Gott verhüte!

Das nennt man mal einfallsreich: ein katholischer Priester manipuliert Kondome, auf dass sich seine Gemeinde wieder vermehre und er statt nur Beerdigungen auch mal wieder eine Taufe durchführen darf. Sein Plan geht auf, hat für das Dorf auf einer kleinen dalmatinischen Insel vor der kroatischen Küste wie auch für den Geistlichen aber noch andere Folgen. Was als verschämt-witzige Volkskomödie beginnt, wandelt sich dadurch zu einer handfesten Tragödie.

Webseite: www.gottverhuete.de

OT: Svecenikova djeca
Kroatien/Serbien 2013
Regie: Vinko Brešan
Darsteller: Krešimir Mikić, Dražen Kühn, Marija Škaričić, Nikša Butijer
93 Minuten
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 7.8.2014
 

FILMKRITIK:

Die katholische Kirche und Kondome, da prallten lange Zeit Welten aufeinander. Als im Jahr 2010 Papst Benedikt XVI. den Gebrauch der Samenfänger rechtfertigte (wenngleich weniger im Sinne von Empfängnisverhütung denn zum Schutz vor Aids), war deren Gebrauch nun gewissermaßen mit dem Segen der Kirche gestattet. Der kroatische Regisseur Vinko Brešan nahm dies zum Anlass für eine Geschichte, in der es um die Konflikte zwischen Aufrichtigkeit und Manipulation, Zölibat und Sexualität, Nächstenliebe und Pädophilie sowie Religion und Scheinheiligkeit gehen sollte. Auf einigen internationalen Filmfestivals wurde „Gott verhüte!“ vom Publikum begeistert aufgenommen, in Thessaloniki gewann die Volkskomödie den „A Look at the Balkans“-Award.
 
Die Grundidee ist grandios: weil seine Gemeinde auszusterben droht, schmiedet der Priester (Krešimir Mikić sieht aus wie ein kroatischer Adrien Brody) zusammen mit einem Kioskbesitzer, der ihm zuvor gebeichtet hat, seinen Kunden auf Wunsch mit der Zeitung oder den Zigaretten heimlich auch ein Kondom zu verkaufen, den Plan, die Gummitütchen zu manipulieren. Anfangs mit einer Nadel, später in Massenproduktion mit der Nähmaschine, pieksen sie kleine Löcher in die originalverpackten Verhüterlis. In einem zweiten Schritt bringen sie den Apotheker dazu, den Frauen des Dorfes statt der Antibabypille Vitamintabletten unterzujubeln. Das Ergebnis: zum ersten Mal seit 30 Jahren übersteigen die Geburten wieder die Zahl der Toten. Das findet dann sogar der alte konservative Pfarrer wieder gut.
 
Schon macht die frohe Kunde auch auf dem Festland die Runde, sogar Touristen statten der Adriainsel einen Besuch ab, heißt es doch, ein Bad in der Bucht würde gegen Unfruchtbarkeit helfen. Als dann aber auch unverheiratete Frauen schwanger werden, ein Mädchen verschwindet und nicht nur ein Kondom in der Hosentasche des Priesters, sondern auch noch ein Neugeborenes in einer Kiste vor seiner Haustüre gefunden wird, droht das Dorf im Chaos zu versinken.
 
Dass sich die anfängliche Komödie unter der Zuspitzung der Ereignisse in Richtung einer Tragödie entwickelt, hat laut Regisseur Brešan mit der Ernsthaftigkeit des Themas zu tun. Mag sein, dass er das so empfunden hat. Viel eher aber entsteht der Eindruck, dass ihn der Mut verlassen hat, den anfänglichen Lausbubenstreich mit allen Konsequenzen zu Ende zu führen. So aber geht ihm der Schwung aus. Was man zunächst als ironisch, skurril und schwarzhumorig belächelt hat, mündet in eine Sackgasse, an deren Ende nun auch noch die eingangs erwähnten Themenbereiche wie Pädophilie unter Würdenträgern und Scheinheiligkeit warten und – dem Anspruch der eigenen Aufgabenstellung folgend – untergebracht werden wollen. Nicht fehlen dürfen zudem eine Prise Kriegsvergangenheit und Balkanfolklore. Ob es ein Alptraum ist oder die Wirklichkeit, aber die Klammer, die Brešan um seine als Rückblick angelegte Inselhandlung bildet, zeigt einen Geistlichen, der psychisch an diesem Karrierekapitel zugrunde gegangen ist. Schwer zu sagen also, ob „Gott verhüte!“ eher zum Lachen oder Weinen geeignet ist. Oder mit anderen Worten: dieser Film ist Segen und Fluch gleichermaßen.
 
Thomas Volkmann