Giraffe

Migration ist eines der großen Themen unserer Tage, die Veränderungen, die durch das zunehmend vereinte Europa die Leben seiner Bewohner bestimmen. Einen ungewöhnlichen Ort, um diese Themen zu verhandeln, hat sich die dänische, in Deutschland ausgebildete Regisseurin Anna Sofie Hartmann für ihren feinen, genau beobachteten Debütfilm „Giraffe“ ausgesucht: Die Baustelle eines Tunnels, der Deutschland und Dänemark verbindet.

Webseite: https://grandfilm.de/giraffe/

Deutschland/ Dänemark 2019
Regie & Buch: Anna Sofie Hartmann
Darsteller: Lisa Loven Kongsli, Jakub Gierszał, Maren Eggert, Mariusz Feldman, Przemysław Mazurek, Janusz Chojnacki, Piotr Olszański, Andrzej Wicher,
Länge: 88 Minuten
Verleih: Grandfilm
Kinostart: Winter 2019

FILMKRITIK:

Der geplante Bau des so genannten Fehmarnbelttunnels wirft seine Schatten voraus: Zwischen der deutschen Insel Fehmarn und der dänischen Insel Lolland soll der Tunnel die beiden Ländern verbinden, was zur Folge hat, dass in den Gebieten, an denen der Tunnel austritt, Menschen ihre Häuser verlassen müssen. Was das mit den Menschen macht, versucht die Ethnologin Dara (Lisa Loven Kongsli) zu ergründen, eine Dänin, die inzwischen in Berlin lebt und nun für ihre Forschungsarbeit in ihre Heimat zurückkehrt.

Unterschiedlichen Menschen begegnet sie bei der Recherche, vor allem ältere Personen, die oft schon seit Jahrzehnten in der Gegend leben und nun, im Namen des Fortschritts, dazu gezwungen sind, ihre Häuser zu verlassen. Manche dieser Häuser stehen schon leer, verfallen langsam, weisen noch Spuren des Lebens auf, kleine Indizien, die von den Menschen erzählen, die einst hier lebten.

In dem gesichtslosen Kettenhotel, in dem Dara übernachtet, lernt sie den jungen polnischen Arbeiter Lucek (Jakub Gierszał) kennen und beginnt eine Affäre mit ihm. Auch Lucek ist ein Entwurzelter, hat seine Heimat auf der Suche nach Arbeit verlassen, baut gerade mit einem Trupp polnischer Arbeiter eine Straße auf Lolland und wird nach deren Vollendung weiterziehen, dahin, wo es Arbeit gibt. Auf ihre jeweils eigene, ganz unterschiedliche, aber im Kern doch ähnliche Weise, sind Dara und Lucek, aber auch die Bewohner der bald dem Tunnelbau zum Opfer fallenden Häuser, Menschen, die von den Gezeiten der modernen Welt hin und her getrieben werden.

Das erste Bild von Anna Sofie Hartmanns Debütfilm, der im Sommer beim Festival von Locarno seine Weltpremiere feierte, zeigt tatsächlich eine Giraffe, ein Wesen, dass man zuletzt in Deutschland oder Dänemark vermuten würde. Ganz losgelöst bleibt dieses Bild, wo es aufgenommen wurde bleibt ebenso unklar, wie seine Bezug zum Folgenden. Womit das Erzählprinzip von „Giraffe“ etabliert ist, der nicht nur, weil er von der Berliner Produktionsfirma Komplizen Film produziert wurde, wie ein etwas verspäteter Vertreter der so genannten Berliner Schule wirkt.

Angesichts der ruhigen, aber streng und genau komponierten Bilder, mag man an eine Regisseurin wie Angela Shanelec denken, denn auch Anna Sofie Hartmann erklärt nicht, bringt ihre Intentionen nicht auf den Punkt, sondern bietet mit ihrer Erzählung, ihren Bildern, den Ideen, die unter ihnen zu erkennen sind, nicht mehr als Assoziationsmöglichkeiten. Vielfältige Geschichten von Migration, von Ortlosigkeit und freiwilliger wie erzwungener Entwurzelung fügen sich dabei zu einem Bild des modernen Europas. Der reale Bau des Fehmarnbelttunnels, der seit Jahren geplant ist und vermutlich 2020 beginnt, ist dabei nur Ausgangspunkt für Überlegungen, die an vielen Orten Europas statt finden könnten. Die Folgen der Globalisierung, sowohl positiv als auch negativ deutet Hartmann an, ohne sie in ein dramatisches Konstrukt zu stecken. Sie belässt es dabei, zu beobachten, anzudeuten und sich auf sehr feine, unterschwellige Weise um ihre Themen zu bewegen.

Michael Meyns