Gipsy Queen

Eine frühere Profi-Boxerin und alleinerziehende Roma-Mutter, die sich mit Gelegenheitsjobs in Hamburg durchschlägt und schließlich in der Szene-Kneipe „Zur Ritze“ auf ihren Förderer trifft: Auf den ersten Blick erinnert die Story von „Gipsy Queen“ an gängige Außenseiter-Geschichten und Boxer-Dramen. Doch der vierte Spielfilm des türkisch-stämmigen Filmemachers Hüseyin Tabak ist weit mehr als das. Der stimmige und überzeugend gespielte Mix aus Milieustudie, Familienfilm und Sport-Drama erzählt von Flucht und Ausgrenzung, unterschiedlichen Kulturen, Integration sowie dem Kampf um Respekt und Akzeptanz.

Website: www.majestic.de/gipsy-queen/

Deutschland, Österreich 2019
Regie & Drehbuch: Hüseyin Tabak
Darsteller: Alina Ioana Serban, Tobias Moretti, Irina Kurbanova
Länge: 113 Minuten
Verleih: Majestic Filmverleih
Kinostart: 21. Mai 2020

FILMKRITIK:

Die selbstbewusste Ali (Alina Șerban) hätte sich vor einigen Jahren nicht träumen lassen, als alleinerziehende Mutter in Hamburg zu leben und sich mit schlecht bezahlten Jobs über Wasser halten zu müssen. In ihrer rumänischen Heimat wurde sie einst als talentierte Nachwuchsboxerin gefeiert. Sechs Profikämpfe bestritt sie und alle konnte sie gewinnen. Als diejenige, die „schwebt wie ein Schmetterling und sticht wie eine Biene“ war sie der ganze Stolz nicht nur ihres Vaters sondern der gesamten Roma-Gemeinschaft. Doch als sie von ihrem Vater verstoßen wurde (Ali wurde schwanger ohne verheiratet zu sein), hing sie die Boxhandschuhe an den Nagel. Als sie in der „Ritze“ auf St. Pauli auf den abgehalfterten Boxtrainer Tanne (Tobias Moretti) trifft, wagt sie ein Comeback. Mit großer Willenskraft kämpft sie um eine bessere Zukunft für sich und ihre Kinder.

Der kurdisch-deutsche Autor und Regisseur Hüseyin Tabak wurde in Lemgo geboren und kam in den 2000ern nach Wien. Dort studierte er unter anderem bei Michael Haneke an der Wiener Filmakademie Regie. Aufgrund seiner Herkunft und der eigenen Geschichte, hat Tabak Dinge wie Alltagsrassismus, den Wunsch nach Zugehörigkeit und Identitätssuche selbst erfahren. Mit alldem konfrontiert er nun auch die weibliche Hauptfigur Ali seines neuen Films.

Auch wenn die Grundprämisse vom Boxsport als Sinnbild für den Kampf um Anerkennung und den Aufstieg nach oben natürlich nicht neu ist, beschreitet „Gipsy Queen“ doch gänzlich andere Wege als – rein inhaltlich – ähnlich gelagerte Außenseiter-Dramen wie „Million Dollar Baby“, „Warrior“ oder „Hurricane“. Schon auf ästhetischer und inszenatorischer Ebene hebt sich der Film deutlich von seiner Konkurrenz ab. Von Beginn an setzt Tabak etwa auf einen unmittelbaren, dokumentarischen Stil, wenn er Ali und ihre Familie hautnah durch den Alltag begleitet – und mit seiner Handkamera den Protaginsten dabei stets dicht auf den Fersen ist.

Als ungemein zweckdienlich und stimmungsvoll erweist sich der Einfall, den Werdegang von Ali und ihrer Familie nach der Flucht aus der Gemeinschaft zu Beginn des Films in Form künstlerisch hochwertiger, an Ölgemälde erinnernder Einzel-Bilder nachzuerzählen. Ganz am Schluss wird Tabak diesen visuellen Einfall wieder aufgreifen und den Zuschauer mit einem starken, hoffnungsvollen Schlussbild in ein weitestgehend offenes Ende entlassen. Zuvor hat die sich zur Identifikation perfekt eignende Hauptfigur bereits an mehreren Fronten ihre Schlachten geschlagen: Im Boxring, auf der Arbeit, in der Auseinandersetzung mit der Polizei und dem Jugendamt sowie während des nicht selten zermürbenden Alltags, in dem es nur darum geht der Familie Halt und Stabilität zu gewähren.

„Gipsy Queen“ erzählt aber nicht nur von einer aufopferungsvoll kämpfenden und traumatisierten (Erinnerungsfetzen an ihren Vater begegnen einem an klug gewählten Stellen im Film sehr oft) jungen Frau, sondern funktioniert ebenso als Milieu-Studie ganz wunderbar. Weite Teile des Films sind nämlich in der legendären Kneipe „Zur Ritze“ sowie dem zugehörigen Boxkeller angesiedelt.

Ein wunderbar verruchtes, etwas schäbiges aber gerade deshalb hochatmosphärisches Ambiente: In den Regalen stehen alte Pornofilme, an den Wänden hängen in die Jahre gekommene Poster vergangener Box-Größen. Überlebenskünstler, Prostituierte und Zuhälter treffen auf das zugedröhnte Partyvolk und schnoddrige Alt-St.-Paulianer. Mittendrin: Tobias Moretti als dauerbesoffener, ungewaschener Inhaber Tanne. Als verschlissene und verwahrloste Kiez-Größe, ausgestattet mit echter Hamburger Schnauze und unerschütterlichem Humanismus, zeigt Moretti eine brillante, durchweg glaubwürdige Performance.

Björn Schneider