Goethe!

Ein Regisseur, der einst Videoclips für Madonna, Rosenstolz und Rammstein inszenierte sowie ein Schauspieler, den Tarantino und Hans-Christian Schmid gleichermaßen gerne engagieren – das sind gewiss keine schlechte Voraussetzungen für die Versuchsanordnung eines prickelnden Goethe reloaded. Philipp Stölzl („Nordwand“) macht Alexander Fehling („Sturm“, „Inglourious Basterds“) zum Titelhelden, der den jungen Johann als schwer verliebten Poeten gibt. Leider ist seine Herzensdame Lotte vom finanzklammen Vater (Burghart Klaußner) längst Goethes sprödem Vorgesetzten, dem vermögenden Gerichtsrat Kestner (Moritz Bleibtreu) versprochen. Und so beginnen sie, die Leiden des jungen Johann. Vergnüglich unverkrampft und mit gekonnter Lässigkeit wird das Denkmal des späteren Dichterfürsten entstaubt. Jugendjahre eines sympathisch verwirrten Genies. Cooler war Goethe noch nie – „Shakespeare in Love“ lässt grüßen.

Webseite: www.goethe-derfilm.de

Deutschland 2009
Regie: Philipp Stölzl
Drehbuch: Philipp Stölzl. Christoph Müller, Alexander Dydyna
Darsteller: Alexander Fehling, Miriam Stein, Moritz Bleibtreu, Volker Bruch, Burghart Klaußner, Henry Hübchen
Laufzeit: 99 Minuten
Verleih: Warner Bros.
Kinostart: 14.10.2010
 

PRESSESTIMMEN:

So lässig, männlich und sexy kam ein deutscher Dichter im Kino selten daher (…) Eine erfrischend witzige und charmante Filmbiografie.
Der Spiegel

Erstaunlich frisch und voller Witz, hervorragend gespielt.
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

Bereits anno 1912 wurde Goethe in Finnland erstmals zum Stummfilmleben erweckt, in den folgenden Jahrzehnten haben knapp zwei Dutzend Schauspieler den Dichterfürsten gegeben, darunter Hanns Zischler, Herbert Knaup und Rolf Hoppe. Gleichsam „vom Eise befreit“ gibt’s nun einen Goethe next Generation mit Alexander Fehling als jungem „Sturm und Drang“-Poeten.

Ganz wie bei „Shakespeare in Love“ oder „Amadeus“ wird die Liebesgeschichte eines Künstlertalents erzählt, dem seine grandiose Genialität erst noch bevorsteht. Weil er an der Uni versagt, wird der Jura-Student vom strengen Papa in die Provinz verbannt, wo er beim Gericht in Wetzlar ein Praktikum machen soll. Dort warten kafkaeske Aktenberge und kauzige Kollegen, es lauert aber auch die große Liebe. Die ganz große Liebe, wie es sich für einen Mann von Sturm-und-Drang natürlich gehört. Dumm nur, dass die hübsche Lotte längst seinem Vorgesetzten, dem vermögenden Gerichtsrat Kestner versprochen ist. Und so beginnen sie, die Leiden des jungen Johann, aus denen mit dem „Werther“ der populärste Roman des Dichters entstehen sollte.

„Lächerliches Geschreibsel und Gereime“ und „vollständig talentlos“ schreibt ihm der Verlag aus Leipzig, als Johann mit dem „Götz von Berlichingen“ seinen ersten Roman anbietet. Mittellos muss sich der verhinderte Poet nun den Plänen des Vaters fügen, der aus ihm trotz verpatzter Doktor-Prüfung noch einen Advokaten machen möchte. Lustlos begibt sich Goethe nach Wetzlar ans Gericht. Dort freundet er sich mit Referendarskollegen Jerusalem an und verliebt sich beim Tanz in Lotte Buff. Auch mit seinem spröden Vorgesetzten Kestner klappt es nach anfänglichem Gezänk immer besser. Dann nimmt das Drama seinen Lauf. Lottes Vater will seine Tochter lieber mit dem vermögenden Gerichtsrat verheiraten, um so die finanzielle Zukunft der Großfamilie zu sichern. Lotto fügt sich. Johann verzweifelt. Kestner sinnt auf Rache, um den Rivalen endgültig loszuwerden. Im Kerker schreibt Goethe sich sein ganzes Liebesleid von der Seele – „Die Leiden des jungen Werther“ sind geboren. Ohne Wissen des Autors lässt Lotte das Manuskript veröffentlichen. Der Roman des 23jährigen avanciert zum umjubelten Bestseller.

