Genius – Die tausend Seiten einer Freundschaft

Hinter jedem starken Mann steht bekanntlich eine starke Frau – bisweilen aber auch ein smarter Mann. So im Fall der amerikanischen Literatur-Ikone Thomas Wolfe. Der putzt erfolglos die Klinken der New Yorker Verlagshäuser – bis ein Lektor sein Talent entdeckt und diesen literarischen Rohdiamanten mit engagiertem Einsatz zu einem gefeierten Schriftsteller-Genie schleift. Ein angenehm unverstaubtes Biopic, bei dem Jude Law als extrovertierter Künstler dem Affen Zucker gibt, derweil Colin Firth als stiller Mentor mit maximalem Minimalismus auftritt – und dabei stets und stolz seinen Hut trägt. Man erlebt zwei ungleiche Genies bei der Arbeit und bekommt einen nostalgischen Blick auf die schillernde Literaturszene der Goldenen Zwanziger Jahre. Hut ab!

Webseite: www.wildbunch-germany.de

OT: Genius
GB / USA 2015
Regie: Michael Grandage
Darsteller: Colin Firth, Jude Law, Nicole Kidman, Laura Linney, Guy Pearce, Dominic West
Filmlänge: 104 Minuten
Verleih: Wild Bunch Germany GmbH
Kinostart: 11.8.2016
 

FILMKRITIK:

„Die Welt braucht Dichter!” schwadroniert Thomas Wolfe (Jude Law) inbrünstig im Büro des New Yorker Verlagshauses Scribner's Son. Solche Lektionen benötigt Lektor Max Perkins (Oscar-Preisträger Colin Firth) freilich kaum, hat er doch schon Autoren wie Ernest Hemingway oder F. Scott Fitzgerald entdeckt. Für den jungen Poeten ist Perkins die letzte Hoffnung, jeder Verlag hat sein 300-Seiten-Manuskript bereits abgelehnt. Nur aus Gefälligkeit und ziemlich widerwillig nimmt sich der Verlagsprofi des Bündels loser Seiten an und beginnt im Pendlerzug mit der Lektüre. Seine professionelle Skepsis weicht schnell der leidenschaftlichen Begeisterung. Er hält einen literarischen Rohdiamanten in Händen, da ist sich Perkins sicher. Daraus einen funkelnden Roman zu schaffen, bedarf allerdings noch erheblicher Anstrengungen. Rigoros streicht er das Werk zusammen, nicht immer zur Begeisterung des Verfassers. Doch der extrovertierte Autor lässt sich von den sanften Methoden seines zurückhaltenden, gleichwohl unerbittlichen Mentors überzeugen. Lohn der gemeinsamen Mühe: Wolfes Debüt „Schau heimwärts, Engel“ avanciert zum gefeierten Beststeller, der Erfolg wird für das ungleiche Duo zum Beginn einer wunderbaren Freundschaft.
 
Sichtlich berauscht von der unerwarteten Anerkennung, schleppt Wolfe alsbald sein nächstes Oeuvre in Perkins Büro an: Drei Kisten loser Blatterstapel – aus diesen pompösen 5.000 Seiten einen Roman zu zaubern, gerät zu einer gemeinschaftlichen Mammutaufgabe, bei der ziemlich schnell und recht heftig die Fetzen fliegen. Erschwert wird der kreative Streit durch die Partnerinnen der beiden Helden. Während des Lektors Gattin Louise (Laura Linney) mit den gemeinsamen fünf Töchtern die zunehmende Vernachlässigung mit stiller Geduld erträgt, reagiert Wolfes Geliebte Aline (Nicole Kidman) mit zunehmender Eifersucht, Suizid- und Morddrohungen inklusive. „Er sieht in ihm den Sohn, den er nie hatte“, erklärt sich Ehefrau Louise die neue Situation, „er wird dich ausnutzen, wie er es mit mir getan hat“, zetert die enttäuschte Aline.
 
