Gerdas Schweigen

Verfilmungen dokumentarischer Vorlagen, die biografisch die Nazi-Herrschaft beleuchten, haben gegenwärtig Konjunktur. „Nicht alle waren Mörder“, die fürs Fernsehen adaptierten Erinnerungen des Schauspielers Michael Degen, der als Jude in Berlin überlebte, fand große Beachtung. Ende Oktober kommt „Anonyma – eine Frau in Berlin“ in die Kinos, eine Großproduktion, die auf den Tagebuch-Aufzeichnungen einer Frau fußt, die am Kriegsende den russischen Besatzern in Berlin ausgeliefert ist. Kurz darauf folgt „Gerdas Schweigen“, ein Film, in dem eine Überlebende des Holocaust ebendieses Schweigen über die Vergangenheit bricht. Die Vorlage ist ein Buch des Journalisten Knut Elstermann. Britta Wauers Dokumentation wirft vor allem unwillentlich die Frage auf, wie viel und welche Art Erinnerung es braucht, um die Juden-Verfolgung unter Hitler angemessen darzustellen.

Webseite: www.pifflmedien.de

Deutschland 2008
Buch und Regie: Britta Wauer
Länge: 95 Minuten
Verleih: Piffl Medien
Kinostart: 6. November 2008

PRESSESTIMMEN:

…auf film-zeit.de

FILMKRITIK:

Kinderfragen können ein mittleres Erdbeben auslösen. Als der kleine Knut Mitte der sechziger Jahre die auf Besuch in Ost-Berlin weilende Tante Gerda aus Amerika fragt, wie es ihrem Kind gehe, wird es schlagartig still an der Kaffeetafel. Niemand reagiert, man wechselt das Thema. Dem Knaben lässt die Angelegenheit keine Ruhe. 40 Jahre später begibt er sich auf Spurensuche. Er besucht Gerda in New York, um die Frage noch einmal zu stellen. Die betagte Frau, die nicht seine Tante ist, aber in ihrer Kindheit und Jugend gewissermaßen zu Knut Elstermanns Familie gehörte, tut sich nach wie vor schwer, ihm eine Antwort zu geben. Doch dann erzählt sie ihm alles. Die Aussonderung der Juden in Berlin, ihre Deportation nach Auschwitz, ihre Flucht, das Leben in der Illegalität in Berlin, ihre erneute Deportation nach Auschwitz und als I-Tüpfelchen die Geburt ihrer Tochter im KZ. Das Baby verhungert nur wenige Tage nach der Geburt in ihren Armen.

Es ist immer wieder erschütternd, die Erinnerungen von Überlebenden der grausamen  Tötungsmaschinerie der Nazis zu hören. Und es besteht kein Zweifel daran, dass dies nötig ist, um dieses Grauen im kollektiven Gedächtnis dauerhaft zu verankern. „Gerdas Schweigen“ ist dabei aber bei allem guten Willen der Beteiligten nicht unbedingt eine Hilfe. Man kann bei diesem Thema sehr schnell sehr viel falsch machen. Die betagte Protagonistin hat ihre Erinnerungen tief vergraben und will darüber nicht reden. Sie spricht dann doch, warum auch immer. Es trägt ihr nur Probleme ein. Mit ihrem Gewissen, ihrer Selbstachtung, ihrem Sohn, vor dem sie das Projekt verheimlicht, der es aber rauskriegt. Google sei dank. Darf man so etwas machen? Elstermann findet: Ja, darf man. Er ist im Film sehr präsent. Er kommentiert die Bekenntnisse Gerdas, vor allem aber verteidigt er den Film (und sein Buch) gegen Einwände. „Man drängelt sich in ein Schicksal rein“, gibt er zu, aber das sei in Ordnung, weil „Geschichte verschwindet“. Das große Ganze rechtfertigt den Druck auf eine alte Frau.

