Gefühlt Mitte Zwanzig

Älterwerden ist nichts für Feiglinge. Als ein gut situiertes New Yorker Künstlerehepaar ein junges Hipster-Pärchen kennenlernt, stellen beide ihren bisherigen, vermeintlich spießigen Alltag in Frage. Auf einmal fühlen sich die Mittvierziger wieder wie Mitte Zwanzig, was bei ihren alten Freunden doch so manche Irritation auslöst. Nach „Greenberg“ (2010) übernahm Hollywood-Star Ben Stiller erneut die Hauptrolle in einem Film von Noah Baumbach („Frances Ha“). Dieser beweist darin nicht nur eine gute Beobachtungsgabe, sondern auch ein Gespür für die tragikomischen Befindlichkeiten einer von Optimierungswahn und Selbstverwirklichung getriebenen Generation. Amüsante Seitenhiebe auf den Film- und Kunstbetrieb inklusive.

Webseite: www.gefuehlt-mitte-zwanzig.de

OT: While we’re young
USA 2014
Regie & Drehbuch: Noah Baumbach
Darsteller: Ben Stiller, Naomi Watts, Adam Driver, Amanda Seyfried, Matthew Maher, Adam Horovitz, Maria Dizzia
Laufzeit: 97 Minuten
Verleih: Universum
Kinostart neu: 30.7.2015

Pressestimmen:

"Die klügste Komödie des Sommers."
SPIEGEL online

"…sehr, sehr witzig. …mit seinen schnellen, pointierten Dialogen erweist sich Baumbach erneut als würdiger Woody-Allen-Nachfolger."
ZEIT online

FILMKRITIK:

Sie sind Anfang 40, leben im angesagten Brooklyn und arbeiten in ihrem Traumberuf in der Filmindustrie. Während die meisten Freunde nach und nach Familien gründen und Kinder bekommen, genießen Josh (Ben Stiller) und Cornelia (Naomi Watts) alle Freiheiten, die ihnen das New Yorker Großstadtleben bietet. Und doch beschleicht sie manchmal das Gefühl, dass sie etwas verpassen. In ihrer Beziehung hat ohnehin schon länger eine gefährliche Routine Einzug gehalten. Man lebt immer öfter nicht mehr wirklich mit- sondern allenfalls nebeneinander. Als beide das junge Hipster-Paar Jamie (Adam Driver) und Darby (Amanda Seyfried) sind sie zunächst fasziniert von deren jugendlichem Elan und Spontanität. Plötzlich fühlen sich auch Josh und Cornelia wieder wie Mitte Zwanzig. Sie unternehmen neue Abenteuer und werfen so manche ihrer alten Gewohnheiten über Bord. Joshs und Cornelias Verjüngungskur verwundert gleichzeitig ihre alten Freunde, die mit einer solch unerwarteten Veränderung nicht viel anfangen können und inzwischen alles ihrem Elternsein unterordnen.

Mit „Gefühlt Mitte Zwanzig“ springt der New Yorker Regisseur Noah Baumbach von der Generation der „Twenty-Somethings“, die noch in seinem letzten Film „Frances Ha“ im Mittelpunkt stand, zu den scheinbar gesettelten Großstädter jenseits der 40. Dass sich diese als Folge des allgegenwärtigen Jugend- und Optimierungsdiktats nur zu gerne um 10 bis 20 Jahre jünger machen würden, besitzt jede Menge tragikomische Züge, wie Baumbach vor allem anhand Ben Stillers Figur zeigt. Während Josh an seinen ambitionierten Zielen als Dokumentarfilmer zu scheitern droht, verliert er sowohl seine Beziehung als auch das Leben aus den Augen. Beides zieht scheinbar unaufhaltsam und viel zu schnell an ihm vorbei. Baumbachs Milieu ist das des liberalen, intellektuellen Großstädters, was den Vergleich mit Woody Allen nicht zuletzt aufgrund des New Yorker Hintergrunds nahelegt. Tatsächlich besitzt auch seine neue Arbeit einen erfrischenden, wenngleich nicht immer tiefsinnigen Humor, der die Tür für durchaus ernste Gedanken über menschliche Unzulänglichkeiten und unserer Angst vor dem Älterwerden öffnet.

Baumbachs abermals geschliffene Dialoge, sein ganz offenbar instinktives Gespür für Timing und Tempo lassen „Gefühlt Mitte Zwanzig“ nicht nur unangestrengt sondern auch sehr rhythmisch wirken. Die Sequenz, in der er den Alltag der beiden Paare gegenüberstellt – Josh und Cornelia schauen Netflix und sind ständig online während ihre jüngeren Alter Egos Brettspiele und alte VHS-Aufnahmen auspacken –, ist dafür nur ein Beispiel. Der Schnitt liefert das perfekte Timing für eine ansonsten womöglich etwas zu erwartbare Erzählung. Überraschungen hält Baumbach aber dennoch bereit. So wandelt sich sein Film über das Leben vor und während der viel beschriebenen Midlife-Crisis sogar kurzzeitig in einen Hochstaplerkrimi. Dazu finden sich hier wunderbare Seitenhiebe auf den oftmals selbstverliebten Kulturbetrieb, oberflächliche Hipster-Rituale und falsch verstandene Political Correctness.

Die erneute Zusammenarbeit mit Ben Stiller, der schon in „Greenberg“ vor Baumbachs Kamera stand, ist überdies ein Gewinn für den Film und seine prominente Besetzung. Bei Stiller wird aus Josh ein empfindsamer, verunsicherter Suchender weit entfernt vom üblichen Personal einer Hollywood-Komödie, was nicht heißt, es ließen sich in seiner Darstellung keine hinreißend komischen Momente entdecken. Von denen gibt es viele. Sogar auf Slapstick verzichtet Baumbach nicht. Zusammen mit Naomi Watts zu, die hier endlich auch mal ihr komödiantisches Talent zeigen darf, gelingt Stiller jedoch ein rundum stimmiges, ehrliches Portrait eines von Routine und Alltag bedrohten Paares. Ganz gleich ob man Baumbach dafür das Etikett eines „neuen Woody Allen“ aufdrücken will oder nicht, seine Entwicklung als Beobachter unterschiedlicher Familienbeziehungen ist von Stillstand weit entfernt.

Marcus Wessel