Happy Hour

Angeln, Party machen und Spaß haben – so stellen sich die Freunde Hans-Christian, Wolfgang und Nic ihren einwöchigen Irland-Trip vor. Tatsächlich verläuft die Reise auf die idyllische grüne Insel zunächst wie geplant. Doch amouröse Verwicklungen stellen die Freundschaft bald vor eine Belastungsprobe. Figuren und Handlung der mit nachdenklichen Momenten angereicherten Komödie „Happy Hour“ sind lebensecht und realistisch. Regisseur Franz Müller beweist sein Gespür für zwischenmenschliche Konflikte sowie menschliche Sehnsüchte und zeigt, dass Bedürfnisse wie Sex, Freiheit und Spaß am Leben keine Frage des Alters sind. 

Webseite: www.realfictionfilme.de

Deutschland/Irland 2015
Regie: Franz Müller
Drehbuch: Franz Müller
Darsteller: Simon Licht, Alexander Hörbe, Mehdi Nebbou, Susan Swanton, Daniela Lebang
Länge: 95 Minuten
Verleih: Real Fiction
Kinostart: 12. Mai 2016
 

FILMKRITIK:

Hans-Christian (Alexander Hörbe), HC genannt, geht es gar nicht gut: seine Frau hat ihn verlassen. Um ihn wieder aufzubauen, kommen seine beiden Jugendfreunde Wolfgang (Simon Licht) und Nic (Mehdi Nebbou) auf die Idee, nach Irland zu fahren. Dort hat Wolfgang ein Cottage und es wäre die optimale Gelegenheit, die guten alten Zeiten wieder aufleben zu lassen. Und so machen sich die drei Mittvierziger auf nach Irland, um bei Guinness und wilden Partynächten die Jugendjahre noch einmal aufleben zu lassen. Nach einem unbeschwerten Beginn muss sich im Laufe der Zeit jeder der Drei der Frage stellen, ob alle Ziele und Wünsche im Leben erreicht wurden. Schließlich geht man stark auf die 50 zu. Hinzu kommt, dass ihre Freundschaft durch eine Gruppe von irischen Frauen auf eine harte, unerwartete Probe gestellt wird.

Der angenehm zurückhaltend inszenierte Buddy-Film, der zu jeder Zeit nah an der Lebenswirklichkeit ist, wurde von Franz Müller inszeniert. Müller ist Mitherausgeber des Filmmagazins „Revolver“, das vor allem Interviews mit und Texte von Filmschaffenden enthält, bekannt wurde er mit seinem Patchwork-Drama „Die Liebe der Kinder“ (2009). Ebenso wie in diesem Drama lotet Müller auch in „Happy Hour“ den Wandel aus, dem zwischenmenschliche Beziehungen im Laufe der Zeit ausgesetzt sind. Gedreht wurde „Happy Hour“ im südirischen West Cork, ein Ort, der für seine steilen Klippen, die unberührte Natur und idyllischen Küsten bekannt ist.

Auch wenn im Verlaufe des Irland-Trips so allerlei passiert, von amourösen Verwicklungen über ausgelassene Party-Nächte bis hin zu heftigen Streitigkeiten oder gar unbekleidetem Holzhacken bei Nacht, so steht doch immer das Beziehungsgeflecht der drei Freunde untereinander im Mittelpunkt des Films. Dass es überhaupt zu den Differenzen und Problemen kommen kann, liegt in der feinen Ausarbeitung und Zeichnung der Charaktere begründet. Drei (mehr oder weniger) gestandene Männer Mitte 40, alle bereits Väter und von den Müttern ihrer Kinder getrennt, die unterschiedlicher kaum sein könnten: der introvertierte Softie (HC), der spießige, selbstbewusste Macho (Wolfgang) und der notorische Besserwisser (Nic). Alle drei Darsteller passen perfekt in ihre Rollen, auch optisch. Dass vor allem Simon Licht die Darstellung des herrisch auftretenden, dominanten Alphamännchens besonders liegt, bewies er u.a. bereits in der Serie „Stromberg“.

Dem Film ist seine Ehrlichkeit hoch anzurechnen. Er zeigt, dass Menschen – auch wenn sie bereits ein gewisses Alter erreicht und z.B. eine gescheiterte Ehe hinter sich haben – sich keineswegs weniger nach Dingen sehen, die man gemeinhin vielleicht am ehesten mit Teenagern in Verbindung bringen würde: Spaß haben, sexuelle Lust, der Ausbruch aus dem Alltag und dem heimischen Trott. „Happy Hour“ macht deutlich: dies sind ganz normale, menschliche Begehren, derer man sich nicht schämen muss und die man ausleben kann, egal wie alt man ist.

Natürlich entstehen auch so auch die ein oder anderen – für die Protagonisten peinlichen, für den Zuschauer köstlich unterhaltsamen – Momente. Denn aus dem Versuch, die Jugend zumindest für eine Woche wieder aufleben zu lassen, generiert der Film seine komischsten Szenen, wie z.B. wilde, ausgelassene Tänze in der Disco oder sexuelle Handlungen im Beisein der Anderen. Diese Szenen machen auf komische Weise und mit einem Augenzwinkern deutlich: reife Männer sind männlichen Teenagern gar nicht so unähnlich.

Nachdem die Freunde eine Gruppe von Frauen besser kennengelernt haben, kommt es, wie es kommen muss: es entstehen Gefühle und damit werden die Disharmonien in Gang gesetzt. Doch echte Freundschaften zeichnen sich eben auch dadurch aus, dass sie Differenzen aushalten. Und schließlich werden die Männer in der Abgeschiedenheit der ländlichen Idylle noch gezwungen, sich mit ihrem bisherigen Leben und dem Erreichten auseinanderzusetzen. Der inneren Aufgewühltheit und Verwirrung der Freunde setzt Regisseur Müller die Stille und Erhabenheit der irischen Landschaften entgegen, was einen idealen, stimmungsvollen Kontrast darstellt. 

Björn Schneider