Gute Manieren

Eine Krankenschwester beginnt eine Stelle als Kindermädchen für das ungeborene Kind einer wohlhabenden Frau. Die beiden Frauen verlieben sich, doch als das Kind geboren wird, ändert sich alles. Denn bei dem kleinen Wesen handelt es sich um einen gefräßigen Werwolf. Zugegeben: Die Story dieser brasilianisch-französischen Co-Produktion klingt skurril und mutet zunächst ein wenig befremdlich an. Dahinter jedoch verbirgt sich ein präzise durchdachter, ungemein kluger und mutiger Mix aus Horror-Fabel sowie Sozial- und Erziehungsdrama, der vor sozialkritischen Tönen nicht zurückschreckt.

Webseite: www.salzgeber.de

Brasilien/Frankreich 2017
Regie & Drehbuch: Marco Dutra und Juliana Rojas
Darsteller: Isabel Zuaa, Marjorie Estiano, Cida Moreira, Gilda Nomacce, Germano Melo
Länge: 135 Minuten
Kinostart: 26. Juli 2018
Verleih: Salzgeber

FILMKRITIK:

Die mittellose Krankenschwester Clara (Isabel Zuaa) sucht dringend einen Job und ist heilfroh, als sie von der ebenso mysteriösen wie charismatischen Ana (Marjorie Estiano)  als Kindermädchen beschäftigt wird. Die 28-jährige, alleinstehende Frau ist hochschwanger und Clara soll sich nach der Geburt des Kindes um den Säugling kümmern. Schnell freunden sich Clara und Ana an. Wenig später entwickelt sich zwischen ihnen sogar eine Liebesbeziehung, die jedoch jäh endet als Ana in einer Vollmondnacht unerwartet entbinden muss. Sie überlebt die Geburt nicht, weil das Baby durch Anas Bauchdecke bricht und sich als Werwolf entpuppt. Zunächst ist Clara geschockt und will das „Wesen“ eigentlich aussetzen. Doch aus Liebe zu Ana entschließt sie sich am Ende doch, den kleinen Joel zu behalten und großzuziehen.

„Gute Manieren“ wurde als einer der künstlerisch aufregendsten Beiträge beim letztjährigen Filmfest in Locarno gefeiert. Dort erlebte der Film seine Weltpremiere und erhielt am Ende den Spezialpreis der Jury. Inszeniert wurde er vom brasilianischen Regie-Duo Marco Dutra und Juliana Rojas. Dutra und Rojas waren 2011  bereits mit einem ihrer Werke bei einem renommierten Filmfestival vertreten: in Cannes präsentierten sie damals ihr atmosphärisches Horror-Drama „Hard Labor“.

Dutra und Rojas betten ihre Schauer-und Fantasy-Mär in eine vielseitige, alles andere als gängige und ebenso gesellschaftskritische Story ein. Am Anfang des Films werden u.a. in Form von Claras Problemen, auf dem inländischen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, unterschwellig Themen wie die hohe Arbeitslosigkeit sowie die wirtschaftliche schwierige Lage Brasiliens angesprochen. Ebenso wie die Ausgrenzung Farbiger in einem „weißen“ Umfeld. Mutig und entgegen aller Vorurteile und Klischees gestaltet sich darüber hinaus die zarte, sich langsam aufbauende Liebesbeziehung zwischen Clara und ihrer „Chefin“.

Denn die Unterschiede der beiden Frauen könnten vordergründig nicht größer sein. Kindermädchen Clara ist schwarz, verarmt, ohne berufliche Referenzen und einsam. Die gut situierte Ana hingegen ist weiß, in ihrem Umfeld beliebt und bewohnt eine exquisite, edle Wohnung. Dass sich ausgerechnet zwischen diesen beiden divergierenden Frauen eine Beziehung entwickelt, die zudem auch noch überaus glaubhaft gestaltet und leidenschaftlich gespielt ist, erweist sich als einer der großen Pluspunkte dieses außergewöhnlichen Films. Die Versatzstücke aus Sozial-Drama und Liebesfilm, schüttelt „Gute Manieren“ dann jedoch nach exakt der Hälfte der Laufzeit ab.

Mit der unerwarteten (und blutigen) Szene, in der das Kind aus dem Bauch der Mutter ausbricht, ändert „Gute Manieren“ seine Tonalität. Dann entwickelt sich das Werk schwerpunktmäßig zu einem Mix aus Horror und einfühlsam-intelligentem Erziehungs-Drama. Die Spannung ergibt sich dabei in erster Linie aus den Versuchen, das Monster, das in dem kleinen Joel schlummert, im Zaun zu halten. Einmal im Monat, bei Vollmond, wird der sympathische Junge in Ketten gelegt und hinter einer dicken Stahltür eingeschlossen. Doch nicht immer gelingt es, die in kraftvollen, optisch gelungenen Sequenzen dargestellten Verwandlungen hinter verschlossenen Türen stattfinden  zu lassen.

Seine Höhepunkte erreicht der Spannungsbogen in einer düsteren, beklemmenden Szene in einem Kaufhaus sowie in der letzten Einstellung, wenn Clara und Joel bzw. der Werwolf einem wild gewordenen Mob gegenüberstehen. „Gute Manieren“ beweist letztlich eindrucksvoll, dass sich Horror und Arthouse nicht ausschließen müssen.

Björn Schneider