So konsequent und souverän, wie Max Perkins in absolut jeder Situation seinen Hut aufbehält, so gelassen reagiert auf die größenwahnsinnigen Ausfälle seines Schützlings. Als der bei einem gemeinsamen Abendessen F. Scott Fitzgerald und dessen schwer kranke Ehefrau übel beleidigt, kommt es zum großen Streit. Wolfes Mammutwerk „Von Zeit und Strom“ wird zwar abermals zum großen Erfolg und als Geniestreich, das Verhältnis der beiden Männer jedoch bleibt zerrüttet.
 
Nach der Vorlage von A. Scott Bergs preisgekrönter Biografie „Max Perkins: Editor Of Genius“ präsentiert der britische Theaterregisseur Michael Grandage mit seinem Kinodebüt ein atmosphärisch dichtes Biopic über einen stürmischen Schriftsteller und dessen besonnenen Mentor – die Antwort, welcher der beiden tatsächlich das titelgebende Genie darstellt, bleibt bewusst dem Zuschauer überlassen. Dass der preisgekrönte Bühnenprofi Grandage ein gutes Händchen für seine Schauspieler hat, versteht sich fast von selbst, seinem exzellenten Ruf dürfte er das hochkarätige Ensemble für diesen Erstling verdanken. Während die Kidman als keifende Furie glänzt, darf Laura Linney die verständnisvolle Mama mimen. Noch krasser gerät der Kontrast in der Herrenriege. Jude Law gibt den extrovertierten Künstler bis hart an die Klischeegrenze, derweil Colin Firth bei seinem Portrait des sensiblen Lektors souverän auf maximalen Minimalismus setzt. Bis auf die letzte Szene trägt der Oscargewinner stets Hut – was nicht nur einen Eintrag ins Guinness-Buch wert sein sollte, sondern jener dramatischen Schlusssequenz einen ganz besonderen Kick verleiht. Für solch pfiffige Einfälle bedarf es wohl eines schillernden Drehbuchautoren wie John Logan: Der war bekanntlich nicht nur für „Gladiator“, „Aviator“ und „Hugo Cabret“ für den Oscar nominiert, aus seiner Feder stammen zudem die James Bond-Abenteuer „Skyfall“ und „Spectre“. Hier darf er sich mit geschliffenen Dialogen über hehre Kunst, herbe Textarbeit sowie frühes Marketing austoben, an denen auch Max Perkins seine Freude gehabt haben dürfte: Ein geistreiches Arthaus-Drama über den Literaturbetrieb mit reichlich Unterhaltungswert!
 
Dieter Oßwald

In „Genius – Die Tausend Seiten einer Freundschaft“ begibt sich der Zuschauer auf eine Reise in die USA der 1920er-Jahre. Dabei blickt er hinter die Kulissen des damaligen Literaturbetriebs, in dem Autoren wie F. Scott Fitzgerald und Ernest Hemingway für das Neue und Radikale standen. Entdeckt hat beide der legendäre Lektor Maxwell Perkins. Aus seiner Begegnung mit dem jungen Thomas Wolfe entwickelt Theaterregisseur Michael Grandage ein gerade zu Beginn packendes Zeit- und Künstlerportrait, dessen zentrale Vater-Sohn-Konstellation nicht zuletzt dank Colin Firth und Jude Law uneingeschränkt unterhält.
 
Zwei Männer, zwei gegensätzliche Charaktere, eine gemeinsame Liebe zur Literatur. Auf diese kurze Formel ließe sich der Inhalt von „Genius – Die Tausend Seiten einer Freundschaft“ bringen. Der Film beleuchtet einen Ausschnitt des Literaturbetriebs, mit dem sich zumeist nur Brancheninsider beschäftigen. Stellt bereits die filmische Aufarbeitung des oftmals mühsamen Schreibprozesses eine gewisse Herausforderung dar – das Starren auf ein leeres Blatt Papier und eine Schreibblockade lassen sich nur schwer mitreißend inszenieren –, so eignet sich das anschließende Lektorat vermutlich erst recht nicht als Grundlage für ein spannendes, intensives Kinoerlebnis. Tatsächlich beweisen der Londoner Theaterregisseur Michael Grandage und sein äußerst erfahrener Drehbuchautor John Logan („Gladiator“, „Aviator“) mit „Genius“ das genaue Gegenteil.
 