Ihre Erlebnisse sind ein Albtraum. Aber Elstermann erliegt einem kindlichen Faszinosum, das sich bei tieferer Recherche relativiert hätte. Für ihn mag das alles neu gewesen sein, aber dass und warum Überlebende des Holocaust schweigen, ist ein vielfach bezeugtes und psychologisch durchleuchtetes Phänomen. Die Überlebensschuld ist groß. Der Schriftsteller Primo Levi ist nur der bekannteste, aber weiß Gott nicht der einzige, der sich deswegen umbrachte. Auch über die Menschenversuche des KZ-Arztes Josef Mengele ist vieles bekannt, und gerade in jüngster Zeit war viel von den Helden des Alltags die Rede, die Juden versteckten oder ihnen anderweitig halfen. Warum also soll jemand über etwas Zeugnis ablegen, was ohnehin bekannt ist? Und warum soll er das öffentlich tun? Liegt es vielleicht am Reflex des Journalisten, alles zu publizieren, womit er sich beschäftigt?

Vor zwei Jahren kam „The Cemetery Club“ in die Kinos. Die israelische Filmemacherin Tali Shemesh befragt darin hartnäckig ihre Großtante, wie das war mit dem Holocaust. Ihre Großtante weigert sich immer und immer wieder, davon zu erzählen. Aber ihre Reaktionen lassen viel von ihrer Trauer, ihrer Erschütterung, ihrer nicht heilenden Verletzung erahnen. Es ist ein beredtes Schweigen und „The Cemetery Club“ ein ziemlich guter Film. Von „Gerdas Schweigen“ gibt es übrigens auch ein Hörbuch. 

Volker Mazassek

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Holocaust-Überlebende gibt es nicht mehr allzu viele. „Gerda“, die heute in New York wohnt, ist eine von ihnen.

In den 30er Jahren in Berlin lebte sie weitgehend bei ihren Nachbarn, und einer der Nachfahren dieser Nachbarn, der Journalist Knut Elstermann, ist gemeinsam mit der Regisseurin Britta Wauer in Wort und Bild dem Schicksal dieser Jüdin nachgegangen.

Das Besondere daran ist, dass Gerda ein Geheimnis hatte, über das die heute 88jährige abgesehen von einer kurzen Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg mehr als 40 Jahre lang nicht sprach – auch nicht ihrem inzwischen verstorbenen Mann und ihrem 40jährigen Sohn Steven gegenüber. 

Eines Tages zu Beginn der 40er Jahre wurde Gerda wie alle Juden abgeholt. Aus dem ersten Sammellager konnte sie fliehen. Sie warf den Judenstern weg und gab sich als Nichtjüdin aus. Bald konnte sie als Pelznäherin angestellt werden. Sie verliebte sich in ihren Chef, einen charmanten ungarischen Taugenichts.

Von jüdischen Spitzeln wurde sie verraten und kam nach Auschwitz. Weil sie schwanger war, ließ der berüchtigte Verbrecherarzt Dr. Mengele sie am Leben – allerdings nur um in einem abscheulichen Humanversuch herauszufinden, wie lange Gerdas Neugeborenes es ohne Nahrung aushalten würde. Das kleine Mädchen hieß Silvia und starb denn auch nach 14 Tagen.

Auf dem Weg von Auschwitz nach Ravensbrück wurde Gerda im Frühjahr 1945 von einem deutschen Soldaten versteckt und gerettet.

Das alles wollte sie als ihr Geheimnis mit ins Grab nehmen. Es kam anders, weil Estermann nicht locker ließ. Er trieb sogar die Adresse des bis dahin unbekannten Soldaten auf.
Langsam arbeitete Knut Estermann sich durch dieses Schicksal, vorsichtig alles aufdeckend und aus Gerda herausholend. Und ebenso zögernd befreite sich die betagte Frau von ihrer bisherigen Geheimnislast. Das Wichtigste für sie: dass ihr Sohn Steven, ein Rabbi, ihr das jahrzehntelange Schweigen vergebe. Inzwischen ist das auch eingetreten.

Wie gesagt, viele Holocaust-Überlebende gibt es nicht mehr. Deshalb ist jedes Zeugnis wertvoll. Dieses hier ist ruhig, überzeugend, teilweise erschütternd vorgebracht. Ergänzt wird es durch Aufnahmen aus dem Berlin der 30er und 40er Jahre, aus KZs, aus New York, aus dem Ost-Berlin der DDR-Zeit und dem heutigen Berlin, ebenso durch charakteristische Aussagen ehemaliger und jetziger Nachbarn.

Das überaus bewegte Leben der tapferen Jüdin Gerda ist zu einem erzählenswerten und Anteilnahme bewirkenden Dokument geworden, filmisch tadellos vorgestellt.

Thomas Engel