Grace is Gone

Keine Szenen vom Schlachtfeld, keine Zurschaustellung von Tod und Gewalt – James C. Strouse drehte einen Antikriegsfilm der leisen Töne. „Grace is Gone“ erzählt vom Verlust der Angehörigen und der schmerzhaften Konfrontation mit einer für immer mehr Amerikanern bitteren Realität. Dreh- und Angelpunkt dieses bereits in Sundance mehrfach ausgezeichneten Familiendramas ist die Leistung von Hauptdarsteller John Cusack.

Webseite: www.centralfilm.de

USA 2007
Regie & Drehbuch: James C. Strouse
Musik: Clint Eastwood
Mit John Cusack, Shélan O’Keefe, Gracie Bednarczyk, Alessandro Nivola
Laufzeit 85 Minuten
Verleih: Central
Kinostart: 28.8.2008

PRESSESTIMMEN:

…auf film-zeit.de

FILMKRITIK:

Stanley Philips (John Cusack) ist ein ganz normaler Amerikaner. Der Vater von zwei Töchtern verdient sein Geld in einem Baumarkt. Seine Frau Grace ist derweil als Sergeant im Irak stationiert. Dort, wo fast täglich amerikanische Soldaten umkommen. Auch wenn Stan versucht, die Gefahren des Einsatzes zu verdrängen, ist er sich des Risikos bewusst. Immerhin war er früher selbst Soldat, eher er aus gesundheitlichen Gründen die Armee verlassen musste. Und dann – ohne Vorwarnung – ist der Moment gekommen, vor dem sich Stan immer gefürchtet hat. Plötzlich sitzt er in seinem eigenen Haus zwei Militärs gegenüber, die ihm die Nachricht vom Tod seiner Frau überbringen. Was für sie längst traurige Routine ist, zieht Stan den Boden unter den Füßen weg. 

Am liebsten würde er seine Trauer und seinen Schmerz einfach herausschreien, doch weiß er nicht, wie er den gemeinsamen Töchtern Heidi (Shélan O’Keefe) und Dawn (Gracie Bednarczyk) den Tod ihrer Mutter erklären soll. So entscheidet er sich zunächst für ein Ablenkungsmanöver. Zu Dritt fahren sie in den Freizeitpark „Enchanted Gardens“ im tausende Kilometer entfernten Florida. Unterwegs trifft Stan dabei auf seinen Bruder John (Alessandro Nivola), der im Gegensatz zu ihm den Krieg im Irak vehement ablehnt und lautstark die Politik der Regierung verurteilt. Während bei den Mädchen die Vorfreude auf das Ziel ihres Ausflugs wächst, sucht Stan nach einem Weg, ihnen die schreckliche Wahrheit beizubringen.

Der Krieg im Irak ist längst an der Heimatfront angekommen. Und im Kino Hollywoods. Sowohl der missglückte „Home of the Brave“, der hierzulande lediglich als Videopremiere erschien, als auch Paul Haggis’ „Im Tal von Elah“ griffen explizit die Folgen des Kriegsgeschehenes auf die Psyche der Soldaten und ihrer Angehörigen auf. Bei James C. Strouse trauert ein Familienvater, um seine Ehefrau, die es als ihre soldatische Pflicht ansah, ihrem Land zu dienen. Auch Stan ist ein Patriot und niemand, der von Strouse, nur um politisch korrekt zu sein, in die Schablone eines liberalen Pazifisten gepresst wurde. Diese Rolle fällt vielmehr Stans Bruder zu. Als das Sprachrohr des Regisseurs und Autors Strouse wirkt sein Auftritt reichlich schwach motiviert und durchschaubar.

Von den zumindest ungelenken Dialogen zwischen Stan und seinem Bruder einmal abgesehen, überzeugt „Grace is Gone“ jedoch durch seine unaufgeregte und zutiefst ehrliche Annäherung an ein schwieriges Sujet. Der Film ruft einem als Zuschauer die sehr konkreten Folgen eines abstrakten und von den Medien mit den immer gleichen Bildern aufbereiteten Kriegsgeschehens ins Bewusstsein. In den USA – und nicht nur dort – gibt es immer mehr Menschen, denen es wie Stan Philips ergeht. Die auf einmal mit einem Verlust konfrontiert werden, den sie für sich nur schwer verarbeiten können, weil sie den Gedanken daran so gut es geht zu verdrängen suchten.

Ein in jedem Moment souverän agierender John Cusack – sein stärkster Auftritt seit „Ein Mann, ein Mord“ – sowie das natürliche Spiel seiner beiden Film-Töchter Shélan O’Keefe und Gracie Bednarczyk schenken „Grace is Gone“ die nötige emotionale Tiefe und Authentizität. Clint Eastwoods musikalisches Thema ist so schlicht wie seinerzeit bei „Million Dollar Baby“ und dabei ähnlich wirkungsvoll. Dass Strouse zudem auf weinerliche Melodramatik weitgehend verzichtet und immer wieder auch heitere, bisweilen gar richtig komische Momente in den Road Movie-Plot einbaut, verhilft seinem leisen Antikriegsfilm erst zu echter Größe und Relevanz. Und während die Fahrt an unzähligen Fast Food-Restaurants und Einkaufszentren vorbeiführt, ändert sich allmählich unser Blick auf ein Land und seine Menschen, für die familiärer Zusammenhalt in diesen Zeiten zur vielleicht letzten gelebten Hoffnung wird.

Marcus Wessel

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Stanley Phillips hatte bis jetzt ein einigermaßen glückliches Leben: College-Absolvent, Sportler, beruflich o.k., mit Grace verheiratet, Vater der beiden Mädchen Heidi und Dawn. Grace ist Soldatin und im Irak eingesetzt.

Dann kommt der Schicksalsschlag. Grace ist gefallen. Für Stanley bricht die Welt zusammen. Neben dem eigenen großen Schmerz kann er sich nicht vorstellen, wie er die Schreckensnachricht den Kindern beibringen soll. Er weiß sich nicht anders zu helfen, als die Mädchen einige Tage aus der Schule zu nehmen und mit ihnen eine lange Fahrt zu machen. Ziel: ein Vergnügungspark in Florida.

Unterwegs besuchen die drei Stanleys Bruder John. Doch heraus kommt kein Trost, sondern nur ein kontroverses politisches Gespräch.

Die Fahrt geht weiter. Trotz der Leere, die in Stanley herrscht, tut er sein Möglichstes, Heidi und Dawn einen schönen Aufenthalt zu ermöglichen. Dann sind die Stunden im Freizeitpark mit Rummel und Spielen zu Ende. Stanley muss den Kindern die Wahrheit sagen. Die Katastrophe könnte größer nicht sein.

Ein Film, der neben Stanleys Seelenqualen die Mühe zum Ausdruck bringt, die Kinder möglichst zu schonen. Ein nicht gerade gewöhnlicher psychologischer Versuch, der traurig stimmt, aber keineswegs überflüssig ist, weil Realität und Wahrheit im Leben eben so auf einen zukommen können, wie das hier der Fall ist.

Viel hängt in diesem Film von der persönlichen Darstellung ab. John Cusack war da für den Stanley der absolut richtige Mann. Auch Alessandro Nivola als John meistert seine kurze Rolle gut. Die beiden Mädchen Heidi (Shelan O’Keefe) und Dawn (Gracie Bednarczyk) ließ Regisseur James C. Strouse („Lonesome Jim“) weitgehend improvisieren, und er tat gut daran, denn sie geben sich beide sehr natürlich.

Ein trauriger, aber auch ein wahrhaftiger Film.

Thomas Engel