Funny Games U.S.

Auf dem Papier ließt es sich wie ein merkwürdiges Experiment: Zehn Jahre nach der Originalversion seines Gewalt- und Medienkritischen Films „Funny Games“ dreht Michael Haneke eine neue Version des gleichen Stoffs. Mit anderen Schauspielern und auf Englisch zwar, ansonsten aber bis in kleinste Details identisch. Insofern ist „Funny Games U.S.“ genauso gut oder schlecht wie das Original, bedient sich den exakt gleichen moralisierenden Kniffen, wirft dieselben Fragen auf. Ohne Frage ein Unikat.

Webseite: www.funnygames-us.de

USA 2008
Regie: Michael Haneke
Buch: Michael Haneke
Darsteller: Naomi Watts, Tim Roth, Michael Pitt, Brady Corbet,
111 Minuten, Format: 1:1,85
Verleih: X-Verleih
Kinostart: 29. Mai 2008

PRESSESTIMMEN:

Ein bösartiger und nachhaltiger Psychotrip, der auch als Neuverfilmung nichts von seiner Intensität verloren hat.
Cinema

FILMKRITIK:

Ann und George Faber (Naomi Watts und Tim Roth) wollen mit ihrem kleinen Sohn Georgie ein paar Tage in ihrem Haus am See verbringen. Unmittelbar nach ihrer Ankunft bricht in Gestalt der beiden ganz in weiß gekleideten jungen Männer Paul und Peter (Michael Pitt und Brady Corbet) das Grauen in ihre heile Welt hinein. Ein perfides Spiel, geprägt von Gewalt und Erniedrigungen beginnt, an dessen Ende unweigerlich der Tod der Kleinfamilie steht. Bevor es aber soweit ist lassen die Täter ihre Opfer ebenso lange zappeln, wie der Regisseur sein Publikum.

Der Welterfolg von „Cache“ hat es Michael Haneke offenbar ermöglicht, einen lang gehegten Traum Wirklichkeit werden zu lassen: Schon 1997 sprach er davon, dass „Funny Games“ eigentlich ein Film sei, der besonders das amerikanische Publikum ansprechen sollte. Das macht Sinn, bezog sich Haneke mit seiner Kritik an der voyeuristischen Lust an auf der Leinwand dargestellten Grausamkeiten schon damals vor allem auf das amerikanische Kino, hatte aber nicht die finanziellen Möglichkeiten, den Film auf Englisch zu drehen.

Inzwischen – zehn Jahre später – hat sich das Bild noch verstärkt. Regisseure wie Eli Roth oder James Wan etablierten mit Filmen wie „Hostel“ und „Saw“ das Genre des so genannten „Torture Porn“, Filme, die ebenso wie Pornofilme funktionieren, nur eben mit brutalsten Folter- und Gewaltszenen anstelle von Sexszenen. Der Wille von Regisseuren, das Gezeigte immer weiter auszureizen, sich an Gewaltexzessen, perversen Bildern, der Lust an Schmerz zu überbieten, ist dabei mindestens so groß wie die Lust von nicht wenigen Zuschauern, ihnen dabei zu folgen. Diese Verflechtung von Autor und Publikum, das sich gleichzeitig lustvoll und abgestoßen an den Bildern der Gewalt labt, ist medientheoretisch oft untersucht worden. Ob allerdings ein Film, der diese Art der Gewaltdarstellung und die Rolle des Publikums hinterfragt, auch nur einen Bruchteil jenes Publikums erreicht, dass gewöhnlich solche Gewaltdarstellungen konsumiert, ist fraglich. 

Denn auch „Funny Games U.S.“ ist natürlich ein Arthouse-Film, zwar mit international bekanten Darstellern besetzt, aber nicht mit Kassenmagneten, zwar im Gewand eines Thrillers daherkommend, aber von Anfang an natürlich von viel größerer Distanz zum Gezeigten als jede Hollywood-Produktion. Letztlich dürfte sich das Publikum dieses Films also zu weiten Teilen aus bildungsbürgerlichen Schichten rekrutieren, die der hier kritisierten Form der Gewaltdarstellung ohnehin kritisch gegenüberstehen. Zumal es ihnen Haneke auch noch sehr leicht macht. 1997 mögen Stilmittel wie ein direkter Blick in die Kamera, also ein Bruch der vierten Wand, einhergehend mit Dialogen, die die Strukturen des Thriller-Genres dekonstruieren sollen, noch neu gewirkt haben. Gerade in der künstlerischen Entwicklung Hanekes, die in der Folge zu Filmen wie „Die Klavierspielerin“, „Code Inconnu“ und vor allem „Cache“ führte, verschwanden solche wenig subtilen Mittel allerdings zunehmend. Zwar beschäftigt sich Haneke immer noch mit dem Zerfall von Zivilisation, der gesellschaftlichen Umgangsformen und ganz allgemein der Familie, behandelt immer noch Formen und Folgen von Gewalt, nur eben nicht mehr auf die direkte Weise, wie er es 1997 mit „Funny Games“ getan hatte. So ist dieses Remake beziehungsweise diese Kopie zwar ein genauso guter Film wie das Original, der seine fraglos immer noch relevante Thematik allerdings in keiner Weise weiterentwickelt hat, vor allem aber der künstlerischen Entwicklung Michael Hanekes vollkommen zuwiderläuft.

 

Michael Meyns

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Die Farbers brechen auf zu ihrem Sommerurlaub in den Hamptons. Sie wollen sich gemütlich einrichten. Da steht Peter, ein Gast der Nachbarn, vor der Tür. Er bittet um ein paar Eier. Lässt diese fallen. Bittet noch einmal um Eier. Langsam scheint sein Verhalten seltsam zu werden, zumal er auch Ann Farbers Handy in das mit Wasser gefüllte Spülbecken wirft. Jetzt ist Ann stutzig. 

Paul, ein zweiter junger Mann, erscheint, sich nach außen ebenfalls höflich und dezent gebend. Er spielt mit einem Golfschläger. Dass er damit den Hund der Familie erschlagen wird, ahnt noch niemand.

Anns Ehemann und der zehnjährige Sohn Georgie tauchen auf. Der Ton wird härter. Nun ist es heraus: Die beiden anfangs korrekt wirkenden Besucher sind Verbrecher, Lustmörder, die die Farbers gefangen nehmen, körperlich verletzen, seelisch demütigen, ihnen eine perfide Wette anbieten, sie in teils banale, teils makabre Diskussionen verwickeln. Treiben sie sie auch in den Tod?

Das amerikanische Remake eines Films, den Michael Haneke in den 90er Jahren bereits für den europäischen Markt drehte. Es geht um ein einziges Thema, nämlich um die Kehrseite des normal-friedlichen Lebens, die Gewalt: die Lust an der Gewalt, das Versteckspiel mit der Gewalt, die genüssliche Ausführung der Gewalt, die psychische Perversion des Phänomens Gewalt und für den Zuschauer auch um die Frage, was darunter verborgen ist, was dahinter steckt.

Der Film ist wieder, wie meist bei Haneke, äußerst subtil in Szene gesetzt und gut gespielt. Über seinen genauen Zweck muss sich jeder selbst einen Reim machen.

Thomas Engel