Die beiden eingangs erwähnten Männer brennen für die Literatur – zugegeben auf sehr unterschiedliche Weise. Während der ruhige, akribisch arbeitende Lektor Max Perkins (Colin Firth) für das angesehene New Yorker Verlagshaus „Scribner’s Sons“ in den 1920er Jahren spätere Literaturgrößen wie F. Scott Fitzgerald und Ernest Hemingway entdeckt, zieht es den jungen, impulsiven Autor Thomas Wolfe (Jude Law) von seiner Heimat North Carolina in den Big Apple. Seine Hoffnung, endlich bei einem renommierten Verlag unter Vertrag genommen zu werden, schwindet jedoch von Tag zu Tag. Erst als Wolfes Geliebte Aline (Nicole Kidman) für ihn einen Termin bei Perkins arrangiert, scheint seine bislang erfolglose Schriftstellerkarriere doch noch die ersehnte Wendung zu nehmen. Anfangs erschlagen von der losen, über tausendseitigen Blattsammlung erkennt Perkins darin trotz aller Ausschweifungen und Irrwege etwas Aufregendes und Neues. Er beschließt, zusammen mit Wolfe an der Bändigung des Textes zu arbeiten. Es folgt ein monatelanges Ringen um jede Formulierung und um beinahe jedes Wort. Als „Schau heimwärts, Engel“ schließlich erscheint, avanciert Wolfes erster Roman schnell zu einem Liebling bei Lesern und Kritik.
 
Vor allem der ersten Stunde von „Genius – Die Tausend Seiten einer Freundschaft“ gelingt das Kunststück, die gemeinsame Arbeit von Perkins und Wolfe, ihre Vater-Sohn-ähnliche Beziehung und die Suche nach dem perfekten Roman als eine Mischung aus unterhaltsamen Buddy-Movie und stilsicherem Period Piece aufzubereiten. Zu den entsättigten Bildern eines in der Depression versunkenen Landes, das Logan und Grandage hier als Kulisse dient, führt uns die Geschichte in einen sowohl kreativen wie durchaus emotionalen Ausnahmezustand. Perkins versucht, Wolfes Ego und Genie auf eine sanfte Weise zu beeinflussen ohne das literarische Genie wirklich ernsthaft zu kränken. Als wäre diese Aufgabe nicht schon schwer genug, torpediert Wolfes Geliebte mit ihrer Eifersucht immer öfter Perkins’ Arbeit, für die uns Grandage und Logan gewissermaßen erst die Augen öffnen. All das Streichen, Kürzen und Verwerfen stellt keine Trivialität dar sondern erst die Suche nach der bestmöglichen Form.
 
Trotz einer exzellenten Besetzung bis in die Nebenrollen – Laura Linney ist als Perkins’ Ehefrau Louise zu sehen, Guy Pearce hat mehrere kurze Auftritte als F. Scott Fitzgerald –, funktioniert der Film hauptsächlich als Zwei-Personen-Stück, in dem sich komplett unterschiedliche Charaktere begegnen. Für Jude Law bot der exzentrische Wolfe jede Gelegenheit die große Gesten und Gefühle in den Vordergrund zu stellen. Auch dadurch liegen Komik und Tragik in manchen Szenen dicht beieinander. Oscar-Preisträger Colin Firth verkörpert den introvertierten Max Perkins wahrhaft unaufgeregt und mit einer stillen Würde. Die Figur scheint wie geschaffen für Firth’ britisches Understatement. Zurückgenommen und gleichzeitig präsent ist sein Max vielleicht jenes Genie, das Grandages Film mit einer gewissen Zweideutigkeit im Titel trägt.
 
Marcus Wessel