Giovanni Segantini

Oft sind filmische Künstler-Biographien kaum mehr als bebilderte Wikipedia-Artikel bei denen man sich fragt, wo der Mehrwert einer filmischen Darstellung liegt. Ganz anders Christian Labharts „Giovanni Segantini – Magier des Lichts“, der sich dem österreichischen Maler assoziativ und behutsam nähert und gerade durch diese vorsichtige Herangehensweise Interesse weckt.

Webseite: mindjazz-pictures.de

Schweiz 2014 – Dokumentation
Regie, Buch: Christian Labhart
Länge: 82 Minuten
Verleih: mindjazz pictures
Kinostart: 10. September 2015
 

Pressestimmen:

"Giovanni Segantini (1858 – 1899), einst als Genremaler verklärender Alpenidyllen abgetan, wird vom Schweizer Dokumentaristen Christian Labhart auf faszinierende Weise neu entdeckt als Naturmystiker und visionärer Lichtzauberer. Ein Künstlerporträt, das den kreativen Impulsen nachspürt."
Süddeutsche Zeitung

FILMKRITIK:

Früher war die Sache klar: Wollte man sich über eine berühmte Persönlichkeit informieren, musste man zu mehr oder weniger umfangreichen Büchern greifen. Beste alternative war ein Dokumentarfilm, der in gut 90 Minuten einen knappen, aber durchaus präzisen Einblick in einen Menschen und sein Schaffen liefern konnte. Mit dem Siegeszug des Internets wurde dieses einfache Verkaufsargument obsolet, denn über praktisch jede Figur der Zeitgeschichte liefert das Netz in wenigen Klicks umfassende biographische und analytische Informationen, öffnet Bilderwelten und bei Personen der jüngeren Zeitgeschichte auch noch umfangreiches bewegtes Bildmaterial.

Angesichts dieser Bilder- und Informationsflut müssen sich moderne Dokumentarfilme fragen lassen welchen Mehrwert sie liefern, ob sie mehr sind als bebilderte Reportagen mit wechselnden Interviewköpfen, die meist stark verkürzende Allgemeinplätze von sich geben oder ein Leben anhand wichtiger Daten ebenso penibel wie langatmig nacherzählen. Was der Schweizer Regisseur Christian Labhart in seinem Film versucht ist etwas ganz anderes. Sein Sujet ist der in Südtirol geborene Maler Giovanni Segantini, der von 1858-1899 ein kurzes, höchst bewegtes Leben lebte und Gemälde von eindringlicher Kraft schuf.

Einerseits folgt Labhart in seinem Ansatz nun den Lebensstationen von Segantini, die er in den drei Kapiteln Werden, Sein und Vergehen andeutet, aber eben nur andeutet. Von der schweren Kindheit ist da die Rede, dem frühen Tod der Mutter, dem Leben als Straßenjunge in Mailand, der Staatenlosigkeit, anarchistischen Gedanken, die sich auch auf seine Kunst übertrugen und dem frühen Tod in Folge eines Blinddarmdurchbruchs auf einer Berghütte.

Der Gefahr des bloßen Nacherzählens entgeht Labhart durch die assoziative Form seiner originär filmischen Annährung an den Künstler: Keine knappen Kommentare von Kunstwissenschaftlern oder Historikern erzählen von Segantini, sondern Segantini selbst, aus dessen autobiographischen Aufzeichnungen die unverwechselbare, eingängige Stimme Bruno Ganz vorliest. Bisweilen ergänzt durch Auszüge aus einer Biographie lassen sie das kurze, bewegte Leben Segantinis vor den Augen des Zuschauers auferstehen, unterstützt durch drei visuelle Ebenen: Zum einen natürlich die Gemälde selbst, die Kameramann Pio Corradi in extrem scharfen Bildern oft bis in kleinste Details zeigt, dann alte Aufnahmen aus Tirol oder Mailand, die einen Eindruck von dem geben, was Segantini gesehen haben mag, nicht zuletzt aber von Aufnahmen aus der Gegenwart, die einen verblüffend fruchtvollen Kontrast entstehen lassen: Da sieht man etwa die moderne Silhouette Mailands, die auch geprägt von Bürohäusern und Kränen ist, hört dazu aber Gedanken Segantinis über die Vogelschwärme über der Stadt, wie er sie im 19. Jahrhundert wahrnahm.

Das Alte und das Neue verschwimmt in diesem Moment und ermöglicht eine Annährung an die Gedankenwelt des Künstlers, die sich im musikalischen Konzept des Films fortsetzt. In genau der Kapelle in Maloja, in der Segantini nach seinem Tod aufgebahrt wurde ließ Labhart von einem Streichquartett Stücke von Bach, Mozart und anderen einspielen, die sich mit ihrem Pathos ganz zu den Gemälden Segantinis fügen. Diese überhöhten oft die Natur, verklärten die kraftvolle Landschaft der Alpen und zeigen doch auch die Abgründe eines kurzen, vielfältigen Lebens. Von dem bekommt man in den kaum 80 Minuten von Christian Labharts Dokumentation einen intensiven, vielstimmigen Eindruck, wie ihn eine journalistische Reportage oder ein Wikipedia-Artikel (die ihre ganz eigenen Vorzüge und Qualitäten haben) eben nicht liefern könnten. Und genau das macht „Giovanni Segantini – Magier des Lichts“ zu einem so eindrucksvollen Dokumentarfilm.
 
Michael Meyns