Gespenster

Deutschland/Frankreich 2004
R: Christian Petzold
B: Christian Petzold, Harun Farocki
K: Hans Fromm
D: Julia Hummer, Sabine Timoteo, Marianne Basler, Aurélien Recoing, Benno Fürmann
Länge: 85 min
Verleih: Piffl Medien
Start: 22.9.2005

Das satte regenfeuchte Grau-Grün deutscher Mittelstreifen, die geschichtslosen Oberflächen neuer Betonkonstruktionen, heimatlose Unpersonen, die sich an Allerwelts-Unorten aufhalten, und Julia Hummer, die als verschlossener Teenager in übergroßen T-Shirts durch die Bilder schlurft – man kennt das bereits aus früheren Filmen Christian Petzolds. Doch während die Petzoldschen Motive und Obsessionen in Filmen wie "Die innere Sicherheit“ oder „Wolfsburg“ dezent in die Erzählung integriert waren, werden sie in „Gespenster“ immer mehr zu den eigentlichen Protagonisten. Ein düsteres deutsches Stimmungsbild.

Das etwa 17jährige Heimkind Nina beobachtet beim Arbeitsdienst im Berliner Tiergarten wie die wenig ältere Toni überfallen und ausgeraubt wird. Später hilft sie Toni, sich vor einem aufgeregten Putztrupp zu verbergen, der sie des Diebstahls verdächtigt. Eine Art Freundschaft entsteht zwischen den beiden heimatlosen Wesen, von denen die eine verletzlich und verschlossen, die andere tough und unberechenbar ist. Einen Tag verbringen Nina und Toni zusammen – Klauen bei H+M, ein Casting, eine Party – bevor Toni wieder spurlos verschwindet. Im Laufe des Tages begegnen die beiden auch Françoise, einer Französin, die in Nina ihre verloren geglaubte Tochter sieht. Toni hält sie für eine Verrückte, aber Nina gibt sich für einen Moment der Hoffnung hin, in Françoise ihre Mutter zurück bekommen zu haben.

Innerhalb eines kurzen Tages wird Nina gleich zweimal verlassen und man ahnt, dass es so weitergehen wird. Nina, Toni und Françoise sind Verlorene, die nirgendwo zuhause sind. Sie tauchen aus dem Nichts auf, finden keinen Anschluss und verschwinden wieder ins Nichts. Auf Familie, Freunde oder Vorgeschichte deuten, wenn überhaupt, nur vage Andeutungen hin. Auch ihre Begegnungen miteinander ergeben letzten Endes keinen Zusammenhang, keine Geschichte, sondern bleiben isolierte Versatzstücke einer Befindlichkeit, die Christian Petzold als das Gefühl beschreibt, in einer Blase außerhalb der Norm zu leben und verzweifelt zu versuchen, „Kontakt mit etwas zu bekommen, was man Leben nennt“.

Das Gefühl der Unbehaustheit und Verlorenheit durchdringt alle Elemente des Films, vom Anti-Continuity-Schnitt Bettina Böhlers über isoliert eingesetzte Musiksequenzen und eigenartig unspezifische Dialoge bis hin zur Architektur. Mitten in der überfilmten Hauptstadt hat Petzold Orte gefunden, die zwar allgemein bekannt sind, aber dennoch wie entrückt wirken. Blasen im Stadtbild, an denen ein ‚normales’ Leben nicht stattfindet, wie den pseudo-öffentlichen Potsdamer Platz, den grünen Dschungel Tiergarten oder die Konfektionslobby des Hotels, in dem Françoise und ihr Ehemann Pierre auf der Durchreise untergekommen sind. Hier suchen die Gespenster des Titels vergeblich nach Erlösung.

Gerade für Leute, die die früheren Filme Petzolds kennen, ist es interessant zu beobachten, wie der Regisseur sein Thema immer direkter und radikaler umkreist. „Gespenster“ ist fast schon ein Kunstfilm, so wichtig ist Petzold diesmal die Ästhetik. Gelegentlich scheint die extreme Sorgfalt der Konstruktion dabei auf Kosten der Personenzeichnung zu gehen. Die Dialoge wirken manchmal ausgedacht, die gesellschaftliche Zuordnung der Hauptpersonen allzu vage. Dennoch – oder gerade deswegen? – übt „Gespenster“ eine eigenartige Faszination aus, die noch lange nachwirkt.

Hendrike Bake