Gutland

Der flüchtige Bankräuber Jens (Frederick Lau) sucht in einem luxemburgischen Dorf Unterschlupf. Die freundliche Kommune um die junge Lucy (Vicky Krieps) entpuppt sich bald als rätselhafte Gemeinschaft, hinter dessen freundlicher Fassade sich die Abgründe des Landlebens auftun. Govinda Van Maele verwebt pittoreske Landschaft und archaisches Gemeindeleben geschickt zu einem, zwischen idyllischem Heimatfilm und surrealem Thriller changierenden Spielfilmdebüt.

Webseite: www.gutlandfilm.com

Luxemburg, Belgien, Deutschland 2017
Regie & Buch Govinda Van Maele
Darsteller: Frederick Lau, Vicky Krieps, Marco Lorenzini, Leo Folschette, Gerard Blaschette, Irina Blanaru u.a
Laufzeit: 107 min.
Verleih: Déjà Vu Film
Kinostart: 03. Mai 2018

FILMKRITIK:

Die Flucht auf das Land ist eine gängige Spielart des Genrefilms. In der abgelegenen Natur sei es in Form einer Landhütte, eines isolierten Dorfes oder eines postapokalyptischen Rückzugsortes, findet besonders der Horrorfilm das perfekte Setting für die notwendige Atmosphäre. Auch in „Gutland“ dient das Land als fein ausgearbeitetes, atmosphärisches Fundament. Jedoch nicht in Form einer menschenleeren und abgelegenen Umwelt, sondern als konkret sozialer Raum und gleichzeitiger Taktgeber für die spezielle Mischung aus Heimatidylle und Albtraum, die Govinda Van Maele in seinem Spielfilmdebüt entwirft.
 
Das Luxemburger Land ist auch für den arbeitssuchenden und nach einem Bankraub flüchtigen Jens (Frederick Lau) idyllisches Refugium und bedrohliche Exilheimat zugleich. Dabei beginnt seine Flucht nach Luxemburg nahezu perfekt: Nach seiner Ankunft im Dorf trifft der stoische Deutsche auf die junge Lucy (Vicky Krieps), die ihm auf der abendlichen Fete ein Bier ausgibt und ihn anschließend in ihr, von Bravo-Postern umringtes Bett einlädt. Sie tritt so verführerisch wie fürsorglich auf und wird damit, ohne dass Jens es richtig bemerkt, nicht nur seine Sommerliebe, sondern gleichzeitig sein einzig wirklicher Bezugspunkt in der fremden Gemeinschaft. Schon kurz nach der ersten Liebesnacht kriegt er eine Stelle als Erntehelfer angeboten, die Jacke eines ehemaligen Dorfbewohners übergestreift und ist fortan nicht nur vor den Behörden sicher, sondern gleichzeitig in Lohn und Brot und damit Teil der Kommune. Die archaische Gemeinschaft besteht fast ausschließlich aus Laiendarstellern, deren einzigartige Präsenz eben jene unheimliche Verschlossenheit ausstrahlt, die den drohenden Zerfall des träumerischen Refugiums erahnen lässt.
 
Sukzessive offenbaren sich Jens die Perversionen und Abgründe der Kommune, die zusammen mit seiner kriminellen Vergangenheit die unwirkliche Schönheit des Sommers bedrohen. Etwa wenn die Kinder beim Spielen ein Feuer im Stall verursachen und zur Strafe an eine Kette gefesselt in die Jauchegrube herabgelassen werden. Den schlagendsten Ausdruck für die faszinierenden Extreme des Landlebens illustriert Van Maele allerdings – mit deutlich subtileren Mitteln – bei der Arbeit auf dem Feld: Hier erscheint die Maisernte an einem Tag noch als eine herrliche Teamarbeit, die man abends mit einem gemeinsamen Bier feiert, um am nächsten Tag zu Jens alleiniger Aufgabe zu werden. Er soll ein Rind suchen, das zwischen den dichten Saatreihen verendet ist und die maschinelle Ernte unmöglich macht. Als er durch das Feld irrt, nähert sich das Surren des Feldhäckslers, der trotz Jens' Anwesenheit durch das Feld pflügt. In nur wenigen Einstellungen inmitten der Maispflanzen wandelt Van Maele die romantische Feldarbeit zur tödlichen Bedrohung.
 
In genau diesem Widerspiel der Stimmungen blüht „Gutland“ auf. Agrarrealismus, Urlaubsromantik und unwirkliche Genreanleihen geben dem Film immer neue Impulse. Dabei bleibt Van Maele stets so flexibel, dass sich sein Film keiner dieser Spielarten ganz verschreiben muss. Mit Leichtigkeit lässt er die pittoreske Heimatfilmidylle in den Schlund des bitterbösen Genrefilms blicken, ohne sich in gängigen Muster von Thriller oder Horror zu verfangen. Die surreale Färbung, die viele der Geheimnisse umgibt, bettet sich passgenau in das Sozialgefüge des Landlebens ein. „Gutland“ ist kein Film der das Land als ein reines Setting begreift, um das darin verborgene Horrorszenario nach außen zu kehren. Van Maele füllt die Abgeschiedenheit mit Leben und findet so einen erfrischenden, neuen Entwurf der filmischen Stadtflucht.
 
Karsten Munt