Hans Blumenberg – Der unsichtbare Philosoph

Ein Unbekannter ist der Philosoph Hans Blumenberg gewiss nicht, aber er ist deutlich weniger bekannt als seine Zeitgenossen. Diesen Missstand nimmt Christoph Rüter zum Anlass für seine Dokumentation „Hans Blumenberg – Der unsichtbare Philosoph“, die ihn auf intellektuelle Spurensuche durch die Republik führt, wobei Denken und Einfluss Blumenbergs deutlich wird.

Webseite: www.realfictionfilme.de

Dokumentation
Deutschland 2018
Regie: Christoph Rüter
Buch: Christoph Rüter & Burkhard Lütke Schwienhorst
Länge: 102 Minuten
Verleih: RealFiction
Kinostart: 22. November 2018

FILMKRITIK:

In Lübeck wurde Hans Blumenberg 1920 geboren, machte sein Abitur also 1939, genau zu Beginn des Zweiten Weltkrieges. Als Jahrgangsbester nicht nur seiner Schule, sondern ganz Schleswig-Holsteins schloss er ab, konnte jedoch nicht sofort studieren, denn als so genannter „Halb-Jude“ musste er sich jahrelang verstecken. Eine Lücke, die Blumenberg sein Leben lang bedauerte, kostete sie ihn doch Jahre, die er lieber mit lesen, forschen und nachdenken über die Fragen verbracht hätte, die ihn umtrieben: Der Mensch und sein Denken, der unaufhörlich dem Tod entgegengeht.
 
Zahllose Werke veröffentlichte Blumenberg, aber es waren seine Vorlesungen, die ihn bei Studenten in Münster, aber auch bei den Bürgern, die jahrelang zu seinen berühmten Freitags-Vorlesungen pilgerten, so beliebt machten. In freier Rede muss Blumenberg die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer gefesselt, mit seinem enzyklopädischen Wissen beeindruckt haben. Fragen oder gar eine Diskussion ließ er nicht zu und verschwand nach den Vorlesungen wieder in seine Studierstube, um weiterzuarbeiten.
 
Bei diesen Vorlesungen war Mitte der 80er für ein Semester auch Christoph Rüter Zuhörer, der sich nun auf eine intellektuelle Spurensuche begibt. Zu diesem Zweck hat er drei Mitstreiter rekrutiert: Seine ehemaligen Kommilitonen Burkhard Lütke Schwienhorst und Klaus Schölzel, die inzwischen als Werbetexter bzw. Taxifahrer arbeiten und immer noch regelmäßig Blumenberg lesen und Rüdiger Zill, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Einstein-Forum, Potsdam, der vielfältig über Blumenberg geforscht und publiziert hat.
 
Ihre Spurensuche beginnt in Lübeck, wo sie tatsächlich noch zwei Klassenkameraden von Blumenberg finden, und geht weiter über Münster, wo Blumenberg lange Jahre unterrichtete, über Marbach, wo im Deutschen Literaturarchiv der Nachlass des Philosophen liegt, über München bis nach Zürich. An den Orten treffen sie unterschiedliche Menschen, diverse Philosophen, die sich mit Blumenbergs Werk beschäftigen, seine Tochter Bettina, die als Übersetzerin arbeitet und den Nachlass des Vaters verwaltet, aber auch Journalisten, die Blumenberg nie persönlich begegneten, aber seine Artikel veröffentlichten und von langen Telefonaten mit dem Autor berichten.
 
Auch alte Tonbandaufzeichnungen mit Ausschnitten aus Blumenbergs Vorlesungen sind zu hören, die einen kleinen Einblick in das Denken des Autors geben. Doch die komplexen Inhalte der Gedankenwelten Blumenbergs können hier nur angerissen werden, in kurzen Gesprächsfetzen mag man einige Grundideen aufschnappen, doch für eine Philosophiestunde ist so ein Dokumentarfilm sicher nicht das richtige Format. Stattdessen bekommt man im Lauf von Christoph Rüters Film einen Eindruck über den Einfluss, den Blumenberg auf seine Studenten und Leser gemacht hat. Die Begeisterung, mit der von den Vorlesungen, den persönlichen oder telefonischen Begegnungen gesprochen wird, erzählen mehr als alles andere von der Persönlichkeit Blumenbergs, die augenscheinlich Generationen von Studenten, Hörern und Lesern inspiriert und in die Tiefen der Philosophie geführt hat. Christoph Rüters Film dürfte dazu beitragen, dass das Interesse an Blumenberg auch in Zukunft nicht abnimmt.
 
Michael Meyns