Grüße aus Fukushima

Regisseurin Doris Dörrie und Japan: Das funktioniert immer wieder perfekt. Wie schon bei dem Senationserfolg „Kirschblüten – Hanami“ spielt ihre bewegende universell-poetische Geschichte um zwei Frauen im ostasiatischen Inselstaat. Obwohl beide total unterschiedlich sind, lernen die junge Marie und die alte Geisha Satomi in dieser „Education sentimentale“, sich von ihren belastenden Erinnerungen zu befreien. Eine unglaublich anrührende Seelenreparatur in eindrucksvollem Schwarzweiß im Sperrgebiet der verstrahlten Zone nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima. Dabei besticht besonders die schauspielerische Leistung der jungen Hauptdarstellerin Rosalie Thomass. Ihr bei den Wechselbädern der Gefühle zwischen Enttäuschung, Wut, Hoffnung und Bemühen zuzusehen, ist sehr berührend.

Webseite: www.gruesseausfukushima.de

Deutschland 2015
Regie und Buch: Doris Dörrie
Darsteller: Rosalie Thomass, Kaori Momoi, Moshe Cohen. Nami Kamata Aya Irizuki
Länge: 104 Minuten
Verleih:  Filmverleih Majestic
Kinostart: 10. März 2016
 

Auszeichnungen / Pressestimmen:

Ausgezeichnet auf der Berlinale mit dem Art-Cinemas-Preis des Internationalen Filmkunstkinoverbandes CICAE

Bayerischer Filmpreis Beste Schauspielerin für Rosalie Thomass

"Schweres leicht zu machen – Doris Dörrie ist es in ihrem Film gelungen. Ihr poetischer Schwarzweissfilm entläßt den Zuschauer mit Wärme und Heiterkeit. Ein Film, der trösten kann und lange nachwirkt."
ZDF Heute Journal

„Ein wirklich schöner Film! Doris Dörrie ist es mal wieder gelungen, Schweres leicht zu machen!“
ZDF Aspekte

„Eine universelle, poetische Geschichte vom Loslassen und Weiterleben.“
radioeins

FILMKRITIK:

„Jetzt kann  ich´s gleich selber nicht mehr hier, Scheiße“, flucht Marie (Rosalie Thomas) und lässt ihren Hula-Hopp-Reifen auf dem Hof einer Containersiedlung in Minamisoma um ihre Hüfte kreisen. Sie wippt hingebungsvoll. Die junge, blonde Deutsche versucht, zwei Dutzend japanischer Frauen, Überlebende der Dreifachkatastrophe in Fukushima, das Spiel mit dem Plastikreifen beizubringen. „Und jetzt, mit viel Schwung“, versucht sie ihre Schülerinnen, die meisten so alt wie ihre Großmutter, krampfhaft zu motivieren. Die Frauen geben sich Mühe beim Hula-Hoop. Sie freuen sich über Abwechslung. Aber sie haben kein Talent.

Marie seufzt ein japanisches Danke. Für heute ist Schluss. Beim Einsammeln der bunten Reifen prallt sie mit Satomi (Kaori Momoi) zusammen, der letzten Geisha der Gegend. Auch sie ein Nuklearflüchtling, der in einem Container Zuflucht gefunden hat. Die agile Siebzigjährige hat beim Hula-Hoop nicht mitgemacht, aber zugeschaut. Sie kann das nämlich. Und sogar mit vier Reifen zugleich, wie sie Marie verächtlich demonstriert. Dann rotzt sie der jungen Deutschen ein „Bullshit“ ins Gesicht. Sie hat die Nase voll. Eigentlich ist auch Marie ein Flüchtling.

Leichtsinnig verscherzte sie ihre große Liebe. Kurz vor ihrer Hochzeit schlief sie mit dem besten Freund ihres Zukünftigen. Gebrochenen Herzens flieht sie deshalb aus Bayern nach Fukushima, um dort zu helfen, wo die Menschen wirklich leiden. Für die Organisation „Clowns4Help“ reist sie in die Präfektur Fukushima. Gemeinsam mit dem Clown Moshe (Moshe Cohen) versucht sie den überlebenden Opfern der Katastrophe ein wenig Freude zu bereiten. Wie die meisten Leute weiß sie freilich nur theoretisch, vom Fernsehen, worauf sie sich einlässt. In der Containersiedlung ist sie komplett überfordert, eine hilflose Helferin.