Mit der historischen Wahrheit geht Stölzl gelassen kreativ um. Dass es das Duell zwischen Goethe und dem Rivalen Kestner so nie gab, der „Werther“ nicht über Nacht in der Kerker-Zelle entstand oder die erste Auflage ohne Goethes Namen erschien, dürfte allenfalls nur die dogmatischen Germanisten-Gralshüter empören. Hauptsache die Lovestory funktioniert mit der notwendigen Leichtigkeit – und das tut sie! Fehling überzeugt mit gekonnter Lässigkeit als charmanter Sponti in Liebesnöten und gibt den Goethe so cool wie nie. Da ist es ganz egal, ob Johann nach seiner „es riecht nach Frühling“-Euphorie über spätsommerliche Wiesen schreiten muss oder durch mittelalterliche Gassen, die etwas holprig per Computer generiert sind. So aufdringlich die Komparsen samt Gänsen bisweilen durchs Bild geschoben werden, so entspannt erweist sich die durchweg exzellenten Besetzung. Burghart Klaußner zelebriert als zerrissener Schwiegervater einmal mehr seinen maximalen Minimalismus, Bleibtreu bleibt punktgenau vor der Klischeekippe, derweil Newcomerin Miriam Stein als flotte Lotte verzaubert. Diese unverkrampfte Spielfreude sowie die unverstaubte Dramaturgie machen Lust, den denkmalgeschützten Säulenheiligen deutscher Dichtkunst neu zu entdecken. 

Dieter Oßwald

In der Regel nimmt man Goethe als gesetzten Herrn, als Minister in Weimar, als Gesprächspartner des Hochadels, als Dichter des „Faust“, als Forscher über Farben und Mineralien, als Kurgast in Karlsbad oder Marienbad usw. wahr – von seiner Rolle als Liebhaber vieler Frauen einmal abgesehen.

Aber er war natürlich auch einmal sehr jung, und von diesem Zeitraum handelt der Film.

Nach seiner Zeit als Studiosus in Straßburg und Leipzig und nach in Frankfurt überstandener Krankheit folgt – der „Götz von Berlichingen“ ist gerade im Entstehen begriffen – ein Intermezzo als Gerichtsreferendar in Wetzlar. Dort verliebt er sich unsterblich in die junge, ihre zahlreichen Geschwister betreuende Lotte Buff, die sich jedoch nicht zuletzt auf Drängen ihres Vaters mit dem Gerichtsrat Albert Kestner verlobt. Zunächst duldet dieser Goethes Freundschaft mit Lotte, später kommt es zum Zerwürfnis.

Goethe war deshalb todunglücklich, was durch den Selbstmord seines Freundes Jerusalem noch verstärkt wurde. Aus Wetzlar fliehend schrieb er quasi als literarische Explosion dieses Gefühlszustandes und mit Bezug auf sein eigenes Schicksal mit Lotte „Die Leiden des jungen Werther“, einen traurigen Briefroman mit überwältigendem Erfolg, der derart einschlug, dass nicht wenige Menschen sich nach der Lektüre das Leben nahmen.

Eine historisch-realistische Schilderung dieses Lebensabschnitts des Dichters ist nicht gegeben. Der Film ist (in Anlehnung an einen Goethe-Titel) mehr Dichtung als Wahrheit. Gespielt wird allerdings gut, und die – in sehr vielem virtuelle – Darstellung der Epoche ist ebenfalls ziemlich gelungen. Dass in diese Zeit Goethe-Zitate fallen, die erst später entstanden sind, muss man hinnehmen. Also in Teilen ein Phantasie- oder Märchen-Goethe-Stück. Einigermaßen unterhaltend anzuschauen ist es trotzdem, insbesondere auch, weil Alexander Fehling (Goethe), Miriam Stein (Lotte), Moritz Bleibtreu (Kestner) oder Burghart Klaussner (Lottes Vater) ihre Sache gut machen.

Thomas Engel