Gemma Bovery

Die Folgen einer zu intensiven Lektüre von Flaubert durchlebt der ehemalige Lektor und jetzige Bäcker Martin in Anne Fontaines verspieltem, höchst amüsantem "Gemma Bovery." Der legendäre Roman um die nach Liebe suchende Emma Bovary ist dabei gleichermaßen Vorlage für eine moderne Neuinterpretation und Ausgangspunkt für eine feministische Studie über den oft allzu männlichen Blick des Kinos.

Webseite: www.prokino.de

Frankreich 2014
Regie: Anne Fontaine
Buch: Pascal Bonitzer, Anne Fontaine, nach dem Roman von Posey Simmonds
Darsteller: Gemma Arterton, Fabrice Luchini, Jason Flemyng, Elsa Zylberstein, Mel Raido, Niels Schneider
Länge: 110 Minuten
Verleih: Prokino
Kinostart: 19. September 2014

FILMKRITIK:

Nach Jahren als Lektor in Paris ist Martin (Fabrice Luchini) in sein kleines Heimatdorf in der Normandie zurückgekehrt, wo er zusammen mit seiner Frau eine Bäckerei betreibt. Doch die Liebe zur Literatur hat ihn trotz seines neuen Gewerbes nicht losgelassen. Besonders Gustave Flauberts "Emma Bovary" geht ihm nicht aus dem Sinn, nicht nur, weil der Schauplatz des Romans ebenfalls die Normandie ist.
 
Als eines Tages die attraktive Gemma Bovery (Gemma Arterton) zusammen mit ihrem Mann Charlie (Jason Flemyng) ins Nachbarhaus einzieht beginnen die Gehirnwindungen Martins zu rotieren. Geradezu besessen ist er vom Gedanken, hier eine Art Reinkarnation von Flauberts Romangestalt vor sich zu haben, eine Frau Ende 20, die für die Liebe lebt und doch immer wieder von den Männern verletzt wird.
 
Und so scheint es auch hier zu kommen als Gemma eine Affäre mit dem jungen Spross einer wohl situierten Familie beginnt. Aus der Ferne beobachtet Martin die Affäre, versucht Gemma vor dem scheinbar unausweichlichen Unglück zu beschützen und löst es dadurch erst selber aus.
 
Schon als reiner Unterhaltungsfilm wäre "Gemma Bovery" angesichts seines leichten, aber nicht seichten Tonfalls, seines malerischen Settings und seiner Betonung des Savoir-Vivres in Nordfrankreich ein sehenswerter Film. Richtig gut wird Anne Fontaines Film aber durch die vielfältigen literarischen und filmischen Bezüge, die ein vielfältiges Geflecht bilden. Da ist zum einen Hauptdarsteller Fabrice Luchini, der vor kurzem in "Molière auf dem Fahrrad" zu sehen war, der auf ganz ähnliche Weise einen Literaturklassiker auf ungewöhnliche Weise adaptierte und modernisierte. Vor allem war Luchini aber auch in Francois Ozons "In ihrem Haus" zu sehen, in dem er als Literaturlehrer Realität und Fiktion nicht auseinander halten konnte.
 
Hier wie dort greifen seine Figuren in das Leben anderer Menschen ein, was wiederum zum interessantesten Aspekt von "Gemma Bovery" führt, einer Reflektion über die Dominanz des männlichen Blicks im Kino. Das zeigt immer wieder gerne Männer in den 50ern, die junge, hübsche Dinger kennen lernen, die sich mit größter Selbstverständlichkeit Männern in die Arme werfen, die ihre Väter sein könnten. Dieser Phantasie meist männlicher Regisseure setzt   Anne Fontaine einen dezidiert feministischen Blick entgegen, der sich auf kongeniale Weise Flauberts Roman bedient, der auch von einer Frau erzählte, die von der Ignoranz der Männer in den Tod getrieben wurde.
 
Dass diese moderne Emma Bovary, diese Gemma Bovery auch noch von einer Schauspielerin namens Gemma gespielt wird, mag Zufall sein, könnte aber auch eine zusätzliche Reflektionsebene andeuten: Denn Gemma Arterton hat bislang fast ausschließlich Rollen gespielt, in denen sie angesichts ihres Aussehens Objekt der (männlichen) Begierde war. Gerade Stephen Frears "Immer Drama um Tamara" war so ein Film, in dem lüsterne ältere Herren sich an den Reizen einer jungen Frau labten, die von Frears allzu männlichem Blick stets betont wurden. Dass Arterton nun bei Anne Fontaine – die im Laufe ihrer Karriere immer wieder den männlichen Blick der Gesellschaft und des Kinos thematisiert hat – eine Variation dieses Typ spielt, allerdings aus weiblicher Sicht, macht "Gemma Bovery" endgültig zu einem bemerkenswert komplexen Film. Der gleichermaßen als leichte Unterhaltung funktioniert, aber nicht zuletzt auch als pointierte Reflexion über einen oft als selbstverständlich wahrgenommenen Sexismus des meist allzu männlichen Mediums Kino.
 
Michael Meyns