Und auch neben ihrem Kollegen Moshe (Moshe Cohn) und Nami (Nami Kamata) fühlt sie sich total fehl am Platz. Doch alles ändert sich als die frustrierte alte Geisha vehement an Maries Containertür klopft und fragt, ob die Deutsche Auto fahren könne. Denn Satomi will ihr zerstörtes Haus in der Sperrzone besuchen. Eigensinnig weigert sie sich dann danach, ins Containerdorf zurückzukehren. Am Ende hilft ihr Marie das Haus zu reparieren. Langsam nähern sich die beiden Frauen einander an. Marie lernt von Satomi, mit Verlust und den Gespenstern der Vergangenheit zu leben. Satomi wiederum sucht jemanden, dem sie das Geishalied von Fukushima weitergeben kann.

Und bald schon folgt Marie als lernwillige Schülerin Satomis Anweisungen bei der Teezeremonie. Für das ungleiche Paar beginnt ein Lernprozess, eine Education sentimentale beider Frauen, eine Erziehung der Gefühle, des Herzens und Schule der Empfindsamkeit. „Im großen japanischen Kino gibt es zahlreiche Lehrer-Schüler-Geschichten“, sagt Ausnahmeregisseurin Doris Dörrie. Aber immer seien der Sensei, also der Lehrer, und sein Lehrling Männer. Ihr Anliegen war, einmal Frauen zu zeigen. Zumal im streng patriarchalen Japan zumeist die Frauen den Karren aus dem Dreck ziehen.

„Wir versuchen seit vielen Jahren, uns in die Realität zu schmuggeln“, verrät Dörrie über die Art ihrer Inszenierung, „und nicht die Realität dazu zu verdonnern, unseren Vorstellungen zu entsprechen, wie wir sie mal im Drehbuch festgelegt haben“. Vielleicht gelingen der 60jährigen Wahlmünchnerin deshalb so anrührende Szenen, die scheinbar italienischen Neorealismus mit dem poetischen Realismus des französischen Kinos verknüpfen. In ihrem Schwarz-weiß Universum wirken selbst die schlichten Aufnahmen spektakulär, überformen die harte Wirklichkeit und unterstreichen effektvoll die Stimmungslage ihrer Charaktere.

Dörrie begeht auch diesmal nicht den Fehler, nach Schuld und Opfern zu fragen, sondern beobachtet über die individuellen Verstrickungen zurückhaltend präzise, warum ihre Figuren sind, wie sie sind. Nicht zuletzt deshalb funktionieren selbst die leichten, potentiell berührenden Momente, die ihre einzigartige Filmsprache auszeichnen. Immer wieder blitzt dabei ihr großes Talent für feine Beziehungszeichnungen auf. Bei ihr sind die Dinge immer in der Schwebe und können  selbst in ihrer größten Tragik durchaus komisch sein.

Besonders die schauspielerische Leistung der Hauptdarstellerin Rosalie Thomass besticht: Überzeugend, mit genau gesetztem Einsatz ihrer Mimik, agiert die gebürtige Münchnerin neben der charismatischen japanischen Darstellerin Kaori Momoi als hilflose Helferin und gelehrige Schülerin. Mit einer interessanten Mischung aus Selbstvertrauen und seelischer Fragilität spielt sie ihre Heldin Marie. Egal wie zerbrechlich sie wirkt, ahnt man ihre Stärke. Die Wechselbäder ihrer Gefühle zwischen Enttäuschung, Wut, Hoffnung und Bemühen zu sehen, berühren. Kein Wunder, dass die 28jährige in so kurzer Zeit zur großen Nachwuchshoffnung des deutschen Films avancierte.

Schon in der warmherzigen und humorvollen Coming-Of-Age-Triologie („Beste Zeit“, „Beste Gegend“, „Beste Chance“), des bayerischen Kultregisseurs Rosenmüller beeindruckte ihre verblüffend natürliche Authentizität. Ob als selbstzerstörerische Prostituierte in Dominick Grafs „Polizeiruf 110“, oder in André Erkaus Kino-Kleinod „Das Leben ist nichts für Feiglinge“, wo Rosalie Thomass auftritt, jubeln Juroren: Grimme-Preis, Deutscher Fernsehpreis, Deutscher Schauspielerpreis, diverse Publikumspreise und bereits den Bayerischen Filmpreis für ihre Rolle als Marie. Fehlt jetzt nur noch eine Bären-Trophäe aus der Hauptstadt. „Wir sind in viel zu vielen Filmen bloß die Projektionsfläche männlicher Protagonisten“, kritisiert Rosalie Thomass selbstbewusst. Eine Haltung, die auch der diesjährigen Berlinale Juryvorsitzenden, dem sympathischen Super-Star Meryl Streep gefallen könnte.

Luitgard Koch