Goodbye Julia

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„Goodbye Julia“ taucht tief ein in die gespaltene sudanesische Gesellschaft. Das Drama handelt von zwei Frauen aus dem Nord- und Südsudan und spielt vor dem Hintergrund der unmittelbar bevorstehenden Teilung des Landes. Die Story ist reduziert, der Handlungsrahmen eng gesteckt. Umso vielschichtiger und komplexer sind die Kernaussagen und zentralen Aspekte dieses wagemutigen, mit intensiver Hingabe inszenierten Films: Es geht um ethnische Konflikte, eine ungerechte politische Machtverteilung und eine patriarchal geprägte Männlichkeit.

Sudan 2023
Regie: Mohamed Kordofani
Buch: Mohamed Kordofani
Darsteller: Ger Duany, Siran Riak, Nazar Goma, Eiman Yousif

Verleih: Rushlake Media
Länge: 125 Minuten
Kinostart: 15. August 2024

FILMKRITIK:

Mona (Eiman Yousif) ist eine pensionierte, gut situierte Sängerin aus dem Nordsudan. Gerade könnte es aber durchaus besser für sie laufen: Ihre Ehe steckt in einer Krise und sie wird von Schuldgefühlen gequält, weil sie einen Mord vertuscht hat. Um ihr Gewissen reinzuwaschen, nimmt die gläubige Muslimin die Südsudanesin Julia (Siran Riak) und deren Sohn Daniel bei sich auf. Julia ist die Witwe des Mannes, dessen Tod Mona und ihr Ehemann verursacht haben. Obwohl es ihr nicht gelingt, Julia die tragischen Ereignisse zu gestehen, versucht Mona neu anzufangen.

Die durchweg hochkomplexe Beziehung zweier unterschiedlicher Frauen steht im Mittelpunkt des Langfilm-Debüts von Mohamed Kordofani. Die innere Widersprüchlichkeit und Unsicherheit, die Mona fast die ganze Zeit über durchwehen, zeigt sich schon bei der ersten Begegnung der Beiden. Mona bietet Julia eine Position als Hausangestellte bei sich an und wird in den kommenden knapp zwei Stunden alles versuchen, um sich von ihren Sünden reinzuwaschen. Und die Vergangenheit vergessen zu machen.

Sie tut dies, indem sie sich stets besorgt um Julia und Daniel kümmert. Später wird sie Julia gar anbieten, für Daniels kommende Studiengebühren aufzukommen. Eiman Yousif gelingt es in all diesen Szenen wunderbar, die Zerrissenheit ihres Charakters nach außen zu kehren. Ihr gegenüber steht Siran Riak, die einfühlsam und ungeschönt eine junge Frau verkörpert, die um ihren Mann trauert und um die Zukunft ihres Sohnes Angst hat. Zurecht.

Denn Julia und Daniel stammen aus dem ärmeren Südsudan. Für viele Bewohner dort bleiben Bildung und Chancengleichheit ein Leben lang unerreichbar. Der Süden ist reich an Bodenschätzen, aber die Menschen sind es nicht. Die Zwei stehen somit stellvertretend für diesen Teil des Landes. Mona und ihr Mann hingegen haben keine Geldsorgen, ihr Leben ist geprägt von Stabilität und Wohlstand. Sie repräsentieren den muslimischen Norden. Insofern durchzieht „Goodbye Julia“ stets auch eine politische Note, wenn Kordofani die Diskrepanz der verschiedenen Landes- und Bevölkerungsteile vor Augen hält. Wenn Julia und Daniel wiederholt als Sklaven beschimpft werden, dann scheint ein tiefer Hass in diesen diskriminierenden Äußerungen mehr als einmal durch. Ebenso wie die patriarchalen Strukturen, die die Gesellschaft durchziehen.

Der Regisseur erzählt auf angenehm nüchterne Weise und mit klarem Blick von moralischen Konflikten, Gegensätzen, Vorurteilen und einem gesellschaftlichen Missverhältnis. Ein Missverhältnis, angesiedelt in einer komplizierten, hitzigen Zeit in der jüngeren Geschichte des Landes. Denn der Film spielt in der Hauptstadt Khartum einige Jahre vor der Unabhängigkeit des Südsudan 2011.

Bei der Kameraarbeit fallen die konzentrierten Nahaufnahmen und langen, zum Teil sehr subjektiven Einstellungen auf, durch die man den Figuren ausgesprochen nah kommt. Kordofani versucht damit, dem Zuschauer die Hauptcharaktere und deren Verhaltensweisen auf spielerisch-visuelle Art verständlich und greifbar zu machen. Es gelingt vorzüglich.

 

Björn Schneider