Goliath96

„Goliath96“ erzählt von einer alleinerziehenden, um die Nähe zu ihrem Sohn kämpfenden Mutter. Sie hat den Kontakt zu ihm vollständig verloren, weil er seit langem sein Zimmer nicht mehr verlässt. Über einen Online-Chat bekommt sie eines Tages unverhofft die Möglichkeit, sich ihm anonym und vorsichtig anzunähern. Auch wenn der Film einiges ungeklärt lässt und die Verhaltensweisen der Figuren nicht immer glaubhaft sind: Der thematisch brisante, hochaktuelle Mix aus Kammerspiel und Mutter-Sohn-Drama wirft wichtige gesellschaftliche Fragen auf und besticht durch seine beachtenswerten Darstellerleistungen.

Webseite: www.littledream-entertainment.com

Deutschland 2018
Regie: Marcus Richardt
Drehbuch: Thomas Grabowsky, Marcus Richardt
Darsteller: Katja Riemann, Nils Rovira-Munoz, Elisa Schlott, Jasmin Tabatabai
Länge: 90 Minuten
Kinostart: 18. April 2019
Verleih: Little Dream Entertainment

FILMKRITIK:

Kristin (Katja Riemann) und ihr Sohn David (Nils Rovira-Munoz) sprechen seit zwei Jahren nicht mehr miteinander, obwohl sie zusammenwohnen. Der junge Mann verlässt sein Zimmer nur, wenn Kristin aus dem Haus ist oder schläft. Diese geht an der Situation allmählich zugrunde. Eine alte Freundin von David erzählt ihr, dass David unter dem Pseudonym „Goliath96“ in einem Drachenbau-Forum aktiv ist. Kurz darauf registriert sie sich dort und schreibt David an. Mit Erfolg: Sein Interesse ist geweckt und tatsächlich werden die Chat-Gespräche zwischen den beiden immer länger – doch Kristin übersieht, welche tragischen Folgen das alles langfristig haben könnte.

„Goliath96“ ist das Spielfilm-Debüt von Regisseur, Autor und Produzent  Marcus Richardt.  Die filmischen Formate, die er zuvor umsetzte, sind vielfältig: von Kurzspielfilmen über Musikvideos bis hin zu Theater-Aufzeichnungen für das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Nach seinem Studium an der Hamburger Hochschule für bildende Künste, gründete er 2010 seine eigene Filmproduktionsfirma. Premiere feierte „Goliath96“ bei den letztjährigen Hofer Filmtagen.

„Goliath96“ ist ein Familiendrama der etwas anderen, unkonventionellen Art. Im Mittelpunkt dieses kammerspielartigen Films stehen lediglich zwei Personen, zwischen denen es praktisch im ganzen Film nicht zu einer richtigen Face-to-Face-Kommunikation kommt. Dieser Ansatz ist höchst interessant, zumal er damit auch einer gefährlichen Entwicklung unserer Zeit Rechnung trägt. Einem Phänomen, das durch die neuen Medien und die immer weiter voranschreitende Digitalisierung noch befeuert wird: dem sogenannten Hikikomori. Damit ist die vollständige soziale Isolation gemeint.

Die Betroffenen verbarrikadieren sich, gehen nicht mehr arbeiten, in die Uni oder einkaufen. Das Internet gibt ihnen die Möglichkeit, Lebensmittel online zu bestellen, sich über das Nachrichtengeschehen zu informieren oder mit der Außenwelt in Kontakt zu treten. Allein in Japan sind über 500.000 Menschen betroffen. Die meisten sind junge, männliche Erwachsene – wie David. Die Kamera zeigt lange Zeit nur sein Gesicht, wie es vom Licht des Computer-Bildschirms angestrahlt wird. Nils Rovira-Munoz gelingt es dank eines ausgefeilten, nuancierten Umgangs mit seiner Mimik und Körpersprache dennoch eindrucksvoll, sein Inneres nach außen zu kehren und für den Zuschauer sichtbar zu machen. Ihm gegenüber steht eine herausragende Katja Riemann, die hier eine kaum zu fassende, emotionale Tour-de-Force durchlebt. Ihre Leinwandpräsenz und ihr kraftvolles Spiel tragen den Film.

Zuschauer, die eindeutige Antworten und eine klare Auflösung schätzen, werden mit dem Film möglicherweise ihre Probleme habe. Denn „Goliath96“ bleibt zu weiten Teilen ein Werk der vagen Vermutungen und Andeutungen. In (hell erleuchteten) Flashbacks zeigt er David, Kristin und den Vater im Urlaub – ausgelassen und glücklich vereint. Doch irgendwann verschwindet der Vater aus dem Bild und damit aus Davids und Kristins Leben. Die Gründe dafür erfährt der Zuschauer nicht. Ebenso wird bis zuletzt nicht eindeutig klar, wieso David seine Mutter mit der verweigerten Kommunikation so sehr abstraft. Zudem ist die Frage, wie realistisch das beschriebene Szenario ist.

Wieso holt sich Kristin zum Beispiel in all der Zeit nicht noch mehr professionelle Hilfe von außen, von Experten, Psychologen, Sozialarbeitern? Und wieso kappt auch Kristin, sobald die Chatgespräche mit David immer intensiver werden, allmählich ihre zwischenmenschlichen, sozialen Beziehungen? So geht sie nur noch selten raus und vernachlässigt Freundschaften – dieses letztliche Angleichen an das verhasste Verhalten des Sohnes erscheint mitunter schwer nachvollziehbar.

Björn Schneider