Hannas schlafende Hunde

Packendes Drama um ein selbstbewusstes Mädchen, das ein gut gehütetes Familiengeheimnis lüftet – und dabei in die Abgründe einer vermeintlich idyllischen Provinzstadt blickt, deren Bewohner auch Jahre nach Kriegsende noch immer fanatisch der Nazi-Ideologie frönen. Von ihrer jüdischen Herkunft ahnt die neunjährige Johanna nichts, bis sie auf dem Schulhof unvermittelt angepöbelt wird. Mit Hilfe ihrer Oma bringt die junge Titelheldin Licht in das Labyrinth des Schweigens und der Lügen – und gerät in höchste Gefahr. Atmosphärisch dicht, psychologisch präzise sowie überzeugend gespielt entwickelt sich eine spannendes Generationen- und Gesellschaftsdrama, das unter die Haut geht.     

Webseite: hannasschlafendehunde.de

Deutschland / Österreich 2015
Regie: Andreas Gruber
Darsteller: Hannelore Elsner, Franziska Weisz, Nike Seitz, Rainer Egger, Christian Wolff, Johannes Silberschneider
Filmlänge: 120 Minuten
Verleih: Alpenrepublik
Vertrieb: Tobis Film GmbH & Co. KG
Kinostart: 9. Juni 2016
 

Preise/Auszeichnungen:

Bayerischer Filmpreis 2015

FILMKRITIK:

„Meine Mutter hat schon recht: Besser man hat mit euch nichts zu tun!“, schwadroniert ein frustrierter Schüler beim Sport und knallt seinen Ball mit voller Wucht auf die neunjährige Johanna (Nike Seitz). Das verdutzte Mädchen weiß kaum, wie ihr geschieht und was diese Beschimpfung bedeuten soll. Zuhause bekommt Johanna wieder einmal keine Auskunft. „Wir fallen nicht auf!“, belehrt sie ihre Mutter (Franziska Weisz). Auffallend stur, fast schon hysterisch setzt die verschlossene, zerbrechlich wirkende Mama auf eine möglichst große Normalität ihrer Familie. Selbst die Teilnahme an einem harmlosen Gesangswettbewerb verbietet sie ihren Kindern. Während Ehemann Franz (Rainer Egger) sich klaglos in die Ansagen seiner Gattin Katharina fügt, gibt sich deren erblindete Mutter Ruth (Hannelore Elsner) rigoroser. „Irgendwann kommt alles raus und fliegt dir um die Ohren“ warnt die alte Dame ihre Tochter.
 
Die harmlos biedere Idylle im österreichischen Provinzstädtchen Wels erweist sich als trügerisch. Auch anno 1967 finden sich noch glühende Anhänger der Hitlerei unter den Bewohnern. „Der 8. Mai war für uns kein Tag der Befreiung“, überschreiben die ewige Gestrigen ihre Gedenkfeier, bei der inbrünstig das „Horst Wessel-Lied“ mit Posaunenklängen intoniert wird. Die zugezogene Familie Berger hat sich längst mit den Umständen arrangiert: Wegsehen. Verdrängen. Unauffällig bleiben. Sonntags wird der katholische Gottesdienst besucht. Die zunehmend bedrohlicheren Übergriffe des betrunkenen Hausmeisters auf Johanna werden von der Mutter ebenso ignoriert wie das dubiose Verhalten jenes einstigen Bankdirektors aus der Nachbarschaft oder die Gewaltausfälle ihres Schwagers. Diese unwürdige Charade findet ein abruptes Ende, als die Neunjährige vom Pfarrer erfährt, dass sie aus einer jüdischen Familie stammt. Mit kindlicher Neugier erkundet das aufgeweckte Mädchen ihre Identität und findet in der resoluten Großmutter eine verlässliche Verbündete. „Es gibt viele hier, die uns immer noch vergasen würden“, erklärt die kluge Oma ihrer wissbegierigen Enkelin. Als den tyrannischen Hausmeister der überraschende Tod ereilt, kommentiert die blinde Dame: „Wie das riecht, Gerechtigkeit …!“.
 
Nach der Vorlage des gleichnamigen Romans von Elisabeth Escher inszeniert Andreas Gruber („Hasenjagd“)  mit psychologischer Präzision ein stimmiges Sittengemälde über die bleierne Zeit im Österreich der 60-er Jahre, das auch in der Bundesrepublik ganz ähnlich ausfallen würde. Mit „Im Labyrinth des Schweigens“ oder „Der Staat gegen Fritz Bauer“ hat das aktuelle Kino erfolgreich gezeigt, wie man sich Aufarbeitung der Nazi-Zeit in der Nachkriegsgeschichte widmen kann. Andreas Gruber nähert sich dem Thema denkbar klug, nämlich fast harmlos und dafür umso eindringlicher über den Mikrokosmos des Familienlebens. „Ich möchte eine nicht immer gleich erkennbare Scheinwelt von Normalität erschaffen, in der selbst die ungeheuerlichsten braunen Rülpser zur Normalität gehören“, erläutert der Regisseur sein Konzept. „Man könnte in Anlehnung an Hannah Arendt von der Trivialität und Selbstverständlichkeit des Bösen sprechen. Durch eine besonders lapidare, unbetonte Inszenierung soll eine Monstrosität der Figuren verhindert werden – weil es ihnen eine unverdiente Größe geben würde.“
 
Die liebevoll ausgestattete, harmlose 60-er Jahre Ausstattung, die bis zum authentischen Kassenbrillen-Gestell des ohnmächtigen Vaters reicht, gerät zur unheimlich wirkenden Kulisse einer beklemmenden Atmosphäre, in der sich wahre menschliche Abgründe auftun. Wenn der brutale Vergewaltigungsversuch des selbsternannten Herrenmenschen-Hausmeisters an einem wehrlosen Mädchen banal an dessen Betrunkenheit kläglich scheitert, wirkt diese Szene kaum weniger beklemmend wie die verlogene Galanterie jenes eitlen Bankdirektors, der seinen widerwärtigen Missbrauch wie selbstverständlich mit Macht und Geld zu rechtfertigen versucht.
 
Für ein heikles Thema wie dieses bedarf es eines exzellenten Ensembles. Das überzeugt hier tatsächlich bis in die Nebenrollen. Hannelore Elsner als charismatische Grande Dame des deutschen Kinos bedarf da eigentlich kaum noch der Erwähnung. Als Entdeckung erweist sich derweil die junge Nike Seitz, die die sensible Titelheldin glaubhaft mit einer angenehmen Unaufdringlichkeit und Natürlichkeit jenseits der oft antrainiert wirkenden Kinderdarsteller gibt.   
 
„Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“, schrieb Bertolt Brecht einst als Epilog in „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ – an der quirligen Hanna und ihren schlafende Hunden hätte er vermutlich sein dialektisches Gefallen gefunden.
 
Dieter Oßwald