Harms

Heiner Lauterbach als harter Hund in einem deutschen Gangsterfilm – klingt nach einem ungewöhnlichen Projekt. „Harms“ entstand ohne Filmförderung und wurde innerhalb weniger Monate geplant und gedreht. Federführend waren Lauterbach selbst und Regisseur Nikolai Müllerschön („Der rote Baron“), der auch das Drehbuch schrieb. Für die Geschichte eines alternden Knastbruders und seines letzten Bruchs fanden die beiden viele prominente Mitspieler: Zu sehen sind Friedrich von Thun, Axel Prahl und Martin Brambach.

Webseite: www.harms-derfilm.de

Deutschland 2014
Buch und Regie: Nikolai Müllerschön
Darsteller: Heiner Lauterbach, Axel Prahl, Martin Brambach, Friedrich von Thun, André Hennicke, Valentina Sauca
Kamera: Klaus Merkel
Länge: 98 Minuten
Verleih: Kinostar
Kinostart: 12. Juni 2014

FILMKRITIK:

16 Jahre. So lange saß Harms (Heiner Lauterbach) im Knast. Weil er sich weigerte, einen Komplizen ans Messer zu liefern. Weil in dem Gangster ein Ehrenmann steckt. Jetzt tauscht Harms seine Zelle gegen ein Zimmer mit Bett ein, das verdammt nach Knast aussieht. Er lässt sich treiben. Bis er dem ehemaligen Bundesbank-Vorstand Knauer (Friedrich von Thun) über den Weg läuft. Zufällig, wie es scheint. Der macht dem schweigsamen Harms einen Vorschlag, den der einfach nicht ausschlagen kann: Im Keller der Bundesbank lagern 100 Millionen Euro. Und Knauer weiß, wie man da rankommt. Harms rekrutiert seine Komplizen Menges (Axel Prahl) und Timm (Martin Brambach) und macht sich an die Planungen für sein letztes großes Ding.
 
Hut ab, ganz schön mutig, so ein Projekt durchzuziehen. Und unbedingt wünschenswert, dass der Mut, die Leidenschaft und Energie von Müllerschön und Lauterbach Nachahmer finden. Noch dazu, wenn es um ein im deutschen Kino brachliegendes Genre wie den Gangsterfilm geht. Beide beschweren sich zurecht im Presseheft darüber, dass zwar Hundertschaften von Polizisten die Fernsehbildschirme bevölkern, die große Tradition des Verbrecherporträts hierzulande so gut wie unbekannt ist. Gute Genrefilme braucht das deutsche Kino tatsächlich ganz dringend.
 
Leider ist „Harms“ allerdings trotz aller Vorsätze kein guter Genrefilm geworden. Er enttäuscht fast auf ganzer Linie. Das liegt zu großen Teilen an der fahrigen, stellenweise geradezu unbeholfenen Regie. Müllerschön drehte den Film mit Digitalkamera, scheinbar auch ohne Filter und mit wenig Lichtsetzung. Die ungeschönten Bildern sollen offensichtlich dokumentarisch wirken. Eine künstlerische Entscheidung, die irritiert. Was will Müllerschön mit dieser Schein-Authentizität erreichen? Diese wirkt bei einem Gangsterfilm, dessen Story sich eher aus der langen Genre-Geschichte speist und leicht mythisch überhöht ist, nur vorgeschoben. Eine echte stilistische Durchdringung des Materials wäre hier angebracht und tatsächlich authentisch gewesen. So strahlt „Harms“ den rumpeligen Charme einer studentischen Fingerübung aus.
 
Die Vermutung liegt nahe, dass Müllerschön unbedingt gesellschaftliche Relevanz herstellen will. Anstatt diese aus der Geschichte entstehen zu lassen und seinen Bildern und den Darstellern zu vertrauen, nutzt er dazu den dramaturgischen Holzhammer: Gefangene Fliegen und Käfer müssen die Ausweglosigkeit von Harms’ Lage verdeutlichen. Dazu kommt, dass das Drehbuch zu ungenau und vage bleibt, wenn es um den Einbruch geht. Echte Spannungsdramaturgie zeichnet sich aber durch große Genauigkeit aus. So mündet „Harms“ in ein geradezu bizarres finales Shootout auf offener Straße, ohne zuvor wirklich spannend gewesen zu sein. Immerhin: Lauterbach spielt großartig und liefert mit einigen groben Pinselstrichen das Porträt eines Gestrandeten, den bei aller Härte eine Aura der Melancholie umgibt. Diese Melancholie diffundiert in den Rest des Films und überdeckt stellenweise seine Unzulänglichkeit. Lauterbach und Müllerschön sollen schon an ihrem nächsten Film arbeiten – vielleicht dann mit mehr Erfolg.
 
Oliver Kaever