Furusato – Wunde Heimat

Die schwerste Nuklearkatastrophe jüngerer Zeit ereignete sich 2011 im japanischen Fukushima. Sieben Jahre später ist das Thema im Westen längst aus dem Sinn der Öffentlichkeit verschwunden, für die Bewohner des verseuchten Gebiets bestimmt es das Leben. Warum sie ihre Heimat nicht verlassen wollen, ergründet Thorsten Trimpop in seiner Dokumentation „Furusato – Wunde Heimat.“

Webseite: www.furusato-film.com

Dokumentation
Deutschland 2017
Regie & Buch: Thorsten Trimpop
Länge: 90 Minuten
Verleih: Im Film
Kinostart: 8. März 2018

FILMKRITIK:

Mit einer Karte der japanischen Inseln beginnt Thorsten Trimpops Dokumentation „Furusato – Wunde Heimat“. Anfang 2011 ist es, eine sich schnell bewegende Datumsanzeige rast auf den Tag der Katastrophe zu, kleine Einschläge deuten seismische Bewegungen an, die langsam zunehmen und ab dem 11. März zu einer Kakophonie anschwellen, die unheimlich deutlich macht, welche Katastrophe das Erdbeben und die anschließende Flutwelle auslöste. Gerade das Abstrakte dieser Darstellung passt dabei gut zu den Folgen, die in der Region um Fukushima auch Jahre später zu spüren, aber eben nicht wirklich zu sehen sind.
 
In der Luft liegt die radioaktive Verseuchung, hat Städte entvölkert, tausende Todesopfer gefordert, aber zu sehen ist sie nicht, zumindest nicht direkt. In Minamisoma, einem Ort unweit von Fukushima, findet Thorsten Trimpop jedoch Bilder, die die Katastrophe und ihre Folgen auf unheimliche Weise versinnbildlichen. Genau durch die kleine Ortschaft geht nämlich die Linie, die sichere von unsicheren Bezirken trennt, die also bewohnbare von nicht mehr bewohnbaren unterteilt. Offensichtlich willkürlich ist diese Trennung, denn warum sollte die nukleare Verseuchung bis genau zu einem Punkt reichen, zehn Meter weiter jedoch nicht mehr gefährlich sein?
 
Doch um solche Behördenwillkür geht es Trimpop nur in zweiter Linie, sein Hauptaugenmerk liegt auf der kleinen Ortschaft Minamisoma und ihren Bewohnern. Erstaunlich viele von ihnen sind nach der Katastrophe wieder in ihre Häuser zurückgekehrt, vielleicht auch nicht erstaunlicherweise, denn schließlich ist hier ihre Heimat, für manche Familien schon seit 1000 Jahren wie ein Mann berichtet. Mit Sturheit hat diese Sesshaftigkeit nun nichts zu tun, eher mit einem Gefühl der Verzweiflung, der Ausweglosigkeit.
 
Verstärkt wird das Bedürfnis, in die Heimat zurückzukehren noch durch die eben nicht unmittelbar zu spürenden Folgen der nuklearen Verseuchung. An der Küste stapeln sich zwar Fässer mit abgetragenem, nuklear kontaminiertem Boden, doch nachdem die unmittelbaren Opfer der Katastrophe begraben sind, ist erst einmal Ruhe eingekehrt. Welche Spätfolgen durch die Kontamination verursacht werden, dass werden erst die Kinder oder Enkel der Erwachsenen Bewohner erleben.
 
Gerade Japan hat wie kaum ein anderes Land die Folgen der Nukleartechnik erlebt, als einziges Land, das jemals einen Angriff mit Atombomben erlitt. Doch auch die Befürchtung, dass ihre Nachfahren mit Missbildungen auf die Welt kommen könnten, hält viele Bewohner nicht davon ab, in ihre Heimat zurückzukehren. Ähnlich wie die Protagonistin in Doris Dörries Spielfilm „Grüße aus Fukushima“, sind auch die Menschen in Trimpops dokumentarischem Gegenstück von einem von außen zwar nicht immer einfach zu begreifenden, aber beeindruckendem Willen geprägt, sich nicht unterkriegen zu lassen. Man mag dies fatalistisch oder befremdlich finden, in der nüchternen, auf Kommentare verzichtenden Dokumentation „Furusato – Wunde Heimat“ wirkt es aber vor allem wie der eindrucksvolle Wille weiterzuleben.
 
Michael Meyns