die Filmemacherin in ruhigen, pointierten Bildern die Geschehnisse zeigt, reizt immer wieder zu Lachen. Dass die örtliche Blaskapelle gestandene Metal-Fans zu Polonaisen und Schunkeln animiert, gehört da schon zum ganz normalen Wacken-Wahnsinn.

Norbert Raffelsiefen

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Das Lob von „Full Metal Village“ ist schon ein paar Mal gesungen worden. Dem kann man sich nur anschließen. Vielleicht liegt eines der Geheimnisse dieser Qualität darin, dass die Regisseurin Sung-Hyung Cho Südkoreanerin ist. Sie lebt zwar seit 17 Jahren in Deutschland, hat aber, wie sie sagt,  noch immer wie die meisten Ausländer Anpassungsschwierigkeiten. Sie wirft sicher öfter als wir Deutsche einen differenzierenden, analysierenden, scharfen Blick auf unser Land, und wohl deshalb ist ihr Heimatfilm auch so gelungen.

Sie ist aber auch auf ein für ihren Zweck wunderbar passendes Thema gestoßen. In Holstein gibt es das friedliche, gemütliche, leicht spießige Dorf Wacken, das 1800 Einwohner zählt. Einmal im Jahr aber wandelt sich die Szene. Dann fallen Anfang August für drei Tage bis zu 40 000 Heavy-Metal-Fans ein und veranstalten ein Open-Air-Festival, ein Saufgelage, ein Feuerwerk, ein lautes Zusammensein, ein unübersehbares Camping-Feld, eine gröhlende Massen-Euphorie und am Ende einen ekligen Schuttberg.

Langsam nähert sich die Regisseurin den Dorfbewohnern: den Rinder- und Milchbauern und ihren Frauen; den Mädchen, die Models werden wollen; den alten Omas, die beim Kaffeeklatsch von ihrer ostpreußischen Herkunft erzählen; der Pfarrei; dem gemischten Gemeindechor; den Tanzgymnastik betreibenden reiferen Damen; der Feuerwehrkapelle; den Tieren; den Pflanzen.

Alles geht seinen alltäglichen, ruhigen Gang. Fast eine Idylle. Eine etwas einfältige. Denn manche glauben, dass bei den Heavy-Metallern Satanisten am Werk sind, die schwarze Messen abhalten. Ein blanker Unsinn.

Dann bricht wie gesagt für drei Tage die Hölle los. Eine exzentrische, für viele faszinierende, interessante Show. Bis nach kurzer Zeit Wacken seine Ruhe wieder findet.

Ein gutes Thema, ein köstliches Spiel mit den schroffen Gegensätzen, ein symptomatisches Bild Deutschlands und der Moderne, eine ausgezeichnete Montage, ein sicherer Blick auf die Mentalität der geschilderten Menschen, ein geradezu lehrreiches Vorhaben, lange eine ruhige Angelegenheit, dann ein Höllenlärm. Ein prima Film.

Thomas Engel