Gleissendes Glück

Was ist Glück und wo findet man es? sind einige der Fragen, die unter der glatten Oberfläche von Sven Taddickens „Gleißendes Glück“ mitschwingen, einer Verfilmung von Kurzgeschichten der schottischen Autorin A.L. Kennedy. Zwischen Religiosität und Pornographie finden die von Martina Gedeck und Ulrich Tukur gespielten Figuren Antworten, die vor allem verstören.

Webseite: www.wildbunch-germany.de/movie/gleissendes-glueck

Deutschland 2016
Regie: Sven Taddicken
Buch: Sven Taddicken, Stefanie Veith, Hendrik Hölzemann, nach Kurzgeschichten von A.L. Kennedy
Darsteller: Martina Gedeck, Ulrich Tukur, Johannes Krisch
Länge: 101 Minuten
Verleih: Wild Bunch, Vertrieb: Central
Kinostart: 20. Oktober 2016

FILMKRITIK:

Das Leben von Helene Brindel (Martina Gedeck) ist von kontrollierter Regelmäßigkeit geprägt. Täglich geht sie den gleichen Weg, um Besorgungen zu machen, täglich putzt sie das modernistische Haus, in dem sie mit ihrem Mann Christoph (Johannes Krisch) lebt, jede Nacht steht sie auf, bereitet Christophs Frühstück vor, um selbst vor dem Fernseher einzuschlafen. Das Glück ist längst aus Helenes Leben verschwunden, bedingt durch den Verlust ihres Glaubens an Gott. Schlafwandlerisch und ohne äußerliche Emotionen gleitet sie durch ihre Existenz, selbst die regelmäßigen Gewaltausbrüche ihres Mannes erträgt sie mit stoischer Ruhe, hat sich in ihre Existenz an unglückliche, misshandelte Ehefrau gefügt.

Doch dann sieht sie im Fernsehen eine Sendung mit dem Wissenschaftler Eduard E. Gluck (Ulrich Tukur), der sein jüngstes Buch „Neue Kybernetik“ vorstellt. Fasziniert von dem Gedanken des eloquenten, überaus selbstsicher wirkenden Professors reist sie unter einem Vorwand nach Hamburg und trifft Eduard. Für den weltgewandten Professor scheint die verschüchterte Hausfrau zunächst nur ein Spielball zu sein, doch schnell entwickelt sich eine offene Unterhaltung, scheint sich eine Affäre anzubahnen. Doch dann offenbart Eduard Helene seine Obsession: Pornographie. Ohne immer neue visuelle Stimulation, ohne immer neue Phantasien von immer extremeren Sexualpraktiken verspürt Eduard keine Erregung. Via Briefwechsel führen Helene und Eduard ihr platonisches Verhältnis fort, bis Helena nach einem erneuten Übergriffs durch Christoph den Mut fasst, Eduard in Berlin zu besuchen und sich ihm ganz hinzugeben.

Ein Minenfeld hat sich Sven Taddicken („Emmas Glück“, „12 Meter ohne Kopf“) für seinen neuen Film ausgesucht, gerade als Mann, der die Geschichte einer Frau erzählt, die sich scheinbar freiwillig in einer von körperlichen Gewalt geprägten Beziehung befindet und diese gegen eine nicht weniger extreme eintauscht. Allzu leicht hätte diese Geschichte zur praktisch unweigerlich problematischen moralischen Geschichte geraten können, bei der ein männlicher Regisseur, mit männlichem Blick (auch wenn mit Daniela Knapp eine Frau für die betont kalten Bilder verantwortlich war) über weibliche Sexualität urteilt.

Doch Taddicken gelingt es mit seiner betont distanzierten, fast schon manierierten Inszenierung, eine emotionale Distanz zu seinen beiden Hauptfiguren aufzubauen und dadurch ihre jeweiligen Obsessionen zu zeigen, ohne sie zu werten. Wie eine klinische Versuchsanordnung mutet „Gleißendes Glück“ bisweilen an, wie ein Film aus einer anderen Welt. Verstärkt wird dieser Eindruck durch irritierende Widersprüche im Design, das einerseits extrem modern wirkt und von heute zu sein scheint, gerade in Helenes altbackener Kleidung, aber auch den wie aus den 80er Jahren stammenden Tapeten des Hotels in Hamburg eher an die späten 80er erinnert, den Zeitpunkt, als A.L. Kennedy die Vorlage schrieb.

Dass Taddicken seine Figuren nicht bewertet, weder die Suche nach Glauben, die in eine an Lars von Triers weibliche Opferfiguren erinnernde Selbstkasteiung mündet, noch die Obsession mit extremeren Formen der Pornographie, mag manche Zuschaue verstören. Doch gerade in seiner Faszination für Figuren, die nicht der Norm entsprechen, die nicht leicht zugänglich und verständlich wirken, überzeugt „Gleißendes Glück“ als Film über Obsessionen, Abgründe und die Suche nach Glück, die für jeden Menschen ein ganz individueller Weg ist.

Michael Meyns