Girl on the Train

Mit ihrem Thriller „The Girl on the Train“ stürmte die britische Autorin Paula Hawkins 2015 in Rekordzeit die Bestsellerlisten. Noch bevor das Manuskript überhaupt fertig geschrieben war, wurden die Filmrechte verkauft. Während der Roman hierzulande noch in den Neuheitenauslagen der Buchhandlungen liegt, startet die Kinoadaption von Regisseur Tate Taylor („The Help“) und der Drehbuchautorin Erin Cressida Wilson („Chloe“ von Atom Egoyan). Wie in Hitchcocks „Das Fenster zum Hof“ beobachtet die von Emily Blunt („Sicario“) gespielte Protagonistin ein unerhörtes Ereignis durch ein Fenster, das hier ein Zugfenster ist. Und wie in „Gone Girl“ von Gillian Flynn (Roman) und David Fincher (Verfilmung) bietet das Verschwinden einer Frau den Anlass, eine bürgerliche Wohnsiedlung als emotionale Hölle zu entblößen.

Webseite: www.constantin-film.de

OT: The Girl on the Train
USA 2016
Regie: Tate Taylor
Drehbuch: Erin Cressida Wilson nach dem Roman von Paula Hawkins
Darsteller: Emily Blunt, Rebecca Ferguson, Haley Bennett, Justin Theroux, Luke Evans, Allison Janney, Edgar Ramírez
Länge: 105 Min.
Verleih: Constantin Film
Kinostart: 27. Oktober 2016
 

FILMKRITIK:

Jeden Tag pendelt die geschiedene Mittdreißigerin Rachel (Emily Blunt) mit der Regionalbahn in die Londoner Innenstadt. Dabei hat die depressive Alkoholikerin ihren Job in einer Kunstgalerie längst verloren. Der Zug stoppt täglich vor einer Siedlung mit Einfamilienhäusern. Eins davon kaufte Rachel mit ihrem Exmann Tom (Justin Theroux), der hier mittlerweile mit seiner neuen Frau Anna (Rebecca Ferguson) und einem gemeinsamen Baby lebt. Im Nachbarhaus wohnen Megan (Haley Bennett) und Scott (Luke Evans), die Rachel als perfektes Paar imaginiert. Die beiden scheinen alles zu haben, was sie selbst verloren hat. Doch eines Morgens beobachtet Rachel aus dem Zugfenster etwas, das die Idylle in Frage stellt. Am nächsten Tag wacht sie mit einem Filmriss auf und erfährt in den Nachrichten, dass Megan verschollen ist. Was passierte in der Nacht, in der Rachel ihren Blackout hatte?
 
Als „Girl on the Train“ von Paula Hawkins 2015 aus dem Stand zum Verkaufsschlager avancierte, führten das viele Rezensenten auf die marketingstrategischen Ähnlichkeiten zu Gillian Flynns „Gone Girl“ zurück, dem 2014 von David Fincher verfilmten Psychothriller des Jahres 2013 (Spiegel online machte gar eine „Bastelanleitung für einen Bestseller“ aus). Tatsächlich bestehen über den Titel hinaus Parallelen zwischen den Romanen und ihren Verfilmungen. Wie Flynn erzählt Hawkins das Geschehen aus unterschiedlichen Perspektiven und fächert die (Ehe-)Abgründe hinter einer nur oberflächlich heilen Fassade auf. „Girl on the Train“ als bloßes Plagiat abzutun, würde aber zu kurz greifen. Der psychologische Thriller trumpft mit einer elegant verschachtelten Dramaturgie und der atmosphärischen Inszenierung auf und muss das Rad gar nicht neu erfinden, um zu fesseln.
 
Zum investigativen Score von Danny Elfman (Stammkomponist von Tim Burton) nimmt die wie ein Uhrwerk getaktete Struktur aus Rückblenden und Zeitsprüngen abwechselnd die Perspektiven der Protagonistinnen Rachel, Anna und Megan ein, die in der literarischen Vorlage als Ich-Erzählerinnen ihrer Tagebücher auftreten. Die Frauen sind die Taktgeber im Rätselspiel aus Vermutungen, Anschuldigungen und verzerrten Wahrnehmungen, die Männer gewinnen hauptsächlich durch ihre Augen an Profil.
 
Die von Emily Blunt am Rand des körperlichen wie mentalen Zusammenbruchs gespielte Alkoholikerin Rachel erweist sich als höchst unzuverlässige Erzählerin, deren Sichtweisen und Vermutungen der Zuschauer nicht trauen kann. Megan und Scott sind beispielsweise keineswegs die „Verkörperung der wahren Liebe“, als die Rachel sie anfangs vorstellt. Ihre lebhafte Fantasie verschwimmt mit den realen Begebenheiten, die tröpfchenweise als Erinnerungsstücke an die Oberfläche sprudeln und in ihren Zeichnungen Konturen erhalten.
 
Bis zur Auflösung bleibt lang im Dunklen, was in jener Nacht (und davor) geschehen ist, wer hier was getan und gesehen hat. Das kompakte Drehbuch streut Verdachtsmomente, verteilt und verheimlicht geschickt Informationen, und steuert unaufhaltsam auf eine hoch spannende Eskalation zu.
 
Christian Horn