Hard Paint

Schwarzlicht, erotische Bewegungen, ein mit Neonfarben bemalter Körper und vibrierende elektronische Musik – wenn der junge Pedro als „NeonBoy“ online vor laufender Kamera tanzt, fühlt er sich befreit und sicher. Aber nur virtuell kann er sich seiner Außenwelt öffnen, im wahren Leben kämpft er um Bestätigung und ringt mit seiner Identität. Bei der brasilianischen Produktion „Hard Paint“ handelt es sich um ein mitreißendes, gesellschafts-kritisches Drama, das von der Flucht in eine von Lust und Selbstverwirklichung geprägte Parallelwelt erzählt.

Webseite: www.pro-fun.de

Originaltitel: Tinta Bruta
Brasilien 2018
Regie & Drehbuch: Filipe Matzembacher, Marcio Reolon
Darsteller: Shico Menegat, Bruno Fernandes, Guega Peixoto, Sandra Dani, Frederico Vasques
Länge: 118 Minuten
Kinostart: 15. November 2018
Verleih: Pro-Fun Media

FILMKRITIK:

Der eigenwillige Pedro (Shico Menegat) lebt mit seiner Schwester (Guega Peixoto) in einer kleinen Wohnung in Porto Alegre. Vor kurzem erst ist er von der Schule geflogen, wegen einer Schlägerei hat er zudem eine Anklage am Hals. Da kommt es mehr als ungelegen als ihm seine Schwester auch noch mitteilt, dass sie ausziehen wird. Pedro bleibt allein in der Wohnung zurück. Doch wirklich allein ist er nie, denn der junge Mann verdient sein Geld in Chatrooms. Als „NeonBoy“ zieht er sich zu Techno-Musik aus und reibt seinen Körper mit Neonfarben ein, die in der Dunkelheit seines Zimmers zu leuchten beginnen. Er macht vor der Webcam das, was die User von ihm wollen. Er ist geschockt als er entdeckt, dass ein User namens Boy25 seine Neon-Show nachahmt. Hinter diesem Alias steckt Leo (Bruno Fernandes), mit dem sich Pedro kurz darauf trifft. Ein Date mit weitreichenden Folgen.

Sieben Monate hatten die Darsteller Zeit, um sich auf ihre Rollen, den richtigen Umgang mit den Farben und den erotischen Tanz vor der Kamera vorzubereiten. Damit gewährten ihnen die beiden Filmemacher Marcio Reolon und Filipe Matzembacher einen für eine Arthouse-Produktion ungewöhnlich langen Vorlauf. Reolon und Matzembacher gelang vor drei Jahren mit dem Drama „Seashore“ der Durchbruch, zuvor hatten sie einige Kurzfilme realisiert. „Hard Paint“ lief auf der diesjährigen Berlinale in der Sektion Panorama.

„Hard Paint“ handelt vom Ausbrechen in die von Anonymität und scheinbar völliger Freiheit bestimmte Welt des virtuellen Raums, in der sich Hauptfigur Pedro entfalten und seinen Stimmungen hingeben kann. Der schüchterne, aber zu Gewaltausbrüchen neigende Mann scheint bei seinen Performances ganz im Schwarzlicht seines Zimmers und hinter den schillernden Farben zu verschwinden. Sie ermöglichen es ihm, als NeonBoy eine Art zweite Persönlichkeit zu erschaffen. Die sinnlichen, pulsierenden Tanzszenen (zu denen sich später noch Leo gesellt) sind die Höhepunkte des Films. In Verbindung mit dem kraftvollen Leuchten der Farben entsteht in diesen Momenten eine knisternd-elektrisierende und hypnotische Stimmung, der man sich schwer entziehen kann.

Sie stehen außerdem im krassen Kontrast zu der die beiden Hauptfiguren umgebende Realität. Denn der neonfarbene, schützende Kosmos existiert nur so, solange sie ihre Shows aufführen und mit ihrer Online-Fangemeinde in Kontakt treten. Bricht zum Beispiel die Internet-Verbindung zusammen (was in einer Szene auch passiert), entfernen sie sich radikal und unvermittelt aus der für sie so angenehmen „Paralleldimension“ – und finden sich in der tristen Wirklichkeit wieder. Diese zeichnen Reolon und Matzembacher als eine von Gewalt und Hass gegenüber Minderheiten geprägte, restriktive Welt. Das wird gerade in einer intensiven Sequenz deutlich, in der Pedro von zwei anderen Männern verprügelt wird.

Es ist anzunehmen, dass Reolon und Matzemacher eigene Erlebnisse in ihren Film haben einfließen lassen. Beide stammen aus der südbrasilianischen Metropole, in der die Handlung angesiedelt ist und sie sind nur wenig älter als die beiden Hauptcharaktere des Films. Sie haben den Kampf, den Pedro und Leo ausfechten, vermutlich selbst geführt:  Der Kampf um Anerkennung und Akzeptanz in einer homophoben Gesellschaft. Denn Brasilien gilt als Weltmeister in Sachen „Homophobie-Verbrechen“.

Allein 2017 gab es 387 Morde und 58 Selbstmorde, die in direktem Zusammenhang mit Homophobie stehen. Auch darauf verweist der Film unterschwellig, der trotz aller Schwermut immer wieder durchzogen ist von Augenblicken der Befreiung und Hoffnung. Etwa in der einnehmenden allerletzten Szene des Films, die von Pedros neugewonnenem Mut und erstarktem Selbstbewusstsein zeugt.

Björn Schneider