Get – Der Prozess der Viviane Amsalem

Manche Film sind schwer zu ertragen, weil sie gesellschaftliche Zustände aufzeigen, die unfassbar erscheinen. So ein Film ist "Get – Der Prozess der Viviane Amsalem", in dem das Geschwisterpaar Ronit & Shlomi Elkabetz mit schonungsloser Direktheit vom 5-jährigen Leidensweg einer israelischen Frau erzählt, bis ihr ein orthodoxes Rabbinatsgericht endlich die Scheidung von ihrem Mann gewährt.

Webseite: www.salzgeber.de

Israel/ Frankreich/ Deutschland 2014
Regie, Buch: Ronit & Shlomi Elkabetz
Darsteller: Ronit Elkabetz, Menashe Noy, Simon Abkarian, Sasson Gabay, Eli Gorstein, Gabi Amrani
Länge: 115 Minuten
Verleih: Edition Salzgeber
Kinostart: 15. Januar 2014
 

Auszeichnungen:

Ausgezeichnet mit dem Ophir Award/Israelischer Filmpreis als „Bester Film“ und die „Beste Nebenrolle“ für Sasson Gabai (GET geht damit als Israels Beitrag ins Oscar-Rennen für den besten nicht-englisch-sprachigen Film)

CICAE-Award Filmfest Hamburg 2014

FILMKRITIK:

Immer wieder kann man während der langen, oft schwer zu ertragenden zwei Stunden von "Get – Der Prozess der Viviane Amsalem" nicht anders, als den Kopf schütteln und fragt sich, ob das denn wirklich sein kann. Kann es in einem Land wie Israel, das trotz aller Missstände und Probleme zu Recht als einzige Demokratie im Nahen Osten bezeichnet wird, dass zumindest in manchen Aspekten ein liberales, weltoffenes Land ist, tatsächlich solch archaische Traditionen geben, wie sie hier geschildert werden?

Die Rede ist von der Ehescheidung, die in Israel als einzigem demokratischem Staat der Welt, nicht zivilrechtlich vollzogen werden kann, sondern ausschließlich von einem Rabbinatsgericht, in dem streng orthodoxe Richter nach ebenso traditionellem wie tradiertem jüdischem Recht urteilen. Und dieses Gesetz macht es einer Frau praktisch unmöglich, die Scheidung von einem Mann zu erwirken, der sich aus welchen Gründen auch immer weigert, in die Scheidung einzuwilligen.
So geht es der von Co-Regisseurin Ronit Elkabetz gespielten Viviane Amsalem, deren Schicksal schon in zwei früheren Filmen des Regisseurs-Duos beschrieben wurde. Zu Beginn des Films, zu Beginn des Scheidungsprozesses lebt Viviane getrennt von ihrem Mann Elisha (Simon Abkarian). Dieser ist bereit, sie wieder bei sich aufzunehmen, eine für das Gericht noble Geste, denn die Ehe, die Familie steht in den Augen der orthodoxen Rabbiner über allem, selbstverständlich auch über den Wünschen und Bedürfnissen der Frau, die nur als Anhängsel des Mannes betrachtet wird.

Immer neue Auflagen machen die Richter, während Viviane und ihr Anwalt Carmel (Menashe Noy) mit zunehmender Verzweiflung gegen die archaischen Traditionen kämpfen. Über fünf Jahre wird sich der Prozess hinziehen, immer neue Leumundszeugen beschreiben den Mann teilweise als wertvolles Mitglied der Gemeinschaft, dann wieder als cholerischen Starrkopf. Bezeichnenderweise kommt Viviane selbst lange Zeit kaum zu Wort, sie ist nur Staffage, die mitanhören muss, wie über sie und ihr Leben verhandelt wird, bis sie gegen Ende in einem herzzerreißenden Monolog für ihre Freiheit kämpft, um endlich ihren Get, ihren Scheidungsbrief in Händen zu halten.

All das zeigen die Geschwister Elkabetz in meist starren Einstellungen, fast ausschließlich in einem kargen Gerichtsraum, der wie aus der Welt gefallen zu sein scheint. Nicht umsonst erinnern die vielen Nahaufnahmen von Gesichtern, die oft abgeschnittene Kadrierung sowohl an Dreyers "Die Passion der Jean d'Arc" als auch an Bressons "Der Prozess der Jean d'arc" auf den schon der Titel unmittelbar anspielt. Wie eine Passionsgeschichte wirkt auch das Schicksal der Viviane Amsalem, die einfach nur das haben will, was zumindest in westlichen Ländern inzwischen praktisch jeder Frau selbstverständlich zusteht: Das Recht, über ihr Leben selbst zu bestimmen.

Dass die Regisseure und Autoren dabei klug genug sind, ihren Mann Elisha nicht zu verdammen, ihm immer wieder auch Momente des Mitgefühls zuzugestehen, macht den wie eine Farce anmutenden Prozess noch schwerer zu ertragen. Nicht zuletzt das meist zurückhaltende Spiel von Ronit Elkabetz, die meist stoisch, aber mit zunehmender Verzweiflung den Prozess verfolgt, vermittelt aufs eindringlichste die schiere Ungerechtigkeit, der sich Frauen in Israel oft noch gegenübersehen. Leicht auszuhalten sind die zwei Stunden von "Get – Der Prozess der Viviane Amsalem" gewiss nicht, aber an emotionaler Dichte ist der Film der Geschwister Elkabetz schwer zu übertreffen.
 
Michael Meyns