Gretel & Hänsel

Klassischer Märchenstoff mit feministischer Färbung: In seinem dritten Spielfilm rückt Osgood Perkins („Die Tochter des Teufels“), der Sohn von „Psycho“-Hauptdarsteller Anthony Perkins, Gretel in den Fokus der bekannten Grimm-Erzählung und schickt sie auf eine düstere Selbstfindungsreise. Trotz interessanter Neuausrichtung und stimmungsvoller Bilder wirkt das Schauerdrama am Ende etwas hohl.

Website: http://capelight.de/gretel-haensel

Originaltitel: „Gretel & Hansel“
Regisseur: Osgood Perkins
Drehbuch: Rob Hayes
Darsteller: Sophia Lillis, Samuel Leakey, Alice Krige, Jessica De Gouw, Fiona O’Shaughnessy, Donncha Crowley, Charles Babalola u. a.
Länge: 87 Minuten
FSK: ab 16 Jahren
Verleih/Vertrieb: capelight pictures
Kinostart: 09.07.2020

FILMKRITIK:

Wenn der Vater dank des Hitchcock-Meisterwerks „Psycho“ zu einem ikonischen Gesicht des Horror- und Spannungskinos avancierte, ist es fast schon folgerichtig, dass der eigene Weg ebenfalls in abgründige filmische Gefilde führt. Osgood Perkins scheint sich im Thriller- und Gruselumfeld wohlzufühlen. Das zumindest legen „Die Tochter des Teufels“ und „I Am the Pretty Thing That Lives in the House“, seine ersten beiden Regieprojekte, nahe. Auch seine dritte Arbeit spielt auf der Klaviatur der menschlichen Urängste – und bedient sich des populären Grimm-Märchens „Hänsel und Gretel“. Auch wenn die Adaption recht nahe an der Vorlage bleibt, wählt sie einen neuen Zugang, den schon die vertauschten Namen im Titel ankündigen.

„Gretel & Hänsel“ stellt das Mädchen in den Mittelpunkt und erweitert die vertraute Geschichte der umherirrenden Geschwister um einen reizvollen Coming-of-Age-Aspekt. Gretel (Sophia Lillis) ist hier eine Jugendliche, die eine Verantwortung für ihren kleinen Bruder Hänsel (Samuel Leakey) verspürt. Erst recht, als ihre herrische, bereits verwitwete Mutter (Fiona O’Shaughnessy) die beiden eines Tages aus dem Haus schmeißt, da dort für sie kein Platz mehr sei. Auf der Suche nach Essen und Arbeitsmöglichkeiten durchstreifen Gretel und Hänsel daraufhin den finsteren Wald und kehren irgendwann in der Hütte einer alten Frau namens Holda (Alice Krige) ein, die sie an eine üppig gedeckte Tafel bittet. Der Aufenthalt in dem einsam gelegenen Häuschen bereitet Gretel jedoch sehr schnell Unbehagen, was nicht nur an ihren wiederkehrenden, rätselhaften Albträumen, sondern auch an ihrer zwielichtigen Gönnerin liegt.

Perkins und Drehbuchautor Rob Hayes wollen eine Reise zum Erwachsenwerden schildern und verbinden diese mit dem aufregenden Einfall, die Beziehung der Geschwister zu hinterfragen. Gretel, die – so lässt sich schon früh erahnen – besondere Fähigkeiten besitzt, begreift durch das Aufeinandertreffen mit der Hexe Holda nach und nach, dass sie auch an sich und ihre eigene Entwicklung denken muss. Hänsel, den sie bislang stets vor den Widrigkeiten der Welt beschützen wollte, erscheint plötzlich wie ein Bremsklotz, der die Teenagerin davon abhält, ihre im Inneren schlummernden Kräfte und somit ihr volles Potenzial auszuschöpfen. Die aus dieser Konstellation entspringenden erzählerischen Möglichkeiten kommen dann aber leider nur schwach zur Geltung.

Obwohl Gretel und ihre Wahrnehmung im Zentrum des Geschehens stehen, setzen sich die Macher zu wenig mit ihrem Erkenntnisprozess auseinander. Wirklich in die Tiefe geht die Märchenadaption fast nie und banalisiert dadurch ihre eigentlich spannend angelegte Hauptfigur. Etwas unsauber verbindet der Film zudem den unheimlichen Prolog, in dem von einem gefährlichen Kind und dunkler Magie die Rede ist, mit dem zentralen Handlungsstrang. Die Idee dahinter hat ihren Reiz. Elegant und wirkungsvoll führen Perkins und Hayes die beiden Ebenen jedoch nicht zusammen.

Spürbar gelungener präsentiert sich da schon die audiovisuelle Gestaltung. Ähnlich wie in seinen vorangegangenen Arbeiten nutzt der Regisseur die ganze Bandbreite filmischer Mittel, um eine bedrohlich-furchteinflößende Stimmung in den Kinosaal zu transportieren. Unheilvoll dröhnende Klänge versetzen den Zuschauer von Anfang an in einen Alarmzustand. Sorgsam komponierte, bedrückend schummrige Bilder erwecken den Eindruck, durch eine Welt zu wandern, in der es keine Hoffnung gibt. Und irritierende, farblich markante Lichtquellen verleihen vielen Einstellungen einen surrealen Anstrich. Hier und da hätte sich Perkins allerdings ruhig etwas mehr auf sein ausgeprägtes Gespür für eine ominöse Atmosphäre verlassen können. Schlichtweg kontraproduktiv sind nämlich die vereinzelt eingebauten Geisterbahneffekte, die eher in einen anspruchslosen 08/15-Horrorstreifen passen.

Christopher Diekhaus